Xia Xing. 2005 ( en | cn )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2007-02-10 - 2007-03-17

Die Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, freut sich, die erste Solo-Show des chinesischen Künstlers Xia Xing ausserhalb Chinas in Luzern zu zeigen. Nach der Ausstellung mit seiner Serie 2004 in den Pekinger China Art Archives & Warehouse (CAAW), wird nun die Serie 2005 präsentiert.

Jeder Tag bringt neue Zeitungen, neue Nachrichten usw. Gezeiten ähnlich überspülen Text- und Bilderflut die zuvor gespeicherten Informationen des Lesers. Die 2004 begonnene Bilder-Chronik des in Peking lebenden Künstlers Xia Xing (geboren 1974 in Shihezi, Provinz Xinjiang) greift in diesen Strom des Vergessens ein. Seit 2004 wählt er aus den Ausgaben der im November 2003 zum ersten Mal erschienenen Neuen Pekinger Zeitung (Xin Jingbao) Titelseiten-Abbildungen aus und überträgt die Szene des Presse-Photos mehr oder weniger detailgetreu in Öl und mit oftmals breitem Pinselstrich auf Leinwände des immer selben Formats: 70 cm Höhe auf 100 cm Breite.

Jede Jahres-Serie umfasst 60 Bilder, die jeweils mit dem Erscheinungsdatum der Zeitung betitelt sind. Die diesbezügliche Zeitungsseite, auf der sich das Vorlagenfoto und der dazugehörige Artikel befinden, sind grundsätzlich Teil der Arbeit, werden aber nicht unbedingt mit ausgestellt.

Xia Xings Arbeiten lassen die Zeit imaginär rückwärts laufen, verkehren das Prinzip der Presse-Photographie in ihr Gegenteil. War es doch die Leitmaxime dieses Bilder mit zeitlich möglichst geringem Abstand zum abgelichteten Geschehen den Leser zu erreichen. Der Künstler reaktiviert den „Schnee von gestern“ und gibt ihm eine neue Funktion. Losgelöst von der konkreten Schlagzeile lassen seine Bilder-Serien gewahr werden, wie vergänglich Interesse, Empörung oder Betroffenheit sind. Wiederkehrende Motive wie z. B. das Zusammentreffen von Politikern, Menschenansammlungen, das Einschreiten der Polizei, Minenunglücke und Umweltkatastrophen machen eine Kontinuität des kurzzeitig Aktuellen sichtbar, die der Schlagzeile im Rückblick die Schlagkraft nimmt.

Während der Künstler Szenen politischer Machtpräsentation mit plakativ flachem und nahezu monochromem Farbauftrag darstellt, werden Gesichter, aber oftmals auch Hintergrundkulissen von Szenen, die menschliches Leid oder auch Glück thematisieren, mit flackernder Lichtdramaturgie durchgestaltet. Es ist die nachgerade grob-expressive Pinselführung und die farbliche Intensität der Bilder, die malerisch einen Zustand der Aufgeregtheit ins Bild spiegeln. Die ins Werk übernommene Frosch- oder Vogelperspektive vieler Photos steigert die Unruhe zusätzlich.

Unmissverständliches künstlerisches Statement von Xia Xings Jahres-Serien ist das Angleichen der Formate. Ohne Rücksicht auf das Thema der Bildvorlage werden alle Szenen in ein Querformat gebracht. Die dichte Hängung auf gleicher Höhe verleiht den Bildern noch zusätzlich den Status kollektiver Zusammengehörigkeit. „Ich möchte die gängige Bewertung von Ereignissen als wichtig oder unwichtig aufheben“, so Xia Xing. Ob politischer Würdenträger oder Grubenarbeiter, menschliche Höhen und Tiefen, Korruptionsskandal oder Börsenkursentwicklung: Xia Xing reiht sie in den Bilderstrom ein, lässt sie Teil einer sukzessive voranschreitenden Geschichte werden, die wir Tag für Tag miterleben oder von deren Begebenheiten wir z. B. durch die Zeitung Notiz nehmen. Der Künstler entreißt exemplarisch einige Vorkommnisse dem Vergessen, lässt sie im Malprozess erneut aufleben, gibt ihnen durch die Wahl der Maltechnik eine persönliche Prägung. Indem Xia Xing sich für die Malerei in ihrer unhintergehbaren Nähe zum Bildgegenstand entscheidet, übernimmt er als Malender den Dienst des Chronisten. Nicht nur die Information an sich wird hier archiviert, sondern auch die empathische Verbindung von Ereignis (samt den involvierten Personen) und Betrachter.