Wohin mit Mao? Shi Xinnings Regieanweisungen an die chinesische Geschichte ( en )

Galerie Arndt & Partner, Berlin-Zürich, 2007-09-4 - 2007-09-20

Wenn es ein Genre der chinesischen Gegenwarts­kunst leichterdings ins Bildgedächtnis des Westens geschafft hat, dann ist es der Mao-Pop. Andy War­hol und Gerhard Richter haben diesbezüglich mit ihren Adaptionen von Mao-Porträts gute Vorarbeit geleistet.

Bereits auf der legendären, ersten offiziell genehmigten Ausstellung aktueller chinesischer Kunst in Pekings Nationalgalerie (China/Avant-Garde, Februar 1989) sorgte Wang Guangyi mit einem Porträt Mao Zedongs, über das er ein ro­tes Gittermuster malte, für Aufregung. Es folg­ten Künstler wie Xue Song, bei dem lediglich die markante Kontur Maos bestehen bleibt, oder Yu Youhan, der Propagandabilder entpolitisiert, in-dem er sie mit folkloristischem Blumendekor über­zieht.

Der in Peking lebende Maler Shi Xinning, gebo­ren 1969 als Sohn eines Offiziers der Volksbefrei­ungsarmee in der nordöstlichen Provinz Liaoning, distanziert sich ausdrücklich von dieser Kunstströmung. Seine im Jahr 2000 begonnene Serie von in Öl auf Leinwand oder Acrolein gemalten Bildern, in denen ein idealtypisch energischer Mao in Gesell­schaft von Hollywood-Stars, Künstlern oder Persön­lichkeiten der Politik anzutreffen ist, argumentieren nicht rückwärtsgewandt, sondern erzählen fiktive oder, wie er es nennt, „utopische“ Geschichten. Shi Xinning vergleicht seine künstlerische Arbeit mit der eines Regisseurs. Oftmals fungieren Zei­tungsabbildungen als Grundlage für seine Settings. Sich der Bildsprache der Pressefotos annähernd, bemüht er sich um einen nahezu unsichtbaren Pinselduktus und eine abgeschwächte Farbigkeit. In einem nächsten Schritt entwickelt Shi Xinning die narrative Handlung, tauscht Gegenstände oder Personen der Vorlage gegen andere aus, fügt Neues hinzu und definiert die Lichtregie. „Ich arbeite fast immer mit der Zusammenschau völlig unvereinbarer Versatzstücke. So lasse ich beispielsweise Mao eine Duchamp-Ausstellung besuchen – die es in China nie gab –, platziere einen Stahlschwung von Richard Serra auf dem Platz des Himmlischen Frie­dens und zwar mit Blickrichtung auf Maos berühm­tes Porträt am Eingang zur Verbotenen Stadt oder arrangiere das Treffen einer Mao-Statue mit der New Yorker Freiheitsstatue. […] Es geht mir nicht um Mao Zedong als reale Person. Mao ist aber auch heute noch eine Ikone in China. Er ist omnipräsent, er hat meine Kindheit geprägt und das Leben mei­ner Eltern. Ich zeige ihn nie im realen Kontext der 60er und 70er Jahre, ich zeige ihn als visualisierte Erinnerung.“ (1)

Geschichte als Kontinuum von drei bis 5000 Jahren, das für den Einzelnen umstandslos bis heute Anknüpfungspunkte an die eigene Gegen­wart bietet und Geschichtsentsorgung, die das Ver­hältnis zu Mao auf die Formel „70% seiner Taten waren gut, 30% schlecht“ (Deng Xiaoping) redu­ziert: beide Haltungen führen in China eine fried­liche Koexistenz. Da die nicht-offizielle Geschichtsschreibung eine nur schwache Tradition hat, kommt nicht zuletzt der chinesischen Gegenwartskunst die Vermittlerposition zwischen diesen beiden Ex­tremen zu. Bei allem Leid, das die Kulturrevolution über Chinas Volk gebracht hat, und ungeachtet Maos ausdrücklicher Intellektuellen- und Kunst­feindlichkeit, thematisieren Bilder wie die von Shi Xinning den Stolz, den auch heute noch viele Chinesen für den Großen Vorsitzenden hegen. An­lass für einen derartigen Heroismus bieten u. a. der Lange Marsch, die Etablierung einer neuen staatlichen Ordnung, die Aufwertung des Bauernstan­des und die unermüdliche Forcierung eines chine­sischen Kollektivgeistes. Hinter seinen Verdiensten verblassen seine Fehler. Es seien „die Fehler eines großen proletarischen Führers“, so eine ZK-Reso­lution Über einige Fragen unserer Parteigeschichte aus dem Jahre 1981. (2)

„Mein Vater war Offizier, meine Mutter Staatsbeamtin. Unsere Familie folgte der Armee meines Vaters in die Provinz Xinjiang, an die Westgrenze Chinas. Wir lebten in einem einsamen, sich selbst versorgenden militärischen Lager. Was ich am deutlichsten erinnere aus dieser Zeit, ist der September 1976, als Mao starb. Ein Lautsprecher verkündete die Nachricht, und alle wurden aufgerufen, sich an den Vorbereitungen für die Trauerfeiern zu beteiligen. Mein Vater wurde für eine Woche eingezogen. Wir dachten, jetzt würde die UdSSR einmarschieren. Militärische Übungen begannen. Angehörige des Militärpersonals wurden in diese Vorbereitungen einbezogen.“

Shi Xinnings Mao-Verhältnis ist ambivalent – dessen ist er sich wohl bewusst. In seinen Bildern gestaltet er diese Spannung in Form von Paradoxen: Mao trifft die Beatles, bewundert den von Christo verhüllten Reichstag und – kaum zu stei­gern – wohnt einer Nackt-Performance zeitgenös­sischer chinesischer Künstler bei. Utopisch ist Shi Xinnings Kunst nicht im Sinne eines Vorscheins einer erwünschten Versöhnung antagonistischer Wertsphären, sondern als rein ästhetisches Ausagieren kontrafaktischer Geschichtsmomente.


1 Das Zitat von Shi Xinning ist einem Interview entnom­men, das am 20.07.2007 in Peking stattfand. An dieser Stelle möchte ich Su Wei für seine Übersetzung danken.

2 Konrad Seitz, China. Eine Weltmacht kehrt zurück. Aktualisierte und überarbeitete Neuausgabe. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2004, S. 216.

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