Shan Fan. Malerei der Langsamkeit ( en )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2008-11-20 - 2009-01-17

Seit drei Jahrzehnten gehört die Bambus-Malerei zum Alltag des Künstlers Shan Fan (geb. 1959 in Hangzhou). Auf seinen zahlreichen internationalen Ausstellungen zeigte er diese Arbeiten bisher nicht. Sie waren für ihn von eher privatem Charakter. Hatte ihn sein Studium in China zunächst mit der Technik der traditionellen chinesischen Malerei vertraut gemacht, so veränderte die Übersiedlung nach Hamburg Mitte der 1980er Jahre und die Beschäftigung mit der westlichen abstrakten Kunst seinen Blick auf die eigene Tradition. Mit einem zunehmend abstrahierenden Zugriff auf das geschichtlich wie symbolisch aufgeladene Genre der Bambusmalerei beschreitet Shan Fan sowohl technisch als auch kompositorisch Neuland. Mit nahezu 80 Arbeiten ist die Ausstellung Malerei der Langsamkeit eine Premiere.

In den ersten Jahren seines künstlerischen Schaffens blieb Shan Fan bei der traditionellen Tusche-Technik, d. h. Halme und Gräser werden in konzentrierten Schwüngen in dichtem Schwarz bis hin zu einem nahezu unsichtbaren Farbhauch auf Reispapier gemalt. Im Vergleich mit den Werken seiner klassischen Vorbilder fällt sofort auf, dass er bezüglich der Komposition andere Ziele verfolgt. Statt buschiger Bambusformationen zeigen Shan Fans Bilder lediglich einzelne Halme. Irritierender noch als dieses höchst puristische Konzept ist sein Umgang mit dem Bildraum. Unvermittelt ragen z. B. sich überkreuzende Gräserspitzen von oben ins Bild. Leicht geschwungen wächst ein Halm von unten bis zur Bildmitte. Das Zentrum selbst bleibt leer. Das Repertoire seiner Bambus-Schöpfungen kennt scheinbar keine Tabus – denn, der Affront ist kaum zu übertreffen: Shan Fan bricht den Bambushalm! An die Stelle der edlen Konnotation einer gerade in die Höhe sprießenden oder sich elegant im Wind wiegenden Linienführung treten Kreationen, die den Halm einmal oder gleich mehrfach brechen. In verschiedene Richtungen geknickt, erlangen sie eine geradezu schmerzliche Dimension. „Dass ich den Bambus breche“, so Shan Fan, „ist weniger ein aggressiver Akt, mir ist vielmehr klar geworden, dass ich bis zu einem gewissen Grad mit der Tradition brechen muss, um sie lebendig erhalten zu können.“

2007 verabschiedet Shan Fan die Tusche-Technik und malt in Öl auf Leinwand. Er begründet diesen produktionsästhetischen Einschnitt mit einer wachsenden Unzufriedenheit: „Das traditionelle Material zwingt mich dazu, spontan zu arbeiten. Der Genuss, der daraus entsteht, ist verdichtet, aber kurz.“ Mit feinsten Pinseln überträgt Shan Fan Millimeter für Millimeter eines zuvor in Tusche gemalten Bildes auf die Leinwand. Was am Ende z. B. aussieht wie ausgefranst, ist gezielt und gewollt entstanden. Nicht momenthafter Ausdruck, sondern kontemplative Dauer bestimmen nun des Akt des Malens.

Für die 2008 begonnene Serie Malerei der Langsamkeit wählte Shan Fan 12 in Tusche auf Reispapier gemalte Bambusbilder aus seinem Œuvre aus, um sie in einem ersten Schritt in Öl zu übertragen. Jedes einzelne dieser Bilder bildet dann die Grundlage für 12 weitere zoom-ähnliche, ebenfalls in Öl gemalte Detailgemälde. „Indem ich immer kleinere Ausschnitte eines Bambus auf immer dasselbe Format übertrage, erreiche ich den Punkt, an dem man nicht mehr erkennt, dass es sich um einen Bambus handelt.“ Das bereits ursprünglich die Bambusmalerei charakterisierende Abstraktionspotential wird hiermit zum Bildthema.

Aus chinesischer Perspektive ist die Leere nicht etwas Vages oder der Ausdruck eines Mangels, wie es die westliche Auffassung dieses Begriffs nahelegt. Im Gegenüber mit Shan Fans Bambus-Bildern wird die Wirkung der weißen Fläche als Freiraum und Entwicklungspotential mit den Augen erfahrbar. Dass es sich bei dem Verhältnis von Leere und Fülle keinesfalls um ein Gegensatzverhältnis handelt, sondern um eine wechselseitige Bedingtheit, ist eine im chinesischen Denken tief verwurzelte Weisheit. Shan Fans Arbeit „Die Leere füllen“ erweist dieser dem westlichen Denken recht fremden Dialektik eine malerische Hommage, markiert aber gleichzeitig auch ein Defizit der chinesischen Philosophie und Kunst.

„Vor ca. 10 Jahren kaufte ich den japanischen Druck eines Bambus-Bildes des Song-Dynastie-Malers Wen Yuke. Den nichtgestalteten weißen Bildraum, d. h. den Raum der die Bambushalme umgibt, füllte ich akribisch mit weißer Farbe aus. Zum einen wird dadurch die Leere als potentielle Fülle sichtbar gemacht, zum andern streicht dieser Tabubruch – ähnlich dem Vorgehen der Dekonstruktion – die chinesische Tradition der Leere durch. Die Leere wird also gleichzeitig als ‚Fehlen von etwas’ markiert. Denn: vergleicht man die Philosophie und die bildende Kunst in China mit der des Westens, so fällt auf, dass es den chinesischen Gelehrten und Künstlern in erster Linie um die großen, abstrakten Themen wie den Kosmos, das Qi und bestenfalls den Menschen an sich ging, nicht aber um den Menschen als Individuum.“


Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne