Dimensionen der Gewalt
Yang Shaobin. Malerei, Skulptur

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

Ob in blutrot zerfließender Farbigkeit oder mit breitem Pinselstrich und kalter Tonalität, das Thema der in Öl auf Leinwand gearbeiteten Bilder Yang Shaobins (geboren 1963) sind die Dimensionen menschlicher Gewalttätigkeit.

Mit nahezu unerträglicher Schonungslosigkeit und schier berstender emotionaler Wucht zeigen Bilder wie z. B. Regards (Öl auf Leinwand, 2005) ‚Körperschlachten in Blutrot’. Nicht nur die konturlos verzerrten und entstellten Körper und Gesichter zeugen von gröbster Gewalteinwirkung; die fleckig dunkelrot bis pink überzogenen Bildflächen lassen an Lachen von Blut denken.

In leblosem Schwarz-Grau-Weiß, kaltem Blau und Tarnfarben-Grün lokalisiert Yang Shaobin Orte und Szenen, die an düstere Kapitel in der Geschichte Chinas, aber auch anderer Kriegsschauplätze gemahnen. So nimmt er in seiner Arbeit Vibration 1 (2005) den Japanisch-Chinesischen Krieg der 1930er bzw. 1940er Jahre in den Blick. In eisigem Blau lassen die Bomber der Japaner den Himmel über China sichtlich erzittern. Mit Gerhard Richters Bild Mustang-Staffel (1964) im Hinterkopf, das den zerstörerischen Tieffliegereinsatz über Dresden im Zweiten Weltkrieg ins visuelle Gedächtnis ruft, steht Yang in deutlichem Zwiegespräch. Bezeichnenderweise fliegen die Flugzeuge der beiden in entgegen gesetzte Richtungen.

Mit Arbeiten wie z. B. Americans in Japan I (2005) und Death Visit (2005) ändert Yang Shaobin die Optik, nicht aber das Thema. Nahaufnahmen von politischen Persönlichkeiten oder deren Befehlsempfängern nehmen einerseits diejenigen in den Blick, die Gewalt anordnen, anderseits die, die sie ausführen. Leidvollen Kapiteln der Geschichte werden Tätergesichter zugeordnet.

Yang Shaobins Bilder verweigern einen distanzierten Betrachterstandpunkt. Gebannt von dem kraftvollen und sicheren Pinselduktus des Künstlers und seiner radikalen und fesselnden Farbdramaturgie, ist es gerade die Faszination, die man an sich selbst erfährt, welche verstört zurückläßt. Vor der verführerischen Dimension von Gewalt und Macht wird hier nicht Halt gemacht.


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing