Li Dafang. Cui Ping Bei Li ( en | cn )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2007-10-27 - 2007-12-22

Die großformatig in Öl auf Leinwand gemalten Bilder des in Peking lebenden Künstlers Li Dafang (geb. 1971 in Shenyang) erzählen Geschichten, die sich zwischen den Zeiten ereignen, zwischen dem Jetzt und Hier seiner aktuellen Lebenswirklichkeit und den Bild- und Wortsequenzen der Erinnerung. Während die Pekinger Solo-Schau schwerpunktmäßig aktuelle Arbeiten zeigt, ermöglicht eine retrospektiv angelegte Publikation, die anlässlich der Ausstellung erscheint, Li Dafangs Entwicklung bildnerischer Erzählstrategien visuell nachzuvollziehen.

Bereits im Ausstellungstitel „Cui Ping Bei Li“ hebt Li Dafang die Grenze zwischen Realität und Fiktion auf, indem er eines der vier Schriftzeichen ausgetauscht, das üblicherweise den Ort bezeichnet, wo sich sein Atelier befindet. Auf keinem Stadtplan eingezeichnet, wird Li Dafang das unwirtliche Gelände am Stadtrand der boomenden Megacity zum atmosphärischen Ruhepol, korrespondieren die Werkstätten, Schuppen, Materialstapel und die von Staub bedeckte Vegetation augenscheinlich mit den Szenerien seiner dort entstandenen Bilder.

Mit derartigen Verweisungsgefügen zwischen Titel und Werk und anderen formalen Mitteln der Bilderzählung experimentiert Li Dafang seit Anfang der 1990er Jahre. Er nutzt dabei den medienspezifischen Unterschied zwischen Malerei und Text. Während mit Worten nur sukzessive erzählt werden kann, ist es visuell möglich, gleichzeitig mehrere Orte oder Zeitpunkte darzustellen. Von elementarer Bedeutung für Li Dafangs Arbeiten ist deren Format, denn nur die von ihm gewählte Größenordnung – das Verwüstungsszenario von The Rope Is My Home (2005) z. B. erstreckt sich immerhin auf 200 x 900 cm – gewährt dem Betrachter ein schweifendes Schauen, ein Flanieren des Blicks in der Bildlandschaft.

Der konzeptuelle Drahtseilakt zwischen Fiktionalität und Realitätsbezug wird ab 2005 zur bestimmenden ästhetischen Prämisse für Li Dafang. Hatte er zuvor wiederholt direkt mit Schrift im Bild gearbeitet, so nimmt er nun davon Abstand. Die bis dato überwiegende intensive Farbigkeit weicht in dieser Schaffensperiode einem diesigen Grau, Blau und Braun, was den Eindruck des Illusionären noch verstärkt. An die Stelle einer porträtähnlichen Nahperspektive tritt eine Beobachterposition aus diskretem Abstand. Auch der Typus der dargestellten Handlung ändert sich. Zeigte Li Dafang zuvor oftmals bedrohliche oder sogar von Gewalt geprägte Alltagsszenen, so sind es nun mysteriöse Arrangements aus unwirtlichen Räumen und Landschaften, in denen seltsame Gestalten ihr Unwesen treiben. Was z. B. macht der nahezu unbekleidete junge Mann in dem Diptychon von Second Uncle in einer leerstehenden und in blaues Licht getauchten Fabrikhalle?

Die 2007 entstandenen Bilder sind fast gänzlich in einem vom Verfall gezeichneten Industrieambiente angesiedelt. Werkhallen mit schweren Maschinen und Gerätschaften, Stapel verschiedenster Materialien und sich labyrinthisch verzweigende Rohre und Leitungen bestimmen die Kulisse, in denen Li Dafang seine Protagonisten agieren lässt. Zumeist sind es einzelgängerische Sonderlinge, die nicht weniger skurrile Tätigkeiten verrichten. Ein wiederkehrendes Motiv ist das Graben von Löchern oder das Verscharren von Gegenständen. Oftmals auch steigen die Protagonisten aus gerade solchen Löchern hervor oder verschwinden in ihnen. Die Lektüre der Kindheit und Jugend wird bei Li Dafang zum Medium der Erinnerung. So z. B. in Bai Ye Bai (Helle Nacht, hell) das unmissverständlich auf Dostojewskis Roman Helle Nächte rekurriert. Ein Sprachspiel besonderer Art inszeniert Li Dafang in dem Titel Ai Wei Te. Ist „wei te“ schlicht die lautliche Umschrift von „Werther“ – Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ wurde bereits in den 1920er Jahren emphatisch von Chinas Intellektuellen aufgesogen – fügt Li Dafang den Klagelaut „ai“ hinzu und konzentriert in einem Schriftzeichen das Dilemma des Titelhelden und der sich mit ihm identifizierenden Leser. Mit Little Snow führt Li Dafang bis in Kindertage zurück und spiegelt in das bühnenkulissenartige Abriss-Szenario seines Bildes einen Klassiker chinesischer Prosadichtung: Die Räuber vom Liang Schan Moor.

Li Dafang ist ein Grenzgänger. Seine Bilder leben von einer Verschachtelung unterschiedlicher Zeitebenen und Räume. In den aktuellen Arbeiten werden – ähnlich dem Proust’schen Madeleine-Effekt – entweder zeitgenössische Wirklichkeitssplitter zum Auslöser von (zumal) literarischen Erinnerungen oder umgekehrt führt die (Re-)Lektüre zur Reise an die Orte der eigenen Vergangenheit.


Erstveröffentlichung: Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne