Great Criticism
Wang Guangyi. Malerei und Skulptur

Alexander Ochs Galleries Berlin|Beijing, 2006

Deutlicher als Wang Guangyi (geboren 1957) kann man das China des Kalten Krieges nicht verabschieden.

Plakativ legt der Künstler ein rotes Gittermuster über das fotorealistisch gemalte Porträt Mao Zedongs (ohne Titel, 1986, Öl auf Leinwand, 150x150cm). 1989 zeigte er diese visuelle Abrechnung mit einer immer noch verehrten Ikone Chinas auf der Ausstellung China/Avant-Garde in Peking. Der Skandal war vorprogrammiert. Dieser deutlichen Bildsprache ist Wang Guangyi bis heute treu geblieben.

In der Serie Great Criticism (Siebdruck) nimmt Wang Guangyi die Dominanz und ikonenhafte Verehrung westlicher Markenprodukte ins Visier. Ob Coca Cola, Gucci, Rolex oder Chanel, indem der Künstler die Logos demonstrativ mit Szenen aus Propagandaplakaten der Kulturrevolution kombiniert, stellt er Allianzen zwischen Machtinstanzen her, die weder dem China von gestern, noch dem der Gegenwart viel Sympathie entgegenbringen. Haben sich die kraftprotzenden Gesten des Proletariats auf den Monumentalgemälden der Mao-Ära bereits als verlogen-bunte Fassade einer menschenverachtenden Maschinerie geoutet, so schreibt Wang Guangyi der westlichen Konsumindustrie in Great Criticism eine ähnliche Heuchelei zu.

Ein weiteres Propagandamedium unter der Diktatur Maos stellten kleine Billigdruck-Bildergeschichten dar, die es sowohl für Erwachsene als auch Kinder gab. In der Serie Volkskrieg Methodik (Öl auf Leinwand) greift Wang Guangyi Szenen dieser Geschichten und Alltagsratgeber auf. Wurden die Heftchen einst entwickelt, um die große Zahl der Analphabeten auf dem Lande mit den ideologischen Leitsätzen der Partei vertraut zu machen, oder Verhaltenmaßregeln für den Notfall aufzustellen, so versteht bereits die heutige Jugend Chinas die zum Teil doppelte Ikonographie der Bilder nicht mehr. Irritierend sind allerdings auch die konkret dargestellten Situationen, wie z. B. eine Gruppe junger Frauen, die mit guter Miene vorführt, wie einfach es ist, aus gewöhnlichen Dingen des Alltags flugs eine Gasmaske zu basteln. Neben der narrativen Ebene der Bilder erhalten die Arbeiten eine zusätzliche Aussagequalität in formaler Hinsicht. So verkehren sie das Verhältnis Positiv/Negativ. Weiße Konturlinien schneiden sich in den schwarzem Bildgrund ein und lassen so gleichzeitig den traditionellen chinesischen Scherenschnitt assoziieren.

Erst auf den zweiten Blick zeigt sich die ironische Pointe der Materialist-Skulpturen (Fiberglas). Die gestählten Körper der männlichen und weiblichen Protagonisten strotzen vor Energie und Tatendrang. Ihre Kleidung weist sie als Werktätige aus. Die zum Kampfruf geöffneten Münder lassen keinen Zweifel an der Entschlossenheit, mit der es gilt der Bourgeoisie den Gar auszumachen. Doch was als bronzenes Monument für die Ewigkeit gemacht zu sein scheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als billiger Bluff. Demonstrativ setzte Wang Guangyi die Kunststoffteile der Figuren mit gelbem Kleber zusammen.

Wang Guangyi gilt als der führende Vertreter des sogenannten ‚China-Pop’, ‚Polit-Pop’ oder ‚Mao-Pop’. Durch die Verbindung von Propaganda-Ästhetik der Kulturrevolution mit der plakativen Bildsprache amerikanischer Pop Art à la Andy Warhol hält er dem China der Gegenwart auf recht unliebsame Weise den Spiegel vor. Was sich als Globalitätsbemühung und internationaler Austausch ausgibt, wird vom Künstler als blanke Konsumgier ad absurdum geführt.