Daoismus, modern
Shi Jing. Monochrome Malerei

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

Shi Jing (geboren 1971) bezeichnet sich selbst als Landschaftsmaler. In seinen monochromen Landschaften, die entweder in Öl auf Leinwand oder auf Seide gemalt sind, beschränkt er die Skala der von Bild zu Bild variierenden Grauabstufungen auf einen Bereich minimalster Kontraste. Glaubt man zunächst, innerhalb einer Arbeit Hell-Dunkel-Variationen zu erkennen, so entsteht diese Wirkung lediglich durch Pinselduktus, Spachteltechnik und Lichteinfall. Schlechte Lichtverhältnisse oder ein ungünstiger Betrachterstandpunkt lassen den Bildgegenstand nahezu unkenntlich werden.

Mit stoischer Kontinuität treibt Shi Jing in seinen Bildern den Prozess der Dematerialisierung des Bildgegenstandes voran. So sind in der Crossroad-Serie noch unvermittelt traditionelle chinesische Häuser mit Pagodendächern erkennbar. Ein interessantes Spannungsverhältnis ergibt sich bei diesen Bildern aus dem Spiel zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem. Weder Straßen, Menschen oder die titelgebende Kreuzung, die „Crossroad“, sind zu sehen. Auch verzichtet der Künstler auf belebende Vegetation – bis auf die Ausnahme einer einzigen Palme bei Crossroad 2#. Es ist der Freiraum zwischen den Häusern, der zum Titel gebenden Objekt wird. Denn nicht der Wirrwarr der Häuser interessiert den Künstler, sondern die organisch geschwungenen, flusslaufähnlichen Linien dazwischen. Diese Irritation weist den Weg zur theoretischen Grundhaltung des Künstlers. Durchaus mit daoistischer Meditationsperspektive ist das Ziel die Leere, das Fade, das Nichts, die Auflösung des Konkreten im Abstrakten, des Gegenstandes in der Fläche, des Betrachtenden im Gegenstand der Betrachtung.

Shi Jing transformiert in seinen Bildern eine Jahrtausende alte chinesische Tradition zu einem gegenwartsbezogenen Ausdrucksmedium. So verabschiedet er die üppig grünen Landschaften mit gedeihender Vegetation, wie man sie von den in China immer noch beliebten Tuschemalereien kennt. Im Gegensatz zu den monochromen Landschaften Qiu Shihuas (geb. 1940) und dessen warmem Weißton auf grober Leinwand entscheidet er sich für kaltes Grau und nahezu glatte Untergründe. Besonders radikal wird dieser Schritt bei den Bildern auf Seide vollzogen.

Aufschluß über die geistesgeschichtliche Positionierung des Künstlers gibt der Bildtitel Wu Dang Mountain. „Wu Dan Shan“ ist in China allgemein als heiliger Berg für die Anhänger des Daoismus bekannt und der dortige Tempel als Weltkulturerbe registriert. Diese besondere Bedeutung der Landschaft unterstreicht der Künstler, indem er sie im Titel der Arbeit eindeutig lokalisiert. Die Titel andere Arbeiten bleiben abstrakt.

In der Rezeption von Wu Dang Mountain kann der Prozeß der Naturbetrachtung im daoistischen Sinne nachvollzogen werden. So erscheinen die Berggipfel der Landschaft erst, wenn man dem breiten Pinselstrich oder der Bewegung des Spachtels folgt. Bei frontaler Draufsicht nur noch erahnbar, ist am Hang ein Tempel angesiedelt. Der Blick wird ein Suchender, die Haltung eine Fragende.

Betrachtet man unter dieser Prämisse die anderen Bilder mit Titeln wie „Road“, „Water“ oder „Sea“, so kann die Verabschiedung der gegenständlichen Malerei innerhalb der Landschaftsmalerei aktiv nachvollzogen werden. So scheinen sich z. B. in Sea 1 die Wellenformationen gänzlich in der grauen Fläche zu verflüchtigen. Innerhalb eines Genres vollzieht Shi Jing somit einen Abstraktionsprozeß, der die traditionelle chinesische Kunst in einer modernen Variante aufgehen läßt.