Und wo sammelt sich der Staub?
Xu Bing. Installation

Alexander Ochs Galleries Berlin|Beijing, 2006

Wenn ein Künstler in der doch immer noch recht jungen chinesischen Gegenwartskunst bereits den Status eines Klassikers erreicht hat, so ist dies der seit 1990 in New York lebende Xu Bing (geboren 1955 in Chongqing, China).

Mit seiner raumgreifenden Installation Book from the Sky (Holzschnitt auf Papierbahnen und Büchern, 1987-1991) sicherte sich Xu bereits Ende der 1980er Jahre einen Platz in der internationalen Kunstgeschichte. In jahrelanger Kleinarbeit entwickelte der Künstler ein System von Schriftzeichen, das jeglicher Bedeutung entbehrend den Sinn suggerierenden Informationsträger zum rein ästhetischen Zeichen werden ließ. Nicht nur die Doppelbödigkeit dieses Modifikationsprozesses, sondern auch der ursprüngliche Titel Spiegel der Welt: Lehre der Beziehung zwischen Kunst und Leben machen die philosophisch-existentielle Sprengkraft der Installation evident.

In dem Projekt Introduction to Square Word Calligraphy (Lehrbuch, Leporello 1994-1996) steht ebenfalls das Verhältnis von Schrift, Bild und Bedeutung im Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung, allerdings ist es diesmal die lateinische Schrift. Somit wechselte Xu Bing mit seinem Umzug nach New York zwar den Aufenthaltsort, nicht aber seine konzeptuelle Grundhaltung. Vielmehr erweitert er den kulturellen Einzugsbereich seiner Arbeit. Wie der Titel bereits andeutet, komponiert Xu die leicht veränderten Buchstaben eines Wortes auf der Fläche eines Quadrates, so dass sie auf den ersten Blick einem chinesischen Schriftzeichen ähneln. Im Anschluss daran entstand zwischen 1999 und 2004 ein Computerprogramm das ‑ auf der Basis der zunächst für das Schreiben mit der Hand entworfenen Square Word Calligraphy ‑ einen beliebigen Text aus lateinischen Buchstaben in die besagte Kunst-Schrift umwandelt. So konnten z. B. westliche Ausstellungsbesucher ihrem Namen ein ‚chinesisches Erscheinungsbild’ verleihen. Der Topos des interaktiven und interkulturellen Kunstwerks wird hier konkret umgesetzt.

Eine 1999 unternommene Nepal-Reise inspirierte die Serie Landscripts (Tusche auf Nepalpapier, 1999-2004). Mit den Mitteln der Kalligraphie gestaltet Xu Bing Hügellandschaften, indem er z. B. hundertfach das Zeichen für "Wald" schreibt und wellenförmig anordnet. Nicht nur das Medium der Tusche verbindet traditionell die Kalligraphie mit der Landschaftsmalerei, die ‚schöne Schrift’ und der freie Pinselschwung sind gleichermaßen ästhetischer Ausdruck.

Where Does the Dust Itself Collect? (Installation, Staub, Gerüst, Photographien, 2004) Mit feinstem Staub, gesammelt nach dem Attentat auf das World Trade Center in den Seitenstrassen von Ground Zero, bedeckt Xu Bing den Boden des Ausstellungsraumes. Unberührt vom Staub ergeben mittels Schablonen erzeugte Buchstaben-Leerstellen den Zweizeiler

„As there is nothing from the first;
Where does the dust itself collect?“

Diese und noch zwei weitere Zeilen hatte der chinesische Zen-Dichter Hui-neng (638-713) bei einem poetischen Wettstreit vorgetragen. In Anbetracht des Schockzustandes durch die Geschehnisse des 11. September erlangt diese einerseits fundamental-philosphische, andererseits nicht zu beantwortende Frage die Funktion eines trostspendenden Mantras. Dort wo der Verstand keine Worte mehr findet, bietet die buddhistische Haltung des stoischen Erduldens von Schmerz und Leid einen Ort, an dem Trauer zur gemeinschaftlich zu tragenden Bürde wird.

2001 veranstaltete die New Yorker Albany Bibliothek ein Symposium, das den Einfluss der Ideen des französischen Philosophen Jacques Derrida auf Xu Bings Kunst diskutierte. Nicht erst diese Freundschaft, sondern die konzeptuelle Tiefenschärfe der medial höchst vielseitigen Arbeiten von Xu Bing lassen ihn zur originär chinesischen und gleichzeitig interkuturell-aussagekräftigen Stimme im internationalen Dialog der Künste werden.