Yang Shaobin. Dimensionen der Gewalt

artnet 2006-08-01

Ob in blutrot zerfließender Farbigkeit oder mit breitem Pinselstrich und kalter Tonalität: Thema der in Öl auf Leinwand gearbeiteten Bilder Yang Shaobins (geboren 1963) sind die Dimensionen menschlicher Gewalt und die Folgen für die Opfer. Yangs Bilder verweigern einen distanzierten Betrachterstandpunkt und bannen insbesondere durch ihre reduziert-intensive Farbdramaturgie den Blick. Die verführerische Komponente von Macht und Gewalt ist integrativer Bestandteil der Arbeiten.

Die rüden Umgangsformen der Bewohner des heimatlichen Bergarbeiterdorfs Tangshan im Norden Chinas prägten die Kindheitserinnerungen Yang Shaobins. Alltäglich galt es, sich durch den Einsatz körperlicher Kraft Bewegungsspielräume zu erobern oder dem Stärkeren zu unterliegen. Yangs Zeit im Polizeidienst einerseits und die Bedrohung durch die Behörden während der ersten Jahre im Pekinger Künstlerdorf Yuanmingyuan andererseits ließen ihn auf beiden Seiten der Macht-Hierarchie stehen. In den 1990er Jahren verarbeitet er seine Erlebnisse künstlerisch mit den Stilmitteln des „Zynischen Realismus“. Im Interview mit dem chinesischen Kunstkritiker Li Xianting beschreibt Yang, wie unbefriedigt ihn diese Form der Bildsprache zurückließ. Nach Monaten des Selbstzweifels und der Suche nach einer eigenen künstlerischen Ausdrucksform entstanden die ersten Arbeiten der Körperschlachten in Blutrot, die mittlerweile zum Bestand mehrerer bedeutender internationaler Sammlungen gehören, beispielsweise der des Schweizers Uli Sigg.

Mit schier berstender emotionaler Wucht zeigen Bilder wie No. 4/55 oder No. 1/70 (2003) Menschen im Kampf. Die bis zur Konturlosigkeit verzerrten und entstellten Körper und Gesichter zeugen von gröbster Gewalteinwirkung, die fleckig-dunkelrot überzogenen Bildflächen lassen an Lachen von Blut denken. In leblosem Schwarz-Grau-Weiß, kaltem Blau und Tarnfarben-Grün hingegen zeigt Yang Shaobin Szenen aus Fernsehfilmen oder Nachrichten. Nahaufnahmen von politischen Persönlichkeiten oder deren Befehlsempfängern nehmen einerseits diejenigen in den Blick, die Gewalt anordnen, anderseits die, die sie ausführen. Das Gespräch mit dem Künstler fand anlässlich der Ausstellung „Hermann Nitsch | Yang Shaobin: Retour China“ in Berlin statt.

Ulrike Münter: Im Interview mit Li Xianting sprichst du von dem starken Einfluss, den Fang Lijun auf die Bewohner des Pekinger Künstlerdorfes Yuanmingyuan hatte. Wenn man deine Mitte der 1990er Jahre entstanden Arbeiten sieht, sind da starke Parallelen sowohl von der Bildkomposition als auch vom Thema her: das Wasser im Hintergrund, die Ertrinkenden, Intellektuelle im Bildvordergrund… Während aber Fangs Arbeiten dieser Zeit sich mit den formalen Mitteln des sogenannten „Zynischen Realismus“ auf die Niederschlagung der Studenten-Proteste von 1989 beziehen, bist du doch erst 1991 nach Peking gezogen, oder?

Yang Shaobin: Ja, aber das ist alles lange her. Ich wusste in den ersten Jahren in Peking nur eins: ich will malen. Es gab ein klares Gefühl für das, was ich ausdrücken wollte, doch stilistisch hatte ich noch keine Ahnung. Mir ging es schlecht, die Behörden saßen mir im Nacken, ich hatte kein Geld, das Leben in einer riesigen Stadt wie Peking, die Kunstszene, in der ich noch niemanden kannte… Letztendlich sind die Arbeiten dieser Zeit Ausdruck meiner Orientierungssuche. Ach, und dieses Label „Zynischer Realismus“ – das hat nichts mit mir zu tun.

Ulrike Münter: Auffallend bei deinen Arbeiten ab 1997 ist die atmosphärische Intensität der Farbgebung. Es gibt die blutrote Serie, die Szenen in Grau-Schwarz und dann noch diese bedrohlichen Bilder in kaltem Grün.

Yang Shaobin: Mit diesen Bildern fing alles an. Gewalt wird hier nicht nur zum Thema, auch die Technik ist gewalttätig. Mit breiten Pinseln habe ich die Schlägereien aufs Papier geworfen oder ich habe die Ölfarbe so weit verdünnt, dass sie wie Blut übers Papier läuft. Die Assoziation Rot gleich Blut ist ja nahe liegend. Die Grün-Serie hingegen geht von dem Blick durch eine Nachtsicht-Brille aus, wie sie im Krieg eingesetzt wird. Die gezeigten Personen werden beobachtet, von ihnen geht Gefahr aus, aber auch sie sind gefährdet.

Technische Perfektion ist mir sehr wichtig. Mit diesem verschwimmenden Farbauftrag kann ich vermitteln, worum es mir geht: dass Gewalt den Menschen ihre Identität nimmt, Gesichter unkenntlich werden lässt. Bei den roten Bildern sind es noch anonyme Personen, später geht es mir um konkrete politische Ereignisse, beispielsweise bei den Söhnen von Saddam Hussein. Ich habe die Bilder von den lebenden und den toten Männern über Kreuz angeordnet. Der Titel Who (2006) sagt alles. Die Gesichter sind so weit entstellt, dass nicht mehr klar ist, wer wer ist.

Ulrike Münter: Du sagst, die Grünfärbung rühre von dem Blick durch eine Nachtsichtbrille. Wie ist denn dann Battle Line out of Sight (2005) zu verstehen? Ein Ausstellungsraum mit bilderlosen Rahmen… Das Bild ist mir sofort aufgefallen. Technisch sieht man ja sofort, dass es von Dir ist: der verschwimmende Farbauftrag, die begrenzte Farbpalette, die breite Pinselführung und diese flirrende Optik. Die Bilder stehen irgendwie unter Hochspannung.

Yang Shaobin: Das Thema ist der Kunstraub der Russen. Der Krieg hat ja nicht nur Menschen auf dem Gewissen. Die Zerstörung von Kulturgütern, der Raub von Kunst ist eine subtile Form der Gewalt. Es passt schon zu den anderen Bildern, denn es geht mir um das Auslöschen von Identität, in diesem Falle um das Gedächtnis der Kunst.

Ulrike Münter: Wie würdest du die thematische Verschiebung beschreiben, die zwischen den einzelnen Serien stattfindet?

Yang Shaobin: Am Anfang war da das Gefühl von Wut, von Aggression und gleichzeitig von Ohnmacht – das sind die roten Körperschlachten. Da gab es kein übergeordnetes Konzept. Dann kam erst mal eine Zeit, in der ich mit dem Fotoapparat vor dem Fernseher saß und Material für neue Arbeiten sammelte. Auslöser für diese Serie war der 11. September 2001. Die Bilder des einstürzenden World Trade Centers haben mich nicht mehr losgelassen. Der politische Kontext vieler Arbeiten, die daraufhin entstanden, ist eindeutig diesem Ereignis geschuldet. Weltpolitik ist durch dieses Ereignis auch zur persönlichen Bedrohung geworden.

Ulrike Münter: Welche Rolle spielt die westliche Kunst für deine Arbeit? Im Katalog von 2004 verweist du auf Werke von Van Gogh, Louise Bourgeois, Francis Bacon, aber auch Klassiker wie Judith und Holofernes (1652) von Artemisia Gentileschi – und eben Hermann Nitsch, mit dem du vor kurzem in Peking ausgestellt hast und nun in Berlin ausstellst.

Yang Shaobin: In der chinesischen Kunst gibt es keine Tradition der Gewaltdarstellung; es gibt Landschaften, Pflanzen, Tiere, Porträts, kleine Formate usw. Schon in den 1980er Jahren kursierten in China Bücher mit Kunstdrucken aus dem Westen. Die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers war da ein wiederkehrendes Thema. Was mich auch begeisterte, waren die großen Bildflächen, das grobe Material auf dem und mit dem agiert wurde und die Ästhetik des Hässlichen. Ende der 1980er stieß ich dann auf eine Performance-Fotografie von Hermann Nitsch. Das Blut eines geschlachteten Tieres läuft über einen Mann, der ans Kreuz gefesselt ist. Mich interessierte nicht der kultische Hintergrund, mich begeisterte die Leidenschaft dieser Wiener Künstlergruppe, die Provokation. Es ging mir um die formale Ästhetik dieses Fotos. Geschlachtete Tiere sieht man in China auf jedem Markt, erst im Kontext der Kunst kriegt die Szene etwas Ekelhaftes. Und gleichzeitig scheint ein Moment der Schönheit auf.

Ulrike Münter: Was weiß man in China über das „Mysterien Orgien Theater“ von Nitsch und seinen Kollegen des Wiener Aktionismus? Hier in Europa ist sein künstlerisches Werk ja umstritten.

Yang Shaobin: In China hat man davon nichts mitbekommen, das zeigte auch die Reaktion der Ausstellungsbesucher in Peking. In erster Linie war es Neugierde, die die Leute in die Galerie lockte. Gerade weil man wusste, dass Nitsch im Westen sehr umstritten ist, wollte man die Arbeiten sehen. Auch die Presse und die Kunstkritiker haben nicht wirklich verstanden, worum es Nitsch geht, da konnte man dann lesen, das sei „neu, interessant, spektakulär, aufregend“.

Ulrike Münter: Und was ist mit dem Rückraum der griechischen Tragödie, den Nitsch für sich veranschlagt, dem Katharsis-Effekt, den er durch seine Aktionen ausgelöst wissen möchte? Interessiert dich das? Hast du dich mit Nitsch mal darüber unterhalten? Immerhin war die griechische Tragödie bis vor 30 Jahren in China so gut wie unbekannt…

Yang Shaobin: Das wäre ein spannendes Thema. Irgendwie kam es aber bisher nicht zu einem ausführlichen Gespräch: keine Zeit, die Sprachbarriere usw. Vielleicht reden Künstler auch einfach ungern untereinander über ihre Arbeiten. Ich frag mich aber schon, ob es bei Nitsch erst den theoretischen Background gab und dann die Aktionen kamen oder ob es umgekehrt war? Vielleicht aus einem Bedürfnis nach kulturellen Wurzeln der eigenen Kunst heraus.

Ulrike Münter: Verbindendes Moment eurer künstlerischen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit den Abgründen des Menschen, seinen zerstörerischen Anteilen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es dir aber bei den frühen Bildern um eine Erfahrungsqualität, die an dein eigenes Leben gekoppelt ist, und bei den politisch konnotierten Arbeiten um eine eher beobachtende Perspektive. Es ist also immer eine reflexive Ebene zwischengeschaltet. Bei Nitsch stehen hingegen die direkte Aktion und das Miterleben des Publikums im Vordergrund. Welche Beziehung hast du zur Performance-Kunst, die ja in China – und gerade im Künstlerdorf Yuanmingyuan – für viel Aufsehen gesorgt hat? Künstler, die Seife essen, bis sie sich übergeben; andere, die sich Gras oder Erde implantieren lassen oder – wie der Film Frozen dokumentiert – den eigenen Erfrierungstod provozieren, um nur einige Beispiele der extrem selbstzerstörerischen Aktionen anzusprechen.

Yang Shaobin: Performances wie diese interessieren mich überhaupt nicht. Das ist für mich auch keine Kunst, es widert mich an. Die Leute zeigen in erster Linie, wie hart sie sind, nicht mehr. Was bleibt davon übrig? Wenn ich die Arbeiten von Nitsch sehe, fasziniert mich die Ästhetik der Grausamkeit. Da gibt es einen Mehrwert. Kunst hat für mich immer was mit technischem Perfektionsstreben zu tun. Man will besser werden, neue Möglichkeiten finden, um Inhalte und Stimmungen zu transportieren: eine flirrende Bildfläche, wie in der Vibration-Serie (2005) oder Bilder, die aussehen, als seien sie flüssig. Die ewige Wiederholung ein und desselben Themas, derselben Technik langweilen mich, genau wie die pure Provokation – auch wenn man all diese Bilder momentan gut verkaufen könnte. Wenn ein Thema erschöpft ist, muss Schluss sein. Man muss auch aushalten können, dass man zeitweilig nicht arbeiten kann – bis zur nächsten Vision.

Noch bis zum 9. September 2006 ist die Ausstellung „Hermann Nitsch | Yang Shaobin: Retour China“ bei Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing zu sehen.

Yang Shaobin
Yang Shaobin beim Interview in der Galerie von Alexander Ochs, Berlin
Foto: Ulrike Münter

Yang Shaobin, Climax
Yang Shaobin
Climax, 2006
210 x 350 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Evening 01
Yang Shaobin
Evening 01, 2006
Öl auf Leinwand
74,2 x 130 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Evening 02
Yang Shaobin
Evening 01, 2006
Öl auf Leinwand
74,2 x 130 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, New Cross
Yang Shaobin
New Cross, 2006
210 x 350 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Volunteers
Yang Shaobin
Volunteers, 2006
200 x 260 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Who
Yang Shaobin
Who, 2006
42 x 53 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, I Feel Great Anxiety, but I need to Save the Situation
Yang Shaobin
I Feel Great Anxiety, but I need to Save the Situation (Detail), 2006
Öl auf Leinwand
190 x 700 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, The Whole World Belongs to you, and so to us!
Yang Shaobin
The Whole World Belongs to you, and so to us! (Detail), 2005
Öl auf Leinwand
84 x 320 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Battle Line out of Sight
Yang Shaobin
Battle Line out of Sight (Detail), 2005
Öl auf Leinwand
210 x 700 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Americans in Japan II
Yang Shaobin
Americans in Japan II, 2005
Öl auf Leinwand
110 x 140 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Skin/80
Yang Shaobin
Skin/80, 2003
Öl auf Leinwand
80 x 100 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, No 1
Yang Shaobin
No 1, 2003
Öl auf Leinwand
60 x 70 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Untitled
Yang Shaobin
Untitled (Detail), 1997-1998
Öl auf Leinwand
260 x 350 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, Playground
Yang Shaobin
Playground, 1993
Öl auf Leinwand
200 x 200 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Yang Shaobin, I am Anxious and Happy
Yang Shaobin
I am Anxious and Happy, 1994
Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing

Foto aus dem Besitz von Yang Shaobin
Foto aus dem Besitz von Yang Shaobin, Katalog Yang Shao Bin, Xin Dong Cheng Publishing House, 2004

Hermann Nitsch, 80th Action
Hermann Nitsch
80th Action, Prinzendorf 1984
Foto: Archiv Cibulka
Courtesy of Hermann Nitsch

Foto aus dem Besitz von Yang Shaobin
Foto aus dem Besitz von Yang Shaobin, Katalog Yang Shao Bin, Xin Dong Cheng Publishing House, 2004