Durchgangsstadium: Schmerz
Yang Zhichao. Performance

Ulrike Münter und Yang Jin, culturebase 2006-04

„Durch Leiden lernen“, heißt es an zentraler Stelle bei Aischylos. Die Moderne hingegen ist bekanntlich auch eine Schmerzverdrängungsgeschichte. Indem der seit 2000 international agierenden chinesische Künstler Yang Zhichao die Erfahrung des Schmerzes in den Mittelpunkt seiner Performances stellt, bezieht er einen kulturkritischen Standpunkt in dieser Entwicklung. „Es geht mir aber nicht um den Schmerz an sich,“ so Yang, „wichtig ist die Kraft, die man aufbringen muß, den Schmerz auszuhalten.“

Was veranlaßt einen Künstler, mit einer Mischung aus seinem Blut und roter Tusche Porträts von Ausstellungsbesuchern zu malen; was, sich die Nummer des Personalausweises als Brandmal auf den Rücken setzen zu lassen? „Für mich hat Kunst durchaus eine religiöse Dimension. Ich denke da z. B. an die buddhistischen Mönche, denen in China die schwere Aufgabe zukommt, trotz starker Repressionen an ihrem Glauben festzuhalten. Indem sie ihr Leben in den Dienst des friedlichen Miteinanders stellen und dafür im Ernstfall sogar bereit sind zu sterben, geben sie uns die Kraft an eigenen Idealen festzuhalten. Was im Zeichen der Religion hinter Klostermauern stattfindet, transportiert die Kunst in die Öffentlichkeit.“

1998 in Peking angekommen, beschreibt Yang die Wirkung dieser Megastadt als Schock. Ein krasserer Gegensatz zum Leben auf dem tibetischen Hochplateau seiner Heimatprovinz Gansu ist kaum vorstellbar. Seine Performance Iron (2000) artikuliert dieses Aufeinanderprallen zweier Welten. Durch seine Kindheitserinnerungen geprägt von einer Lebensauffassung, in der Religiösität und Naturnähe ihren fest angestammten Platz haben, kann eine Stadt wie Peking, die international als ein Exempel radikalster Modernisierungsprozesse gilt, nur als zutiefst irritierend, wenn nicht gar bedrohlich empfunden werden. Indem sich Yang die Nummer seines Passes in den Rücken brennen läßt, visualisiert er die im wahrsten Sinne des Wortes prägende und unwiderruflich auf die eigene Identität wirkende Konfrontation einer fremden Außenwelt mit der bis dato als Selbst empfundenen Persönlichkeit. Unsichtbar durchlittene Pein und die zwangsläufig erfolgenden Veränderungen der eigenen Identität werden bei dieser Aktion sichtbar gemacht.

Bei der Performance China Red (2004) erzeugt bereits der Titel eine ganze Palette von Assoziationen. Überhaupt ist die Farbe Rot in China omnipräsent: man denke an die roten Papierlaternen, rote Glücksbringer, rote Hochzeitskleidung, die roten Tore und Mauern der traditionellen Gebäude und schließlich die chinesische Nationalflagge. Yangs gleichnamige Performance, in der er Tropfen seines eigenen Blutes – nach einem Schnitt in den Finger – mit roter chinesischer Tusche und Farbpigmenten mischt, in einen Federhalter füllt und damit unbekannte Menschen auf Seide porträtiert, referiert auf die ganz elementare, nämlich physische Metaphorik der Farbe Rot. „Rot ist das Blut, und Blut ist die Essenz des menschlichen Lebens. Indem ich Blut mit Tusche und Pigmenten mische, fließen Kunst und Leben symbolisch zusammen. Bei den Beobachtern löst diese Performance unterschiedlichste Reaktionen aus. Sie verunsichert, wie ein unebener Boden. Zwischen dem Porträtierten und mir entsteht eine Nähe und damit eine Nähe zur Kunst. Da Tusche und Seide traditionell chinesische Materialien sind, erhält China Red außerhalb Chinas noch die Komponente des Dialogs zwischen den Kulturen.“

Yangs Heimatprovinz Gansu liegt am Gelben Fluß. In seiner Performance Earth (2004) läßt Yang sich von einem Arzt Erde des Flußufers in die Bauchdecke implantieren. „Ich weiß, dass diese Sehnsucht, die Trennung zwischen dem Menschen und dem Universum aufzuheben, immer unerfüllt bleiben wird. Es gelingt uns ja noch nicht einmal in einem harmonischen Verhältnis mit der Natur zu leben. Genau diese Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit spiegelt sich in Earth. Auch wenn ich die Schmerzen auf mich nehme, mein Körper stößt die Erde ab. Die Menschen hingegen verbindet die Sehnsucht, diese Trennung zu überwinden.“

Für manch einen mögen Yangs Beweggründe eigenwillig anmuten. Ließen sich diese von ihm als „humanistische Botschaften“ bezeichneten Intentionen seiner Performances nicht auch auf einer abstrakteren Ebene umsetzen? Der Künstler verneint lächelnd, aber bestimmt. „Erst die eigene Schmerzerfahrung läßt mich zu Erkenntnissen kommen, die abstrakt nicht zu erreichen sind. Die Schmerzen sind Durchgangsstadium zu einem anderen Lebensgefühl. Indem ich das Thema ‚Schmerz’ enttabuisiere und in die Öffentlichkeit bringe, hoffe ich auch auf einen internationalen Dialog. Denn als Grunderfahrung ist psychisches und physisches Leiden ein grenzüberschreitender Bestandteil des menschlichen Daseins.“


Erstveröffentlichung: Culturebase