Die Gewänder des Jenseits oder
Das Gedächtnis der Kunst
Die Skulpturen-Serie Fate No. 4 von Bai Yiluo ( en )

Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, 2007-08-25 – 2007-10-20

Der in Peking lebende Künstler Bai Yiluo (geb. 1968 in Luoyang, Provinz Henan) lädt mit seiner aktuellen Skulpturen-Serie Fate No. 4 zu einer Zeitreise ein, die den Blick für die Gegenwart schärft. Tausende kleiner S/W-Foto-Porträts zu einem Memento-Teppich verwebend, transformiert er das vor mehr als 2000 Jahren für chinesische Würdenträger angefertigte Jade-Totengewand zu einer ‘fotografischen Skulptur’.

Nicht nur auf Erden beanspruchten die Kaiser und Könige der Han-Dynastie ihren singulären Machtanspruch. Sie postulierten diesen durch palastähnliche Grabanlagen und Begräbniskulte wie das Jade-Totenkleid – dem man zusprach vor Verwesung zu schützen oder gar wiederzubeleben – auch fürs Jenseits.

Nephritgewänder (Nephrit gehört zu den Jade-Mineralien) als Totenbekleidung für verstorbene Kaiser, Prinzen oder verdienstvolle Minister sind eine Erfindung der Han-Zeit. In der westlichen Han-Zeit (206 – 9 v. Chr.) durften neben dem Kaiser auch Prinzen Nephritgewänder mit Golddrähten für die Bestattung verwenden. Erst in der östlichen Han-Zeit (25 – 220 n. Chr.) wurde ein hierarchisches System entwickelt, mit genauer Unterscheidung, wem ein Nephritgewand zustehe und welche Art von Drähten es haben solle. Danach durfte nur ein Kaiser ein Nephritgewand mit goldenen Drähten (jinlü yuyi) verwenden, Prinzen bzw. Prinzessinnen solche mit silbernen und ältere Schwestern des Kaisers solche mit bronzenen Drähten. (1)

„Als ich in einer Pekinger Ausstellung das historische Goldfaden-Jade-Kleid des Königs Liu Sheng (gest. 113 v. Chr.) gesehen habe, interessierte mich nicht die Person, für die dieser Aufwand betrieben worden ist. Meine Perspektive richtet sich auf das Hier und Jetzt. Was bleibt von uns, von unserem Leben, wenn wir tot sind?“

Bai Yiluo ebnet die von Menschenhand ersonnene Hierarchie kurzerhand ein. Nicht eines bestimmten und aus der Masse hervorgehobenen Menschen wird in den Skulpturen von Fate No. 4 gedacht; es sind die Menschen des Volkes, namenlos ins Werk-Kollektiv aufgenommen, aber durch ihr Gesicht als Individuen dem Vergessen entrissen. Angelehnt an die Produktionsweise der traditionellen Jade-Totengewänder werden Tausende von S/W-Porträts ihm unbekannter Menschen aus Luoyang durch Draht-Kreuzstiche miteinander verbunden. Sie bilden die Oberfläche der Skulpturen. In Fate No. 4 wird Einspruch erhoben gegen menschliches Hierarchiedenken. Den Porträtierten – jedem Einzelnen und ihnen zusammen als Stellvertreter für alle Menschen – wird so ein Platz im kollektiven Gedächtnis eingeräumt.

Bai Yiluo möchte sich nicht auf eine bestimmte Definition von Schicksal festlegen, glaubt aber schon, dass das Leben des Menschen in gewissem Masse vorherbestimmt ist. Frühere Fotoarbeiten wie Fate No. 1 und Fate No. 2 betonen mit ihrer eindeutigen Todessymbolik von Skelett und Totenkopf die körperliche Endlichkeit des menschlichen Daseins. Während die Skulpturen in Fate No. 4 der Form nach auf einen Zeitraum rekurrieren, der mehr als 2000 Jahre zurück liegt – Geschichte also als Kontinuum vorgestellt wird, in das sich die eigene Lebenszeit einfügt –, so formulieren sie auf der Gehaltsebene eine humanistische Vision: die im kaiserzeitlichen China Monarchen vorbehaltenen Privilegien für ein Leben nach dem Tod werden in ein demokratisches Jenseits transformiert.

Parallel zur Luzerner Ausstellung nimmt der Künstler an der Ausstellung Mahjong – Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg, Museum der Moderne Mönchsberg, Salzburg, teil (21. Juli – 11. November 2007).


1Müller. S. (1994). Nephritgewand der Dou Wan. In: China. Eine Wiege der Weltkultur. 5000 Jahre Erfindungen und Entdeckungen. Mainz: Roemer- und Pelizaeus-Museum.