Shen Liang. Oper in Öl

artnet, 05-08-30

Wer Peking zum ersten Mal besucht, findet unter den Tipps eines jeden Reiseführers selbstverständlich auch den Hinweis auf die Peking-Oper. Nach dem üblichen Abriss über ihre Geschichte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und Informationen über die für die Peking-Oper typischen Plots und Charaktere folgen warnende Worte an den empfindlichen Touristen. Nicht nur die Dauer von 2 bis 5 Stunden, auch die grellen Stimmen und scheppernden Klänge der traditionellen Instrumente könnten den Urlaubsgenuss trüben. Nicht zu vergessen die oftmals rüpelhaften Manieren der chinesischen Theaterbesucher.

„It’s a lively prole-audience entertainment fit for an emperor”, bringt der australische Reiseführer lonely planet das schräge Verhältnis der traditionellen Darbietung zu seinem Publikum auf den Punkt. Auch im Werkzyklus Beijing-Opera des in Peking lebenden Künstlers Shen Liang (geboren 1976) artikuliert sich das gebrochene Verhältnis seiner Generation zu dieser Tradition. Das folgende Interview fand im Juli 2005 in Peking statt.

Ulrike Münter: Seit 2002 arbeitest du an dem Opera-Zyklus. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Leute Deiner Generation noch für diese Form des Theaters begeistern können…

Shen Liang: Für die Peking-Oper, wie man sie auf der Bühne sieht, interessiere ich mich auch gar nicht. Ich war auch noch nie in einer Aufführung. Ganz bewusst nicht. Es geht um etwas anderes. Meine Bilder sind alle am Fernseher entstanden. Genauer gesagt, ich habe Fotos von im Fernsehen gezeigten Peking-Opern gemacht und sie dann in Öl gemalt. Auf manchen sieht man auch noch das CCTV-Logo.

Ulrike Münter: Und was hält Dich so lange an dem Thema?

Shen Liang: Am Anfang war es die absurde Situation, dass mich die Figuren, die sich da wild gestikulierend und mit diesen unglaublich künstlichen Stimmen auf dem Bildschirm hin und her bewegten, faszinierten, ohne dass mich die Handlung auch nur im Geringsten interessierte. Und dann noch diese Musik, die doch wohl niemand als angenehm bezeichnen kann. Gleichzeitig erinnerten mich die maskenhaften Gesichter der Sänger und die aufwendigen Schnitte und knallbunten Farben ihrer Kostüme an Fantasy-Computerspiele. Und das sollte nun traditionell Chinesisch sein! Eigentlich fehlt mir da jegliche Beziehung. Ja, und dann war da eben doch eine Art Bedauern, dass so gar keine Verbindung mehr besteht zwischen dieser Welt und der heutigen. Irgendwie hat sich diese Form des Theaters einfach nicht weiterentwickelt. Wäre doch denkbar, dass es heute eine neue Variante der Peking-Oper gäbe, die in unsere Zeit passte. Maos Frau hat wohl während der Kulturrevolution versucht, die Tradition neu zu beleben. Danach niemand mehr.

Ulrike Münter: Es geht Dir also nicht um die Peking-Oper im Detail, um die Geschichten von Liebe und Betrug, von Kämpfen um Ruhm und Ehre?

Shen Liang: Nein, nicht direkt. Aber was mich fesselt, ist die Dynamik und Dramatik, die da visuell rüberkommt. Außerdem ist es spannend, dass jede Farbe einen Code hat, den früher alle verstanden. Der rot Geschminkte oder Gekleidete ist selbstverständlich loyal und rechtschaffen, bei Gelb ist klar, dass von der Person nichts Gutes zu erwarten ist und sie Intrigen anzettelt oder so ähnlich. In manchen meiner Bilder setze ich dann auch solche Signalfarben ein, aber eben als Hintergrund oder ich lasse sie total verschwimmen. Der eigentliche Kontext fehlt.

Ulrike Münter: Warum hast du Dich für die eher konservative Technik der Ölmalerei entschieden? Warum nicht Computersimulation oder digital bearbeitete Fotografie?

Shen Liang: Ja, sicher hätte man das machen können. Aber mir ging es bei aller Distanz zum Stoff auch um etwas, was mir doch sehr wichtig ist. Da gibt es also im hektischen und futuristischen Peking noch Orte, an denen Geschichten aus dem alten China erzählt werden, doch wir verstehen sie nicht mehr. Kann und will ich auch gar nicht ändern, beschäftigt mich aber trotzdem. Die Öl-Technik entspricht der emotionalen Intensität, die für mich mit diesem Thema verbunden ist. Gleichzeitig lässt die Öl-Technik feinste Abstufungen zu, wenn es darum geht, Dinge etwas klarer oder unschärfer zu zeigen. Und so ist die Peking-Oper zu einer Art Signatur geworden, zu einem thematischen Zentrum, an dem ich mich als Künstler abarbeite. Der Cyberspace ist mir da viel zu weit weg. Es gibt in meinen Bildern Szenen, da geht es nur noch um den Farbenrausch und die Geschwindigkeit der Bewegung. Ein anderes Mal ist die Spannung in den Gesichtern genau zu erkennen oder die Würde einer Körperhaltung war mir wichtig. Und dann ist da immer noch das Spiel mit den verschiedenen Zeitebenen. Der Fernseher, die Bühne, das Theater, die Stadt und so weiter. Irgendwie bin ich erst mal nicht wieder davon losgekommen.

Ulrike Münter: Deine Arbeiten wurden ja schon mehrfach in Peking gezeigt und seit 2004 vertritt Dich die L. A. Galerie von Lothar Albrecht. Ich habe gehört, dass du doch nicht – wie eigentlich geplant – nach Deutschland reisen kannst, um bei der Eröffnung der Beijing-Opera-Ausstellung am 9. September in Frankfurt dabei zu sein?

Shen Liang: Richtig, leider. Besonders, weil ich noch nie in Europa war. Aber ich unterrichte an der Pekinger Hochschule der Künste und was soll ich machen, ich kann da nicht weg. Wer weiß, demnächst vielleicht... Immerhin waren meine Bilder dieses Jahr schon in New York und werden jetzt zum zweiten Mal in Deutschland gezeigt. Beim nächsten Mal komme ich hoffentlich doch auch mal mit.

Ein herzlicher Dank gilt dem Übersetzer Wei Wei.

Beijing Opera vom 9. September bis 5. November 2005 in der L. A. Galerie Lothar Albrecht, Domstr. 6, 60311 Frankfurt.