Eingebrannt ins kollektive Gedächtnis: Mao Zedong.
Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in den Bildern von Shi Xinning ( en )

Galerie Arndt & Partner, Berlin-Zürich, 2008-04-18 - 2008-05-24

Die Galerie Arndt & Partner Zürich zeigt neue Arbeiten des chinesischen Künstlers Shi Xinning.

Als Mao Zedong starb, war Shi Xinning sieben Jahre alt. Die vom Künstler 2000 begonnene Bilderserie platziert den Begründer des neuen Chinas, aber auch härtesten Verfechter einer Politik der Abschottung, in den verschiedensten internationalen Kontexten. Sichtbar wird dadurch, was die Geschwindigkeit, mit der sich das zukunftsorientierte Reich der Mitte in den Prozess der Globalisierung einfügt, vergessen lassen könnte: In all seiner Ambivalenz ist der immer noch und gerade wieder verstärkt verehrte „Große Vorsitzende” eingeschrieben in das kollektive Gedächtnis der Chinesen. Shi Xinning korrigiert retrospektiv die autokratischen Machtverhältnisse. Indem er Mao in auf die Leinwand übertragene Fotos einfügt, die Stars und Autoritäten aus Film, Kunst, Literatur und Politik zeigen, wird „der Held des langen Marsches” nicht nur als Politiker, sondern auch als geselliger Gast, souveräner Gesprächspartner und interessierter Kunstfreund vorgestellt. Dass Mao nichts ferner lag, als seine Ideen in den Dialog der Kulturen einzubringen oder gar der Freiheit der Kunst auch nur die geringste Bedeutung zuzugestehen, macht Shi Xinning zum Fokus seiner künstlerischen Interventionen.

Mit dem Erstlingswerk seiner Mao-Serie Duchamp Retrospective Exhibition (2000-2001) schuf Shi Xinning einen Klassiker. Es war der Triumph des freien Kunstschaffens, ein vehementer Einspruch gegen die jahrzehntelange und auch noch nach Maos Tod praktizierte Reduktion der Kunst auf einen sozialistischen Realismus als verlängerten Arm der Propaganda. Mao wird abverlangt, was er seinem Volk verwehrte, indem er zum engagierten Mitstreiter politischer Veranstaltungen im kapitalistischen Westen wird und sich in bourgeoiser Manier neben Schönheiten der High Society auf Sofas oder in Villen-Vorgärten lümmelt.

In einem neuen Werk mit dem Titel L'Être (2007) stellt Shi Xinning den Staatstheoretiker Mao exemplarisch neben den französischen Existentialisten Sartre. Als Vorlage dient ein Foto Sartres, das ihn mit Blick auf die neblige Seine zeigt. Der Bildtitel L'Être verweist unmissverständlich auf sein Hauptwerk L'Être et le Néant (Das Sein und das Nichts, 1943). Man stelle sich ein Gespräch der beiden vor, jeder von ihnen Kommunist und an der Befreiung des Menschen interessiert, aber dennoch in der darin verorteten Bestimmung des Einzelnen grundverschieden. Der eine, Sartre, der behauptet, dass das Dasein ("die Existenz") des Einzelnen seiner Bestimmung ("der Essenz") vorausgeht und somit jeder für sich vor der Aufgabe steht, sich ein eigenes Lebensziel zu setzen; der andere, Mao, der genau umgekehrt vorgeht und der Maxime eines antibürgerlichen, kommunistischen Chinas jegliches individualistische Streben unterordnet. Über die in Nebel gehüllte Seine-Ansicht hätten sie womöglich miteinander sprechen und die Frage erörtern können, ob die Wahrnehmung der Welt vom Einzelnen abhängt und welche Rolle dem Menschen in ihr zukommt.

An diesem Beispiel lässt sich exemplarisch die künstlerische Leitintention nachvollziehen, die Shi Xinning im Gespräch immer wieder hervorhebt: die Bilderzählung. Er verwehrt sich ausdrücklich dagegen, seine Bilder als Collagen einzustufen, da ihm trotz der offensichtlichen Deplatziertheit einzelner Bildsequenzen die innere Logik der gesamten Szene wichtig ist. „Ich möchte vermeintlich absurde Geschichten erzählen. Wichtig ist mir aber dennoch, dass in der Interpretation des Bildes ein Sinnzusammenhang aufscheint. Für den chinesischen Betrachter ist das naturgemäss oftmals ein anderer als für den westlichen.”


Auszug aus: Checkpoint #5, 2008, Galeriemagazin der Galerie Arndt & Partner, Berlin/Zürich

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