Shan Fan. HOMELAND Painting the Moment – Painting Slowness ( en )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2010-09-04 - 2010-10-31

Seit drei Jahrzehnten gehört die Bambusmalerei zum Alltag des Künstlers Shan Fan (geb. 1959 in Hangzhou). Hatte ihn sein Studium in China zunächst mit der Technik der traditionellen chinesischen Malerei vertraut gemacht, so veränderte die Übersiedlung nach Hamburg Mitte der 1980er Jahre und die Beschäftigung mit der westlichen abstrakten Kunst seinen Blick auf die eigene Tradition. Ob in Tusche auf Reispapier, in Öl auf Leinwand, in der Übermalung eines traditionellen Klassikers oder im Medium der Performance; Shan Fan reflektiert und transformiert das bereits ursprünglich die Bambusmalerei charakterisierende Abstraktionspotential. Die Linie wird ihm zur Fläche, der Augenblick zur Dauer, Entropie zur physischen Erfahrung. Die Ausstellung HOMELAND Painting the Moment – Painting Slowness zeichnet diese Entwicklung retrospektivisch nach, markiert aber gleichermaßen eine Etappe in Shan Fans Work-in-Progess-Projekt.

In den ersten Hamburger Jahren blieb Shan Fan bei der traditionellen Tusche-Technik. Als Malerei des Augenblicks bezeichnet er die in dichtem Schwarz bis hin zu einem nahezu unsichtbaren Farbhauch auf Reispapier gemalten Halme und Gräser. Im Vergleich mit den Werken seiner klassischen Vorbilder fällt sofort auf, dass er kommpositionell Neuland beschreitet. Statt buschiger Bambusformationen zeigen Shan Fans Bilder lediglich einzelne Halme. Das Zentrum selbst bleibt leer. Der nächste Emanzipationsschritt ist der gebrochene Bambushalm. In verschiedene Richtungen geknickt, erlangen die Arbeiten eine geradezu schmerzliche Dimension. „Dass ich den Bambus breche“, so Shan Fan, „ist weniger ein aggressiver Akt, mir ist vielmehr klar geworden, dass ich bis zu einem gewissen Grad mit der Tradition brechen muss, um sie lebendig erhalten zu können.“

Bis heute setzt Shan Fan sein eigensinniges Alphabet der Bambusmalerei fort. Seit 2008 übertrug er parallel dazu 12 ausgewählte Bambus-Bilder mit feinsten Pinseln und in Öl auf großformatige Leinwände. Sie bildeten in der Folge die Grundlage für zoom-ähnliche Detaildarstellungen. „Indem ich immer kleinere Ausschnitte eines Bambus auf immer dasselbe Format übertrage, erreiche ich den Punkt, an dem man nicht mehr erkennt, dass es sich um einen Bambus handelt.“ (Shan Fan) Der konzentrierte schnelle Strich der Tusche weicht bei diesem material- und produktionsästhetischen Schwenk einer Millimeter für Millimeter voranschreitenden Flächengestaltung. Indem Shan Fan sich für eine kreisende Pinselbewegung entscheidet, erreicht er eine sogähnliche Wirkung des Bildes. Am Ende dieser Entwicklung steht die schwarze oder – bei den Bildern in Weiß auf Weiß – die weiße Fläche. Die Malerei des Augenblicks avanciert zur Malerei der Langsamkeit.

Shan Fans kritische Reflexion chinesischer Klassiker findet ihre Visualisierung u. a. in Die Leere füllen (2007). 280 Stunden meditativen Malens bedurfte es, die Leerstellen eines reproduzierten klassischen Bambusbildes des Song-Dynastie-Malers Wen Yuke auszufüllen. „Zum einen wird dadurch die Leere als potentielle Fülle sichtbar gemacht“, so Shan Fan, „zum andern streicht dieser Tabubruch – ähnlich dem Vorgehen der Dekonstruktion – die chinesische Tradition der Leere durch. Die Leere wird also gleichzeitig als ‚Fehlen von etwas’ markiert.“ Nicht der Selbstverlust im kurzen Augenblick des Malens ist nunmehr Ziel der Bambusmalerei, sondern eine kontemplative Selbsterfahrung. In diesem Sinne dehnt Shan Fan in Kalligrafie der Langsamkeit (2009) das Nachschreiben einer chinesischen Kalligrafie des Qing-Dynastie-Malers Fu Shan auf 210 Stunden aus.

Von übergeordneter Aussagekraft für das Gesamtwerk von Shan Fan ist die filmisch und fotografisch festgehaltene Performance Entropie (2006). Schwarze Tusche ergießt sich über den mit einem weißen Gewand bekleideten Künstler. Klares Wasser folgt, verwässert die schwarze Farbe zu hellem Grau. Doch so viel Wasser auch folgen mag, die Spuren der schwarzen Farbe bleiben. Die Aussage des Titels ist in Szene gesetzt: nichts, was geschieht, ist umkehrbar. Alles was geschieht verändert die Ausgangslage des Zukünftigen.


Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit sämtlichen Abbildungen der ausgestellten Arbeiten (Hg. Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, 2010).

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne