Sabotage
Wang Yin. Malerei ( en )

Alexander Ochs Galleries Berlin|Beijing, 2006

„Malerei kann billig werden und gezielt mit Misserfolg liebäugeln. Natürlich ist der Endzweck dieser Taktik eine Bereicherung der provokativen Natur der Malerei.“ (Wang Yin)

Sein Studium der Malerei absolvierte Wang Yin (geboren 1964) an der Abteilung für Bühnenbild des Zentralinstituts für Theater in Peking. Die oftmals grob-pointillistisch gearbeiteten und auf Weitsicht angelegten Portraits, Stilleben, Wolkenstudien und Landschaften erinnern durchaus an Kulissenmalerei. Wang geht es nicht um technische Finessen, ein detailgetreues Erfassen der Szene oder die Illusion des Realen. Fast ungehobelt und zum Teil sogar dilettantisch wirken Arbeiten wie How Charming the Mountain is in my Eyes (2001-2006). Die kraftlos-kontrastarme Farbpalette läßt keinen Moment daran zweifeln, dass es sich bei der Darstellung einer fülligen Nackten, die mit dem Rücken zum Betrachter vor idyllischer Wasserfall-Romantik posiert, um eine Persiflage handelt. In Nr. 7 (2000) ist es eine fleckig-grau gearbeitete und proportional viel zu große männliche Figur, die sich im patchworkartig zusammengefügten ‚locus amoenus’-Ambiente flegelt. Die Verärgerung des Betrachters über eine derartige Darbietung ist Teil des künstlerischen Konzepts. Auch der Vorwurf des Kitsches widerspricht nicht Wangs Kunstauffassung. Vielmehr kann von anvisiertem Misserfolg die Rede sein. Wangs Bilder wollen gezielt den lediglich auf Kommerz bedachten Kunstbetrieb sabotieren.

Dem Mythos des autonomen Künstlers oder Werks spricht Wang Yin jedwede Gültigkeit ab. Konzeptuelle Konsequenz seiner Kritik ist z. B. die Zusammenarbeit mit traditionellen Auftragsmalern. So werden Bilder wie Nr. 7 oder die Flower-Serie (2001-2005) teilweise oder gänzlich von ungenannten kommerziellen Malern gestaltet, die sich auf Volkskunst oder Landschaftsmalerei spezialisiert haben. Wangs Arbeiten lassen die Genre der Malerei Revue passieren und trennen diesbezüglich nicht zwischen westlicher und chinesischer Tradition. Indem der Künstler typische Bildthemen durch seine offenkundig achtungslose Rezeption verunstaltet, fordert er zu einer Neubestimmung des Mediums auf. Die Zeiten, in denen Maler repräsentative Portraits, meditative Stilleben oder arkadische Landschaften produzierten, Klischees, wie das von der Naturverbundenheit des Malers bedienten – wie z. B. in Nr. 4 (2000) ‑ oder sogar für Propagandazwecke eingespannt wurden, sind Teil der Kunstgeschichte, nicht aber der Gegenwart.

An die Stelle der externen Funktionalisierung der Malerei tritt der Künstler als kommentierende und verstörende Instanz, die dem Rezipienten das meditative Eintauchen in einen konfliktfreien und realitätsfernen Schonraum verweigert. Vielmehr sollen wirkungsästhetische Gewohnheiten irritiert werden. Neben der Strategie der provokativen ‚Verunstaltung’ arbeitet Wang diesbezüglich mit der technischen Verfremdung von Fotos. Eingescannt und in Maßen von bis zu 2 Quadratmetern gedruckt, überarbeitet er sie anschließend in Schwarz-Grau-Weiß-Schattierungen mit Ölfarbe. Besonders anschaulich wird dieses Verfahren am Beispiel von without title (1974/2003) und Workroom (2006). Beide Male handelt es sich um die selbe Ansicht eines Arbeitstisches mit Malutensilien vor einer Fensterfront. Die abweichenden Formate, der Hinweis auf das Datum der Fotoaufnahme, die unterschiedliche Nachbearbeitung und ein schriftlicher Vermerk des Künstlers auf der früheren Version machen den Spielraum der künstlerischen Eingriffsmöglichkeiten evident. In den ähnlich gearbeiteten Szenen von Taking a Rest (2003-2005), One Day in the Life of Ivan Denisovich II (2004), oder Home (2006) wird die atmosphärische Intensität der Bilder bestimmend, nicht die fotorealistische Wiedergabe der Wirklichkeit.


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing