Du Jie | Until We Meet Again ( en | cn )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2008-01-26 - 2008-03-29

Labyrinthisch verschlungen bahnen sich die Liniengeflechte der in Peking lebenden Künstlerin Du Jie (geboren in Xiangfan, Provinz Hubei) ihren Weg über die Leinwand. Beim genauen Hinschauen werden die neuen Ansätze des Pinsels erkennbar, verfolgen wir, wie die Linie farbsatt beginnt, schwächer wird, wieder ansetzt usw. Scheinbar ohne große Anstrengung findet der Farbfluss zum Anfangspunkt des Malprozesses zurück. Unendlich setzt sich nun die Wellenbewegung fort.

Gleich Tagebuch-Sequenzen bezeugen Du Jies Bildtitel den Zeitraum ihrer Entstehung. Mal sind es drei Wochen, mal vier, in denen die Künstlerin seit 2003 Windung um Windung die 25 x 25cm großen Bildflächen gestaltet. Ob in Schwarz auf weißem Grund, in hellerem und dunklerem Blau, Erdtönen oder in frühlingshaft-beschwingten Farben, immer ist es der mit äußerster Präzision geführte Pinselstrich, der in hauchfeiner Distanz zur vorherigen Linie den neuen Schwung entlang fließen lässt. Dass die Künstlerin nach den ersten Bildern in Öl (2002) zur wasserlöslichen Acryl-Farbe wechselte, ist schlüssige Konsequenz gleich in mehrfacher Hinsicht. Arbeitstechnisch bedingt war es zunächst einmal die flüssigere Konsistenz, die ein unbeschwerteres Gleiten des Pinsels ermöglicht. Wichtiger ist Du Jie aber, dass durch diesen Schritt Werkstoff und Werkthema ineinander fallen; visualisiert die geschwungene Linie doch direkt den Wellengang des Wassers. Nicht zuletzt ist es die metaphorische Dichte des Elementes „Wasser“ in der chinesischen Tradition, die sie in ihren Bildern anklingen lässt: es ist anschmiegsam und weich, aber auch kraftvoll und lebensnotwendig, in Wellenbewegung versetzt, erlangt es eine nahezu musikalische Dimension.

Am Anfang der chinesischen Kunst steht die Malerei, der Fluss der Tusche, der sich in meisterlichen Schwüngen bewegende Pinsel. Sowohl die Hochkultur der Kalligrafie in ihrer Sinn vermittelnden Funktion als auch die Landschaftsmalerei mit ihrer kontemplativen Intention ließen dem Schöpfer den Freiraum zum individuellen Ausdruck, zur gelassenen Größe oder zur expressiven Geste. Augenscheinlich verlässt Du Jie diese Fährten und arbeitet abstrakt. Tag für Tag wird der Stunden lange Malprozess zum produktiv-entleerenden und gleichzeitig erfüllenden Freiraum. Im Gegensatz zur Kalligrafie, für die ein spannungsreicher und abrupt vom Blatt gezogener Pinselstrich konstitutiv ist, entschied sich Du Jie für eine Technik, in der Kontinuität und Kontemplation in ihrer ungebrochenen Prozesshaftigkeit maßgebend sind. Einer traditionell chinesischen Grundprämisse bleibt die Künstlerin treu: der Identität von Kunst und Lebenskunst.

Du Jies Bilder sind auf Nah-Sicht angelegt, was sowohl das gewählte Kleinformat, als auch die Bildästhetik angeht. Denn: Aus einiger Entfernung betrachtet, verschwimmen die Leerstellen des Bildes, d. h. der sichtbar gebliebene Bilduntergrund und die darauf angelegte Linie werden zur scheinbar monochromen Fläche. Hier drosselt Kunst die Pulsfrequenz und fordert geradezu eine Verlangsamung des Blicks. Die wechselseitige Bedingtheit von Leere und Fülle, die sowohl die chinesische Kosmologie, Philosophie, Ethik, Kalligrafie und die bildende Kunst seit Jahrtausenden bestimmt, scheint in Du Jies Arbeiten unweigerlich auf. Produktions- und Wirkungsästhetik argumentieren analog.

Until we meet again, ‚Auf ein Wiedersehen’, nennt Du Jie ihre Pekinger Ausstellung. Nicht nur die sich beim Abschluss eines Bildes vereinenden Anfangs- und Endpunkte der Linie sind dabei angesprochen, die Künstlerin meint diese Aufforderung auch durchaus im wörtlichen Sinne. Du Jie lädt in die Galerie, um mit ihr die Freude darüber zu teilen, dass bereits verkaufte Bilder aus diesem Anlass zurückgeliehen wurden und mit denen in der Folge entstandenen zusammentreffen.