Erinnerungskonserve Kunst
Interview mit Yin Xiuzhen

Ulrike Münter und Su Xiaoqin, artnet 2006-11-13

In Peking geboren, lebt und arbeitet Yin Xiuzhen (geboren 1963) in Chinas Hauptstadt, die gleich einem Phönix aus der Asche im Begriff ist, sich grundsätzlich neu zu definieren. Was sich heute noch Zuhause nennt, ist vielleicht morgen schon dem Erdboden gleichgemacht.

Die Architektur und Infrastruktur einer solchen Metropole erfüllt nicht länger die Funktion eines Erinnerungsträgers. Täglich ist die Künstlerin mit diesen Transformationsprozessen konfrontiert und archiviert in ihren Installationen nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern schafft Erinnerungslandschaften, die das Publikum einladen, an den von ihr gestalteten Orten die eigenen Geschichten aufleben zu lassen oder sich auf die Spurensuche unbekannter Ereignisse zu begeben. Bis zum 11. November zeigte die Berliner Galerie von Alexander Ochs Yin Xiuzhens neueste Installation – International Airport Terminal 1. Ulrike Münter und Su Xiaoqin trafen die Künstlerin zum Gespräch.

Wiederholt arbeitet Yin Xiuzhen mit getragener Kleidung, die sie in Räumen oder im Freien arrangiert, zu Lampenschirmen formt oder einzementiert. Lieblingspullover zeigen Verschleißspuren, mit den Schuhen aus Kindertagen verbinden sich Bilder vom Spiel auf der Straße. „Weißt Du noch, weißt du noch…“, könnte der Subtext einiger Installationen lauten. In Knitting Wool (1995) stapelt die Künstlerin handgestrickte Pullis, die teilweise bereits „aufgeribbelt“ am Boden liegen. Mit zwei Stricknadeln hat sie begonnen, daraus ein neues Kleidungsstück zu fertigen. Zeugnisse der Vergangenheit gehen im Zukünftigen auf, sind darin aufgehoben.

Ulrike Münter: Als ich Knitting Wool gesehen habe, schien mir die Installation wie eine übergeordnete Aussage über deine künstlerische Arbeit. Da entstehen aus alten handgearbeiteten Kleidungsstücken neue. Jemand hatte sie gestrickt, was diese Person ja viel Zeit gekostet hat, dann wird die Kleidung getragen bis sie vielleicht nicht mehr passt oder unmodern ist, dann ribbelt sie jemand auf und strickt was Neues daraus, nimmt vielleicht auch die Wolle von mehreren Kleidungsstücken. Man kann sich vorstellen, wie viele Lebensgeschichten mit diesen Kleidungsstücken verwoben sind…

Yin Xiuzhen: Ja, Knitting Wool ist schon eine besondere Arbeit – und sie ist noch nicht abgeschlossen. Immer wenn ich Zeit habe, stricke ich ein Stückchen weiter. Wenn ich viel arbeite, geht Knitting Wool eben langsamer voran. Bei dieser Tätigkeit komme ich zur Ruhe. Es ist eine Art Meditation. Die Pullover sind von Freunden; Männern und Frauen. Aus den unterschiedlichen Fäden entsteht etwas Neues, eine Reinkarnation könnte man sagen.

Ulrike Münter: In Deiner Installation Yin Xiuzhen von 1998 verfolgt man im wahrsten Sinne des Wortes deinen Lebensweg. Da sieht man im Inneren von chinesischen Mädchen- und Frauenschuhen Fotos von Dir als Kind, als Teeny usw. Welche Bedeutung hat für Dich die Erinnerung an die Kulturrevolution, die ja sicher deine Kindheit geprägt hat?

Yin Xiuzhen zu Su Xiaoqin: Warum Kulturrevolution? Ich möchte lieber über meine Arbeit reden.

Su Xiaoqin: Mit einer bestimmten Kultur verbinden sich eben auch bestimmte Bilder. Und vielleicht liegt es gerade für Deutsche nahe, mehr über die menschliche Tragödie der Kulturevolution erfahren zu wollen, und zwar nicht allgemein und abstrakt, sondern aus der individuellen Erfahrung heraus. Menschen, die den Nationalsozialismus erlebt haben, würde man diese Frage genauso stellen. Gerade bei Deiner Arbeit mit getragener Kleidung taucht dieser Aspekt auf, denn es gibt Arbeiten von deutschen Künstlern, die mit solchen Materialien gezielt auf die Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten anspielen.

Yin Xiuzhen: Jetzt fällt mir eine Geschichte ein. Meine Eltern waren einfache Arbeiter. Während der Kulturrevolution bekamen wir Marken, die man auf speziellen Märkten gegen Ware eintauschen konnte. Einmal waren es Kleidermarken. Das waren Sachen, die man so genannten „Konterrevolutionären“ bei Hausdurchsuchungen weggenommen hatte. Im Chinesischen gibt dafür einen feststehenden Begriff: „chao-jia“. Mein Vater bekam ein Seidenhemd. Etwas aus so feinem Stoff hätte er sich nie leisten können. Wir bekamen auch noch eine sehr weiche Decke. Die besitzt meine Familie heute noch.

Ulrike Münter: Das ist aber doch makaber, wenn man an die Menschen denkt, denen die Sachen gehört haben?

Yin Xiuzhen: Darüber habe ich als Kind nicht nachgedacht. Uns haben die Sachen einfach glücklich gemacht.

Ulrike Münter: Du bist in Peking geboren und lebst heute noch dort. In der Raum-Installation Beijing Opera (2001) zeigst Du Szenen, die jetzt nur noch in den wenigen übrig gebliebenen Hutong-Siedlungen zu beobachten sind. Mahjong- und Karten spielende Männer, Parkbesucher, die ihre Vögel im Käfig spazieren führen und einen älteren Herrn, der mit Inbrunst zur Musik traditioneller chinesischer Instrumente singt.

Yin Xiuzhen: Das ist das Peking, das ich liebe. So bin ich aufgewachsen und auch heute lebe ich mit meinem Mann und meiner Tochter in einer solchen traditionellen Hofhaus-Siedlung. Ich bin eine Zeit lang täglich zu den öffentlichen Plätzen gegangen, wo sich die alten Pekinger treffen. Die Atmosphäre hat mich angezogen. Irgendwann haben die Männer sich an mich gewöhnt, ich habe dann einfach dazugehört. In der Nähe dieser Menschen kann ich an einem Lebensgefühl teilnehmen, dass es bald nicht mehr geben wird. Das neue Peking will immer nur den Fortschritt. Niemand kümmert sich um die Bewahrung des Alten.

Ulrike Münter: In den Portable Cities (2003) arbeitest Du wieder mit getragenen Kleidungsstücken, aus denen du Gebäude, Straßen und Parks nähst und in Koffern inszenierst. Es gibt einen Koffer für Singapur, einen für Shanghai, aber eben auch für westliche Großstädte wie zum Beispiel Berlin und Vancouver.

Yin Xiuzhen: Das sind alles Orte, an denen ich gewesen bin. Die Kleidung, aus denen ich die Städte genäht habe, ist von Freunden. Jede Erinnerung an eine Stadt ist ja eben auch verbunden mit den Menschen, die man dort kennt.

Ulrike Münter: In deiner Arbeit International Airport Terminal 1 wird gleich der ganze Flughafen zu einem sehr persönlichen Ort. Die Anzeigentafel, der Sicherheits-Check, sogar das Gepäcklaufband sind aus Kleidungsstücken im Patch-Work-Verfahren genäht.

Yin Xiuzhen: Die Kleidungsstücke sind von Freunden aus Peking. Die Vorlage des Flughafens ist der in Tempelhof. Ich habe mich bewusst gegen jede Farbigkeit entschieden. Alle Objekte sind in Schwarz, Grau oder Weiß gehalten. Hier soll ja kein realer Flughafen nachgebaut werden. Es geht um den Ort Flughafen in der Vorstellung, in der Erinnerung. Der Ort wird ruhig gestellt durch die reduzierte Darstellung. Der reale Ort existiert ja immer nur, so lange der Mensch dort ist, in der Erinnerung ist er geprägt von den Erlebnissen, die man dort hatte. Diese Installation ist auch erst komplett, wenn sich Menschen darin bewegen. Am Eingang wird die Kleidung der Leute mit einer Fusselrolle abgerollt. Die gebrauchten Papierstreifen werden in einer Mappe gesammelt und sind dann Teil der Installation. Jeder Besucher hinterlässt seine Spuren auf dem Airport Terminal.

Su Xiaoqin: Und die Dangerous Things in a Baggage?

Yin Xiuzhen: Die Idee zu dieser Arbeit kam mir durch die verschärften Sicherheitsvorkehrungen nach 9/11 und den Anschlägen in London. All diese Gegenstände gelten als potentiell gefährlich. Ich habe sie aus Kleidungsstücken genäht und in einem Koffer mit auf Reisen genommen, bei Sicherheits-Checks vorgezeigt und so weiter.

Ulrike Münter: Das eigentlich Gefährliche wird in dieser Arbeit weich und ungefährlich, spielst du mit dieser Assoziation?

Yin Xiuzhen: Das ist nur ein Aspekt. Das Sanfte ist ja nicht weniger stark. Und in der Vorstellung bleibt ja die Assoziation des Gefährlichen.

Ulrike Münter: Zum Schluss hätte ich noch eine Frage an Dich als weibliche Vertreterin der chinesischen Kunstszene. Es verwundert, dass auch in China der Frauenanteil unter den Künstlern recht niedrig ist. Eigentlich würde man ja denken, dass es sich in China, weil es hier gesellschaftspolitisch eine fast zwangsverordnete Gleichberechtigung gibt, im Kunstbereich ähnlich verhält.

Yin Xiuzhen: Ich habe mich nie mit dieser Frage beschäftigt. Das Thema interessiert mich auch nicht. Ich denke nicht in Mann-Frau-Kategorien. Ich will auch nicht, dass man meine Kunst als weibliche Kunst sieht. Ich will einzig an meinen künstlerischen Leistungen gemessen werden.