Wang Shugang. Ritus und Rhythmus

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2008

Es gibt Werke mit Eigenleben. Sie lösen sich nach ihrer Fertigstellung vom Namen des Künstlers und schreiben sich ein ins Bildgedächtnis und in die Kunstgeschichte eines Landes: So z. B. Wang Shugangs leuchtend rote, in Polyester gegossene Mönche; würdevoll durchschreiten sie die riesige Halle der 798 factory im Dashanzi New Art District in Peking.

Der 1960 in Peking geborene Wang Shugang zeigt die Mönche der Skulpturengruppe Sweeping (2003) bei ihrer täglichen Arbeit: mit leicht gebücktem Rücken, den Reisigbesen in der rechten Hand, fegend. Den linken Arm halten sie, in ausgleichender Bewegung nach hinten geschwungen. Wer einmal die rotgewandeten Mönche in Tibet sah, wie sie konzentriert, doch gleichmütig und ohne jede Eile, die Verrichtungen des Klosterlebens erledigen, erkennt sie sofort wieder. Im Rahmen der Ausstellung Reconstructing 798 (2003) manövriert Wang Shugang sie an einem Ort, der durch eine weniger friedfertige Geschichte geprägt ist. Bis in die 1980er Jahre hinein wurden auf dem Dashanzi-Areal Munition und andere Kriegsgüter hergestellt. Noch heute verkünden die roten, schon leicht verwaschenen Schriftzeichen an den Decken der Fertigungshallen das Lob Maos.

Zehn Jahre lebte der Künstler Wang Shugang in Deutschland. 2000 nach Peking zurückgekehrt, resümiert er seine Auslanderfahrung: „Ich habe gelernt, was es heißt, einsam zu sein.“ Mit höchst reduzierter Formensprache bringen seine in den nachfolgenden Jahren entstandenen figurativen Arbeiten die chinesische Gemeinschaftsdialektik auf den Punkt: Der Preis der Geborgenheit besteht in dem Uniformitätsdruck des Kollektivs.

Ob lebensgroß oder in Miniaturformat, fegend oder auf Säulen schreitend, hockend oder als Lichtkontur; Wang Shugangs Figurenkonstellationen verwehren ein Schwarz-Weiß-Denken, ein Ost-gegen-West-Ausspielen und Tradition-versus-Moderne-Klischee. Sein Leben in Deutschland hat ihn nur noch klarer erkennen lassen, dass die Freiheit des Westens auch den Verlust des Zusammenhalts bedeutet, den es im chinesischen Gesellschaftsgefüge durchaus noch gibt. So zeigt seine Lichtinstallation Apartment Block Life: Squatters (2003) eine Reihe hockender Figuren, die sich – dem Domino-Effekt entsprechend – so anordnen, dass jede rückwärts in die Arme der nächsten fallen würde. Eine solche Sicherheit gibt es im Westen nicht. Allerdings betont das gleichförmige Aussehen der Figuren und ihr ‚Kollektiv-Rot’ auch die Kehrseite der Medaille.

Einem sentimentalen Blick zurück in die ‚guten alten Zeiten des traditionell geprägten China’ oder dem Schonraum von Religion und Glauben erteilt Wang Shugang ebenfalls eine klare Absage. Besonders deutlich wird diese abwägende Beobachterposition in der Art und Weise, wie Wang Shugang die Farbe Rot einsetzt. „In China ist Rot weniger mit der Assoziation der Gefahr oder Warnung verbunden als dies in Europa der Fall ist“, erläutert der Künstler. „Die chinesische Fahne, die Mauern der Tempel, die Mäntel der buddhistischen Mönche, aber auch die Kleidung einer Braut sind rot. Wenn ich in meiner Lichtinstallation meaningless red (2004) den Schornstein auf dem Dashanzi-Gelände rot aufleuchten lasse, dann aktualisiert dieses Licht sowohl die Geschichte des Areals in der Mao-Zeit, die Aufbruchsstimmung der freien Kunstszene an diesem Ort Ende der 1990er Jahre, aber gleichzeitig auch meine Trauer über die Wucht der Kommerzialisierung, durch die dieser Ort erneut sein Gesicht verändert hat. Rotes Licht hat für mich auch etwas von dem Feuer, das aufflammt, wenn man einem Tier ein Brandmal aufdrückt. Da bekommt Rot dann auch die Dimension der Gewalt.“

In Turn to Happiness (2007) läßt Wang Shugang 12 tibetische Mönche in einem Kreis laufen. In der Rechten tragen sie Neonröhren. Mit durchaus ironischem Unterton wird somit assoziativ auf das allem irdischen Leben übergeordnete Ziel der Erleuchtung angespielt. „Die rote Farbe der buddhistischen Mönche erinnert in erster Linie an ihre Gewänder“, so Wang Shugang. „Es ist aber eher das chinesische, leuchtende Rot des Kommunismus, das ich verwende. Denn sowohl das kommunistische System in China als auch das Klosterleben fordern die Unterordnung des Individuums. Es geht mir auch um den Glauben an eine bestimmte Sache – ob Politik oder Religion, der immer auch die Gefahr dogmatisch und intolerant zu werden mit sich bringt. In Tibet und in der chinesischen Han-Tradition gibt es dieses gebetsmühlenartige Wiederholen eines Rituals oder einer Verhaltensweise im Alltag. Das mag auf den ersten Blick als bewahrenswert erscheinen, ist es vielleicht auch, aber gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Stellenwert des Einzelnen in einem solchen Ritual. Bis wohin ist es noch seine freie Entscheidung und wo fängt der Zwang des Kollektivs an?“

Zeremonieller Teil eines jeden Rituals ist der Rhythmus, mit dem die rituelle Handlung vollzogen wird. Ein und die gleiche Bewegung wird in einer bestimmten Geschwindigkeit wiederholt. Der dabei entstehende Klang oder das Geräusch sind gleichmäßig – tranceähnlich. Diese Beschreibung trifft sowohl auf den Stechschritt einer militärischen Parade zu als auch auf das unendliche Abschreiten eines Kreises oder das täglich wiederholte und stundenlange Sprechen von religiösen Gebeten. Der Einzelne wird Teil einer Gruppe, verliert seine individuelle Kontur, gleichzeitig macht nur er das Ritual möglich und partizipiert an der Energie des Kollektivs. Wang Shugangs Skulpturengruppen lassen beides aufscheinen: die verführerische und die bedrohliche Komponente solcher Zeremonien.


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing