Topographie des Verschwindens. Xie Nanxings Bild-Serie untitled, 2006 auf der Documenta 12 ( en )

Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, 2007-05

„Wenn es in meinen Bildern kein Licht gäbe, wären sie total erledigt.“
(Xie Nanxing)

Die nationale und lokale Verortung von Xie Nanxing (geboren 1970 in Chongqing, China) ist irrelevant für die Begegnung mit seinen in Öl auf Leinwand gemalten Bildern. Weder technisch noch thematisch bezieht sich Xie Nanxing erkennbar auf die ihn im Alltag umgebende Pekinger Metropolenwirklichkeit. Die seit 1999 entstandenen Arbeiten dokumentieren vielmehr den zunehmenden Rückzug des Künstlers in eine abstrakte Bildsprache. Gleichzeitig – vermeintlich paradox – bleibt der Bezug zum konkreten Bildgegenstand durchaus bewahrt. Man könnte von einer „Topographie des Verschwindens“ sprechen.

Die auf der Documenta 12 gezeigten drei Arbeiten – allesamt ohne Titel – bilden eine abgeschlossene Werk-Serie. Befragt man Xie Nanxing zum Thema der Bilder, so führt die Antwort unmittelbar zu der für ihn spezifischen Arbeitsweise. Über verschiedene mediale Ebenen vermittelt (Zeichnung, Film, Fotografie, das Einbeziehen von Papierobjekten usw.) gelangt der Künstler zur visuellen Umsetzung seiner Ideen in der Malerei. Der Zeichnung, aber auch den Neuen Medien kommen sozusagen eine Mind Mapping-Funktion zu.

„In der Serie untitled, 2006 ging es mir um einen imaginären Ort, der an sich schon die verschiedenen Dimensionen von Gefahr und Bedrohung, aber gleichzeitig auch Verführung, Begierde, Erotik und Sehnsucht evoziert. So kam der Entschluss, einen virtuellen Garten in der Nacht zur Leitidee zu machen. Natürlich verbinde ich damit keine konkrete Vorstellung eines bestimmten Gartens, das Bild ist eher ein psychologisches Gleichnis, eine Metapher für die dunklen Bilder unserer Vorstellung.“

Xie Nanxing bezeichnet sich selbst als ungeduldigen Künstler. So verwirft er bereits im Zuge der ersten Arbeitsschritte von untitled 1, 2006 den Gedanken, eine nächtliche Naturszenerie im Modus der Zeichnung festzuhalten.

„Die Vorstellung von Bäumen, Pflanzen usw. machte mich schon im Vorhinein unzufrieden. Da habe ich einfach eine Leinwand mit schwarzer Farbe überzogen, diese Fläche mit einer Videokamera abgefilmt und durch die Veränderung der Lichtverhältnisse und der Aufnahmeperspektive erreicht, dass unterschiedliche Schattierungen und Farbabstufungen entstanden. Den schwarzen Film habe ich dann im Fernseher abgespielt, davon Fotos gemacht und mir aus diesen Stills dasjenige ausgesucht, das mich am stärksten angesprochen hat. Das war dann die Vorlage für untitled 1, 2006.“

Das Unerwartete, Überraschende und Unkalkulierbare wäre ihm am Wichtigsten gewesen bei dieser Serie, erläutert Xie Nanxing. Wenn er rekapituliert, wie die drei Bilder entstanden, wirkt er selbst am meisten darüber überrascht, was da letztendlich auf der Leinwand zu sehen ist.

„Die Fotos zeigten plötzlich Strukturen, die an Gras, Pflanzen und Bäume denken ließen. Diese schattenhafte schwarze Fläche von dem ausgewählten Foto habe ich dann in mehreren Schichten auf die Leinwand übertragen und dabei bestimmte Elemente und räumliche Aspekte deutlicher ausgearbeitet. Als konkretes Detail, als Lichtquelle kam mir die Idee mit der Warnlichtlampe. Nicht nur die konkrete Bedeutung des Gegenstandes lässt an gefährliche Situationen denken, das rote Licht würde ja auch hektisch flackernd die Umgebung anstrahlen.“

Untitled 1, 2006 ist nach Monaten fertig, das Resultat stellt Xie Nanxing allerdings nicht zufrieden und er beginnt eine zweite Fassung. Diese Suchbewegung bezeichnet der Künstler als Konkretisierungsprozess. Wenn der „höchste Grad des Konkreten“ (Xie Nanxing) erreicht ist – und hier stellt die untitled, 2006 er Serie eine konsequente Weiterführung der früheren Arbeiten dar –, findet der Betrachter jedoch kaum noch Anhaltspunkte, um welches Thema es sich dabei ursprünglich für den Künstler gehandelt hat. Die Möglichkeit, diesen Rückbezug durch den Titel herzustellen, schlägt Xie Nanxing mit aller Vehemenz aus. „Wenn die Bilder fertig sind, möchte ich sie nicht mehr an meine Intention rückkoppeln. Da sieht dann wahrscheinlich jeder Betrachter etwas anderes und das ist ganz in meinem Sinne.“

Nachdem Xie Nanxing diese erste Arbeit als abgeschlossen erachtet, entstehen untitled 2, 2006 und untitled 3, 2006 auf der Grundlage einer vage andeutenden Skizze. Mit wenigen Strichen direkt auf der Leinwand angelegt und danach ausgearbeitet, findet sich der Betrachter von untitled 2, 2006 in einer spärlich von Bäumen bewachsenen Lichtung wieder. Das nicht näher bestimmbare Unterholz – oder ist es eine Grasfläche? – ist von kalt-grünem, diffusen Licht angestrahlt. Ansonsten ist auch diese Bildfläche in Schwarz- und Grautönen gehalten. Wie durch ein Nachtsichtgerät blickt der Betrachter in diese unwirtliche Umgebung. Gesteigert wird das Unbehagen noch durch die drei runden Leuchtflächen im oberen Teil des Bildes, ein weiterer sichelförmiger Lichtkörper strahlt etwas weiter unterhalb aus der Tiefe des Dunkels. Bewegt man sich vor dem Bild, so zeigen sich aus bestimmten Blickrichtungen und bei guten Lichtverhältnissen nicht näher bestimmbare schattenhafte Gestalten im Bildmittelgrund.

„Ich dachte dabei an Vögel und Vogelaugen, die aus der Dunkelheit hervorlugen. Erst hatte ich die Vögel sogar aus Papier gefaltet und auf die Leinwand geklebt; diese Version des Bildes habe ich dann aber verworfen. Ja, und diese gebogenen, baumähnlichen Schattengewächse; irgendwie haben die schon etwas Phallisches und spielen auf die erotische Komponente einer nächtlichen Szene im Freien an.“

In untitled 3, 2006 bestimmt das Grau in Grau der Nacht gänzlich die Atmosphäre des Bildes. Gerade einmal die Pflanzen am vordersten Bildrand sind von einem taschenlampengroßen Lichtkegel angestrahlt. Leitidee dieser Arbeit war für Xie Nanxing die nächtliche und unfreiwillige Begegnung eines Pfaus und einer Katze. „In meiner Kindheit haben wir oft aus getrockneten Gräsern Pfauen gebastelt. Im Bildzentrum ist eine solche Figur angedeutet. Die Katze – ich gebe zu, die ist schwer zu erkennen – ist hier links bei dem menschlichen Schatten“, erläutert Xie Nanxing vorm Bild stehend. „Wichtigstes Ereignis bei der Arbeit an diesem Bild war eindeutig der Moment, in dem die Raumbeleuchtung meinen eigenen Schatten auf die Leinwand warf.“ Nun ist dieser Schatten malerisch verewigt.

Das Arbeiten mit sich überlagernden Schrift- oder Bildschichten – seien sie konkreter Natur oder in der Sphäre des Bewusstseins angesiedelt – findet seinen konzentrierten Ausdruck im Phänomen des Palimpsest. War damit ursprünglich die wissenschaftliche Methode gemeint, nahezu gänzlich abgeschabte Überbleibsel eines Textes auf einer Steinplatte oder einem Pergament wieder sichtbar und lesbar zu machen, wird das Palimpsest im 20. Jahrhundert zur zentralen Metapher verschiedener Disziplinen. In Literatur, Philosophie und Bildender Kunst markiert man damit das Spannungsverhältnis zwischen Vergessenem, Unbewusstem, Überlagertem, Überschriebenem, nicht mehr Sichtbarem einerseits und aktuellen Informationen, Bewusstem, einer Überschreibung oder – im Kunstkontext – Übermalung andererseits. Cy Twombly gilt als einer der renommiertesten bildenden Künstler dieser Arbeitsweise. Wie Twombly wird Xie Nanxing zum Akteur auf verschiedenen Zeitebenen und den damit korrespondierenden Bildschichten, wird sich selbst zum Dialogpartner, wird zum Beobachter seines eigenen Werkprozesses. Zielrichtung seiner Arbeiten ist es, Licht in das Dunkel der eigenen, nur ahnungsweise zugänglichen Bildwelten zu bringen. Diese visuellen Ressourcen des Künstlers bilden die erste Schicht des Palimpsests, sie gilt es im Entstehungsprozess der Arbeiten ‘freizulegen’. Weitere Bildschichten produziert der Künstler z. B. durch den Einsatz von Filmtechnik und Fotografie, die er der eigenen Kontrolle entbindet und die Regie über das visuelle Resultat an sie abtritt. Die Rolle der modernen Technik scheint hier zunächst sehr verschieden von der des modernen Palimpsestologen zu sein, der feinste Röntgentechnik nutzt, um die überlagerten Schriften oder Bilder zum Vorschein zu bringen. Inhaltlich sind beide Arbeitsmethoden aber durchaus vergleichbar. Für das Auge wahrnehmbar soll werden, was eigentlich überlagert oder – metaphorisch gesprochen – im Dunkeln liegt. Sind für den Palimpsestologen allerdings die sich überlagernden Schichten eher zu überwindendes Hindernis, so dienen Xie Nanxing die Bilder der Fotografie, des Films und die Farbschichten auf der Leinwand dazu, den eigentlichen Urgrund, das zuvor geahnte Bild in ein sichtbares umzuwandeln. Dass dieser Prozess nicht linear verläuft und eine ewige Annäherungsbewegung bleiben muss, versteht sich von selbst.


Erstveröffentlichung durch: Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne