Heimat-Surrogate
Yin Xiuzhen. Installationen ( en )

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

In Peking geboren, lebt und arbeitet Yin Xiuzhen (geboren 1963) in Chinas Hauptstadt, die gleich einem Phönix aus der Asche im Begriff ist, sich grundsätzlich neu zu definieren. Die Architektur und Infrastruktur einer solchen Metropole erfüllt nicht länger die Funktion eines Erinnerungsträgers. Was sich heute noch Zuhause nennt ist morgen dem Erdboden gleichgemacht.

Täglich mit diesen Transformationsprozessen konfrontiert, archiviert die Künstlerin in ihren Installationen nicht nur persönliche Erinnerungen, sie schafft Erinnerungslandschaften, die den Betrachter einladen, an den von ihr gestalteten Orten die eigenen Geschichten aufleben zu lassen oder sich auf die Spurensuche unbekannter Ereignisse zu begeben.

Wiederholt arbeitet Yin mit getragener Kleidung. Sie wird in Räumen oder im Freien arrangiert, zu Lampenschirmen geformt oder einzementiert. Lieblingspullover zeigen Verschleißspuren, mit den Schuhen aus Kindertagen verbinden sich Bilder vom Spiel auf der Straße. „Weißt Du noch, weißt du noch …“, könnte der Subtext einiger Installationen lauten. In Knitting Wool (1995) artikuliert sich die Grundintention der Künstlerin: gestapelte handgestrickte Pullis sind teilweise bereits „aufgeribbelt“, ein bunter Fadenberg liegt am Boden, zwei Stricknadeln haben bereits begonnen, daraus ein neues Kleidungsstück zu fertigen. Zeugnisse der Vergangenheit werden somit im Zukünftigen aufgehen, sind darin aufgehoben, konserviert. Idealismus und/oder Trauerarbeit?

In der Installations-Photographie Shoes with Butter (1996) verleiht Yin Xiuzhen getragenen Schuhen die Funktion einer ‚Erinnerungskonserve’. Herrenlose, mit Butter gefüllte Schuhe stehen paarweise in einem fast ausgetrockneten Flussbett. Tibets karge Berglandschaft, der blaue Himmel, die Wolken, die sich in der Wasserpfütze spiegeln, geben der Szene den Charakter eines Stillebens. Die Geschichte dieses Ortes wird nicht erzählt. Was hat sich hier ereignet?

Die Raum-Installation Beijing Opera (2001) widmet sich Relikten chinesischer Alltagskultur. Eingeladen, auf den für China typischen niedrigen Holzhockern Platz zu nehmen, fällt der Blick auf großformatige Photographien, die Szenen kurzweiligen Zeitvertreibs festgehalten haben. Inmitten des tosenden Lärms unzähliger Baustellen und hupender Automassen, gelingt es dem abgehärteten Pekinger fortgeschrittenen Alters dennoch, seinen Lebensabend zu genießen. In Beijing Opera # 3 sitzen zwei Mahjong-Spieler in einer schmucklos-grauen Gasse. Die sie umgebende Tristesse scheint ihr Vergnügen nicht zu schmälern. Auch die Karten spielenden Männer in Beijing Opera # 2 sind ganz ihrer Beschäftigung zugewandt. Im sommerlichem Park-Ambiente wurden die mitgebrachten Vogelkäfige kurzerhand in die Bäume gehängt. Die Chinesen der Folgegeneration führen anstelle eines Vogels einen kleinen Hund spazieren. Ebenfalls unter freiem Himmel singt in Beijing Opera # 1 ein älterer Herr mit Verve zur Musik traditionell chinesischer Instrumente.

In den Portable Cities (2003) erweitert Yin Xiuzhen den Radius ihrer gegenwartsdiagnostischen Bestandsaufnahme. An die Seite asiatischer Stadtlandschaften im Kofferformat wie z. B. Singapur und Shanghai treten westliche Großstädte wie z. B. Berlin und Vancouver. Aus Kleidungsstücken, mit denen die Künstlerin konkrete Erinnerungen an Menschen oder Ereignisse verbindet, formt sie im Patchwork-Verfahren Stadtansichten en miniature. An diesen Orten aufgezeichnete Geräusche und Melodien klingen aus der Tiefe des Koffers. Die ‚tragbaren Städte’ Yin Xiuzhens leisten das, was ihrem realen Pendant abgeht: sie verleihen einem Erlebnisraum Dauer.


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing