Sichtbare Zeit
Die Bilder und Objekte von Wang Guangle lassen die Grenze zwischen Meditation und Kunstschaffen verschwimmen ( en )

Young Chinese Artists, The Next Generation, Prestel Verlag, 2008-9

Im großstädtischen Fortschrittstaumel, der Gegenwart zur Trittleiter der Zukunft degradiert, plädiert der in Peking lebende Künstler Wang Guangle (geboren 1976) mit seinen Bildern und Objekten für eine Besinnung auf die unwiederbringliche Wertigkeit des Hier und Jetzt.

3pm to 5pm (2000) nennt Wang Guangle seine Abschlussarbeit an der Pekinger Central Academy of Fine Arts. Die dreiteilige und in Öl auf Leinwand gemalte Serie bringt ihm nicht nur den ersten Preis des alljährlichen Akademie-Wettbewerbs ein, sie ist gleichzeitig von programmatischer Aussagekraft für sein künstlerisches Schaffen. So zeigt der Künstler einen leeren Raum, der durch einen Vorhang abgedunkelt wird. Lediglich ein schmaler Spalt zwischen Wand und Stoff lässt einen Lichtstrahl eindringen. In unregelmäßigen zeitlichen Abständen im Bild festgehalten, sehen wir, wie sich sein Einfallswinkel verändert. Wang Guangle visualisiert in diesem und seinen folgenden Werken die Zeit in ihrer Dauer und Wechselhaftigkeit zugleich.

Die Terrazzo-Serie schließt thematisch unmittelbar an 3pm to 5pm an. Das erste Bild (untitled, 2003) zeigt einen Lichtstrahl, der auf den marmorierten und nach der italienischen Stadt Terrazzo benannten Bodenbelag fällt. Auch in der Heimatprovinz des Künstlers war diese preisgünstige Mischung aus Beton und unterschiedlichen Zuschlagstoffen sehr beliebt, wich in den letzten Jahren aber zunehmend anderen und als moderner empfundenen Materialien. „Untrennbar mit diesem Material verbunden sind die Erinnerungen an meine Heimat. Gleichzeitig fühle ich mich beim Malen dieser Strukturen befreit von den konkreten Formen, ich kann dabei quasi nach innen schauen“

In den Bildern die folgen, ist kein Lichtstrahl mehr zu sehen. Diffuse Zeitlosigkeit prägt die ädrigen Bildflächen. „Ich war unzufrieden mit meinen ersten Arbeiten. Ich hatte ja doch wieder einen bestimmten Zeitpunkt im Bild markiert, ich wollte aber die Erfahrung von Zeit ins Bild überführen. Und das sollte wiederum für den Betrachter nachvollziehbar sein. Also ließ ich den Lichtstrahl weg.“

Diese spürbare Zeit ist es, die auch Wang Guangles Malprozess kennzeichnet. Mit feinstem Pinselstrich bildet er die Betonfugen nach, die sich um die eingelassenen Steinchen und Steinsplitter legen. Es entstehen Bilder von feingliedriger ornamentaler Ästhetik, in Grau- und Grüntönen und sogar in zartem Rosé. Unschwer nachvollziehbar ist der für den Malprozess nötige, minimale Konturen fixierende Blick und die hohe Konzentration bei der Pinselführung. Millimeter für Millimeter füllt sich die Leinwand, wird der gestaltete Bildträger zum Archivar der Lebenszeit des Künstlers. Nach oftmals monatelanger Arbeit überführt er so eine Steinstruktur in eine Bildstruktur. „Dieser Malprozess vermittelt mir das Gefühl, kalligrafische Zeichen zu schreiben, was ich sehr genieße.“

Malerei erhält bei Wang Guangle eine durchaus rituelle Komponente. Am deutlichsten wird dieser Aspekt am Beispiel seiner 2004 unternommenen dreimonatigen Terrazzo-Malaktion auf der Wand eines dem Abriss geweihten Hauses. Hier ist das Tun, nicht das Produkt die Werkintention. „Mir geht es nicht in erster Linie um das ‚Was’ der Malerei, sondern um das „Wie“. Dass der Vergleich mit buddhistischen Sand-Mandalas, die nach ihrer Fertigstellung vom nächsten Windstoß verweht werden, nicht abwegig ist, wird deutlich, wenn Wang Guangle bestätigt, sich durchaus einer buddhistischen Grundhaltung verbunden zu fühlen. „Ich glaube, dass es etwas gibt, das jenseits der Welt der Erscheinungen existiert, das wir erspüren müssen.“ Die Intensität der Bildbetrachtung, in Analogie zum intensiven Prozess des Malens, stellt in diesem Sinne einen spirituellen Gegentrend zur alltäglichen Hast dar, die jeden Moment entwertet und nur in Hinsicht auf ein selbst- oder fremdgestecktes Fernziel abklopft.

Die existenzphilosophische Komponente von Wang Guangles Kunstschaffen spiegelt sich auch in seinen 2004 begonnen Coffin Paintings. Inspiration zu dieser Serie ist ein Brauch in seiner Heimatprovinz Fujian, wonach ein Mensch, wenn er spürt, dass sein Leben sich dem Ende nähert, seinen Sarg bestellt, ihn mit roter Farbe lackiert und im zweiten Stock des Hauses aufbewahrt. Jedes Jahr, das er nun noch erlebt, wiederholt er diesen Malvorgang. Eine deutlichere Umsetzung des antiken „Memento Mori“ (Gedenke, dass Du sterblich bist!) gibt es wohl kaum.

An dieses Ritual angelehnt, legt Wang Guangle nun täglich – morgens und abends – eine die Leinwand mehr oder weniger bedeckende Farbschicht auf das sich gerade in Arbeit befindende Bild. Die Skala reicht diesbezüglich von monochromen bis zu zwei- oder mehrfarbigen Werken. Indem er bei jedem Malvorgang etwas weiter vom Bildrand beginnt und an den Außenkanten des Rahmens die Farbe entlang fließen lässt, erhalten die Arbeiten eine nahezu plastische Dimension. Auf die Assoziation eines Sarges spielt Wang Guangle konkret an, indem in der Mitte der Leinwand die dickste Farbschicht entsteht, was die Coffin-Paintings an der Grenze zur Skulptur ansiedeln.

Diese Technik variierend, trägt Wang Guangle in Arbeiten wie untitled, 2004 jede Farbschicht gleichweit von allen vier Seiten der Bildaußenkante auf und erreicht dadurch eine ins Bildzentrum ziehende Sogwirkung. „Mir haben Betrachter schon gesagt, sie erinnere diese Arbeit an einen Zeittunnel.“ Kreisförmig angelegte Bilder erinnern an die Jahresringe eines Baumes.

Die ästhetische Wirkung der Coffin-Paintings reicht je nach Farbwahl von einer beschwingt fröhlichen, dramatischen oder gar düsteren Aura bis hin zu einer kontemplativen und das Auge zu einem schweifenden Schauen einladenden Geste. Von besonderer Intensität sind Wang Guangles monochrom-weiße oder -schwarze Bildlandschaften. Sie lenken die Aufmerksamkeit fast unweigerlich auf den Betrachter selbst zurück und werden somit zur Reflexionsfläche.

Wang Guangles Werke sind zeitlos und zeitgenössisch zugleich. Sie aktualisieren zudem ein traditionell chinesisches Phänomen, dass sich am deutlichsten in der chinesischen Landschaftsmalerei artikuliert. Schreibt die westliche Perspektive der Malerei grundsätzlich zu, Momentdarstellungen zu liefern, während es die Leistung der Literatur ist, Zeitabläufe in ihrer Ausdehnung zu schildern, so ist es in der chinesischen Landschaftsmalerei kein Problem, dass ein und dieselbe Person mehrfach in einem Bild auftaucht Wir folgen in diesem Fall quasi ihrer Wanderung. Dieses und ähnliche Stilmerkmale leisten das, was Wang Guangle abstrahiert und konzeptuell in seinen Bildern schafft: er macht vergehende Zeit als solche sichtbar.


Das Interview mit dem Künstler fand im April 2008 in Peking statt. Ich danke Zhao Chong für seine Übersetzung und Beratung.

In: Young Chinese Artists. The Next Generation, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch und Cordelia Steiner.
September 2008
Sprache: englisch
296 Seiten
310 farbige Abbildungen

Besprechung des Buches auf der Website des Goethe-Institutes

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