Lu Hao. Shooting 10000 Arrows All at Once ( en | cn )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2007-04-13 - 2007-05-19

Der Riemen der Armbrust ist gelöst, unzählige Pfeile abgeschossen, der kriegerische Akt der Zerstörung im fortgeschrittenen Stadium stillgestellt.

In seiner Installation Shooting 10000 Arrows All at Once (2007) führt der Pekinger Künstler Lu Hao (geb. 1969) in einen Raum zwischen den Zeiten. So rekonstruierte er eine Abschussrampe mit aufmontierter Armbrust, wie sie in ihrer wuchtigen Größe von der frühen bis in die späte Kaiserzeit eingesetzt wurde. Die virtuelle Dimension dieses Waffenimitats anvisierend, besteht lediglich der Unterbau der Apparatur aus Holz, die Bogenkonstruktion jedoch aus Plexiglas. Am Eingang des Ausstellungsraumes platziert, stecken Hunderte von Holzpfeilen in den diagonal gegenüberliegenden Wänden. Eine erfolgte Angriffssituation wird suggeriert. Die Metallspitzen der Pfeile haben sich durch Modellbauten traditioneller Pekinger Hofhäuser gebohrt.

Was bleibt vom traditionellen Pekinger Lebensalltag, wenn die alte städtebauliche Infrastruktur ausgelöscht und durch Hochhaus-Skylines im 'international Style' ersetzt wird?

Wie lange können Erinnerungsbilder der faktischen Zerstörung trotzen? Die zeitgleich gezeigte Installation 2006 New Visual Acuity Chart for General Use (2006), spricht Klartext. So betritt der Ausstellungsbesucher einen Raum mit einem Dutzend unterschiedlich großer und verschiedenfarbiger Leuchtkästen, wie sie weltweit zum Instrumentarium eines Augenarztes gehören. Die Flächen der Prüfzeichen bestehen bei Lu Haos Arbeit allerdings aus verkleinerten Geldscheinen internationaler Währungen. Es regiert die 'Optik des Geldes'.

Seit Ende der neunziger Jahre sind Lu Haos Arbeiten auf zahlreichen internationalen Ausstellungen und Biennalen zu sehen. Die starke Identifikation mit seiner Heimatstadt Peking ist ein wichtiger Impuls seines Schaffens. Mit souveräner Unbeirrbarkeit dekliniert Lu Hao die faktischen und ideellen Trümmerfelder, die das Gesicht der chinesischen Mega-City und den sie beherrschenden Modernisierungswahn prägen. Bekanntestes Statement gegen das Vergessen der im Verschwinden begriffenen traditionellen Pekinger Hutong-Siedlungen ist die modellbauartige Installation Beijing Welcomes You (2001). Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Abbild des realen Stadtkerns. Indem Lu Hao die alten Häuser im Maßstab 1:300, die neuen aber 1:600 bzw. 1:700 nachbildet, tritt an die Stelle des Faktischen die imaginierte Wunschvorstellung des Künstlers.

In seinen Zeichnungen lotet Lu Hao die Wirkungspalette von ideologisch besetzten Gebäuden wie z. B. der Pekinger Nationalgalerie, der Großen Halle des Volkes oder des Eingangs zur Verbotenen Stadt atmosphärisch aus. Es sind aber vor allen Dingen die Plexiglas-Objekte, die zur unverkennbaren Signatur des Künstlers geworden sind. Einerseits prägt diese Arbeiten die Akribie des Architekten und das nahezu aseptisch kalte Modellbau-Material Plexiglas. Andererseits belebt Lu Hao die transparenten 'Skulpturen' mit Blumen, Vögeln, Insekten und Fischen, allesamt zugleich Themen der traditionellen chinesischen Malerei. Durch dieses Zusammenspiel höchst gegensätzlicher Materialien und Formen gelingt dem Künstler ein ästhetischer Drahtseilakt, nämlich seiner Verantwortung als Zeitzeuge und auch der Liebe zur chinesischen Tradition gerecht zu werden. Einem Zynismus à la Mao-Pop und einer Orientierung an westlichen künstlerischen Vorbildern erteilt Lu Hao gleichermaßen eine eindeutige Absage.

In Lu Haos neuester Arbeit Shooting 10000 Arrows All at Once werden nicht nur die gegenwärtig gefährdeten Relikte der traditionell-chinesischen Lebenswirklichkeit fokussiert, auch öffnet sich der Blick in kaum noch greifbare historische Dimensionen - durchaus über das Reich der Mitte hinaus. Ist in der Arbeit Construction Device (2002) die zerstörerische Instanz eine Baggerschaufel, so ist es diesmal eine Waffenapparatur, wie sie bereits in frühen Dynastien Verwendung fand. Das Szenario von gewaltsamer territorialer Inbesitznahme, Zerstörung von Kulturgütern und Entstehung ideologisch bedingter neuer Lebenswelten wird in Shooting 10000 Arrows All at Once als zeitübergreifendes Phänomen des menschlichen Daseins visualisiert.