Wang Shugang

artnet, 2005-06-02

Tibetische Mönche durchschreiten würdevoll die riesige Halle der 798 factory im Dashanzi New Art District in Peking. Über ihren Köpfen verkünden die roten, schon leicht verwaschenen Schriftzeichen das Lob Maos.

Die Mönche, aus leuchtend rotem Polyester gegossen, zeigt der chinesische Künstler Wang Shugang (geboren 1960 in Peking) bei ihrer täglichen Arbeit: mit leicht gebücktem Rücken, den Reisigbesen in der rechten Hand, fegend. Den linken Arm halten sie, in ausgleichender Bewegung, etwas vom Körper weggespreizt. Wer einmal die rotgewandeten Mönche in Tibet sah, wie sie konzentriert, doch gleichmütig und ohne jede Eile, die Verrichtungen des Klosterlebens erledigen, erkennt sie sofort wieder. Wang Shugang manövrierte sie im Rahmen der Ausstellung Reconstructing 798 (798 factory, Peking 2003) an einen Ort, der durch eine weniger friedfertige Geschichte geprägt ist: Bis in die 80er Jahre hinein wurden dort Munition und andere Kriegsgüter gefertigt.

Wang Shugang lädt zum Interview in seine Atelierwohnung. Sie liegt in einer Künstlersiedlung unweit des Dashanzi-Areals. Der Besitzer und Vermieter nennt die Anlage bescheiden „Shangrila“ (Paradies). Mit „Shangrila“ begann, was nun in Peking gleich mehrfach passiert: Ehemalige Lager- und Fabrikgebäude werden für die Bedürfnisse der boomenden Kunstszene um- bzw. gleich neu gebaut. Zentrales Thema von Wang Shugangs Arbeiten sind die rasanten Veränderungen der letzen Jahren in China, die, neben anderen Städten, auch Peking in kürzester Zeit zu einer anderen Stadt haben werden lassen. Dass es ihm aber nicht um den fortschrittstrunkenen Blick nach vorn geht, sondern eher um die ideellen Trümmerfelder und den drohenden Gesichtsverlust, wird deutlich, wenn man sich im Lebens- und Arbeitsszenario seines Ateliers umschaut. Neben den bereits erwähnten fegenden Mönchen im Miniaturformat (diesmal sind die meisten allerdings aus Bronze) hocken kleine rote Männer in der so typisch chinesischen Körperhaltung auf einem Sideboard, eine lebensgroße Variante befindet sich auf dem Boden. Ein noch auf dem Modellierbrett verharrender Mönch legt die Hände zusammen, aus einem weiß lackierten Kopf erwächst ein pagodenartiger Turm.

In der Ausstellung Apartment Block Life (Courtyart Gallery, Peking 2003) zielt Wang Shugangs Blick noch sehr viel direkter auf das alltägliche Leben in einer Stadt wie Peking ab. Rote, handflächengroße Figuren in Käfigen werden bei den verschiedensten Tätigkeiten gezeigt. Das Repertoire reicht von Badenden oder sich Küssenden zu einem, der an den Gitterstäben rüttelt, ein anderer wird verhaftet, wieder einer ist dabei, sich zu erhängen. Die Käfigmetapher – wie wenig metaphorisch sie ist, zeigt ein Blick auf die vergitterten Verschläge, in denen die meisten Chinesen leben – wird gedoppelt, indem eine der roten Gestalten einen Vogelkäfig im Käfig spazieren führt.

Bei seinen Lichtinstallationen wechselt Wang Shugang zwar das Medium, der rote Faden bleibt aber ersichtlich – und zwar im wörtlichen Sinne. Angesprochen auf die Dominanz der Farbe Rot in seinen Arbeiten, antwortet der Künstler konkret bezogen auf die temporären Installationen meaningless red (Schornstein der 798 factory, 1. Dashanzi Art Festival 2004) und red house (Matchmaking at Suzou-River, Eastlink Gallery, Shanghai, 2004).

Wang Shugang: Die Farbe ‚Rot’ passt irgendwie zu meiner Geschichte. In China ist Rot weniger mit der Assoziation der Gefahr oder Warnung verbunden als dies in Europa der Fall ist. Die chinesische Fahne, die Mauern der Tempel, die Mäntel der buddhistischen Mönche, aber auch die Kleidung einer Braut sind rot. Wenn ich den Schornstein auf dem Dashanzi-Gelände rot aufleuchten lasse, dann aktualisiert dieses Licht sowohl die Geschichte des Areals in der Maozeit, die Aufbruchsstimmung der freien Kunstszene an diesem Ort Ende der 1990er Jahre, aber gleichzeitig auch meine Trauer über die Wucht der Kommerzialisierung, durch die dieser Ort gerade wieder sein Gesicht verändert. Dieses Licht hat etwas von dem Feuer, das aufflammt, wenn man einem Tier ein Brandmal aufdrückt. Ja, da bekommt Rot dann auch die Dimension der Gewalt. In red­­ house beleuchte ich ein Fabrikanten-Gebäude aus dem 19. Jahrhundert in Shanghai, das eines der wenigen noch existenten auf diesem Areal ist. Von den Briten gebaut, hielt diese nicht-chinesische Architektur die Erinnerung wach an die Zeit der Kolonialisierung. Und schließlich hat dieser Teil der Geschichte die Shanghaier Kultur geprägt. Mal abgesehen davon, dass die Stadtregierung Shanghai hier ganz klar die Zeichen der Zeit falsch verstanden hat: Es gab Investoren, die gerne in und mit den alten Gebäuden ihre Geschäfte gemacht hätten. Jetzt ist’s zu spät – alle weg!

Unleugbar ist Wang Shugangs Blick auf die derzeitigen Entwicklungen in China durch die Außenperspektive geprägt. Gut 10 Jahre lebte und arbeitete er in Deutschland. Im Ausland taten sich in kürzester Zeit Ausstellungsmöglichkeiten auf, da Anfang der 90er Jahre im Westen das Interesse an zeitgenössischer chinesischer Kunst gerade erwachte. Seit 2000 ist er wieder in Peking. Nach dem Schockeffekt des Tiananmen-Massakers 1989 brauchte es Jahre, so hört man immer wieder, bis die erstarrte kulturelle Off-Szene wieder Stellung beziehen konnte zu ihrem Land.

Wang Shugang : Viele chinesische Künstler gingen ins Ausland. In den letzten Jahren sind aber fast alle zurückgekommen. Die Werkstatt der zeitgenössischen chinesischen Kunst liegt heute trotz allem in Beijing und nicht im marktorientierten Shanghai, was Galeristen und Sammler verstärkt hierher kommen lässt.

Wang Shugang äußert sich allerdings eher distanziert zur neuen Dashanzi-Szene. Viele der dort gezeigten Künstler gehören schon zur nächsten Künstler-Generation, Wang Shugangs Arbeiten aber haben bereits ihr internationales Publikum gefunden. Neben der regelmäßigen Präsenz in China und Deutschland (zuletzt in der Berliner Galerie Deschler) reihen sich auch Ausstellungen in der Schweiz, Italien und sogar in Kroatien und Serbien in seine Vita ein. Kürzlich zeigte er eine Variante seiner tibetischen Mönche auf der Multiple-Show im Museum of Contemporary Art Georgia, USA. Momentan ist er mit einer Installation für die kommende Biennale in Chengdu, China, beschäftigt. "Fliegen" lautet der Arbeits-Titel und das Material werden Bambus und Neonröhren sein. „Nein, mehr sag’ ich noch nicht, noch kann sich alles ändern“, wehrt Wang Shugang die Frage nach genaueren Informationen ab. Das Gespräch findet ein abruptes Ende, als Vertreter einer Stiftung aus England per Handy ankündigen – mit einem Tag Verspätung – nun aber wirklich gleich da zu sein. „That’s Beijing!“