Memoria. Shao Yinong & Muchen. Photographie

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

Wie funktioniert Erinnerung? Dokumentarisch ins Visier genommen oder als Kindheitserinnerung visualisiert, lassen die Photoarbeiten des Künstlerduos Shao Yinong (geboren 1961) und Muchen (geboren 1970) bedeutsame Orte zu beredten Zeitzeugen werden.

Das bekannteste Projekt von Shao Yinong und Muchen ist die Serie Assembly Halls. Rund 200 Fotos, die zwischen 2002 und 2004 entstanden, zeigen ehemalige Versammlungsräume aus der Zeit der Kulturrevolution in ihrem gegenwärtigen Zustand. Räume und Gegenstände fungieren in diesen Arbeiten als stumme Chronisten eines rasanten gesellschaftlichen Wandels.

Bis zum Ende der Kulturrevolution 1976 waren die Räume, die den Bildgegenstand der Serie Assembly Halls ausmachen, zentrale Orte des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Hier wurden Propagandaveranstaltungen abgehalten und zum Teil willkürlich über das Leben von Menschen entschieden. Öffentliche Demütigungen und Denunziationen gehörten zur Tagesordnung.

Zwei künstlerische Vorentscheidungen haben Shao Yinong und Muchen konsequent durchgehalten: alle Räume wurden frontal aufgenommen und der vorgefundene Zustand blieb unangetastet. Ohne Kommentar zeigen die Bilder einen Ist-Zustand, der teilweise noch vom Vergangenen zeugt. Andere Versammlungssäle sind so radikal umfunktionalisiert oder dem Verfall anheim gegeben worden, dass kaum oder gar keine Spuren der hier stattgefundenen Ereignisse mehr sichtbar sind. Als Zyklus betrachtet lassen die Assembly Halls Rückschlüsse auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen der letzten 40-50 Jahre zu.

Während die Assembly Halls dokumentarisch festgehaltene Erinnerungsräume darstellen, folgt die Childhood-Serie (2001) der Intention, Bilder der Kindheit, wie sie z. B. in Träumen wiederholt aufscheinen, sichtbar zu machen. Weniger ein faktisches Ereignis als die empfundene Erlebnisqualität des Erinnernden ‑ oftmals von der Phantasie bis hin zur Surrealität verzerrt ‑ wird in diesen Bildern aufgehoben.

So zeigen die handkolorierten Photomontagen Monument to the People´s Heroes (2001) und Yuanmingyuan (2001) zwei kleine nackte Kinder vor historisch und politisch höchst brisant besetzten Plätzen, die fürs gemeine Volk allerdings lediglich als Hintergrundkulisse unzähliger Photoshootings fungieren. Im ersteren sehen wir einen Jungen auf dem fast menschenleeren Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen). Vor Scham erstarrt und staffageartig zur Schau gestellt, wird die maßlose Einsamkeit und Ausgesetztheit des Kindes evident. Die Verzerrung der Größenverhältnisse und die unrealistische Leere des Platzes verstärken die Erlebnisdimension zudem. Das kleine Mädchen in Yuanmingyuan scheint gleich den Ruinen des alten Sommerpalastes für ewig dort mit seinem roten Schirm ausharren zu müssen.

Die nachträgliche Kolorierung der Photomontagen mit süßlich-kitschigen Pastellfarben bringt die Außenperspektive der Photographierenden mit ins Spiel. Nicht nur die länger zurückliegenden verheerenden Ereignisse in der Geschichte Chinas – immerhin wurde der alte Sommerpalast 1860 durch englisch-französische Truppen zerstört ‑ werden hier verdrängt, besonders makaber scheint die Ignoranz der blutigen Ereignisse vom Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz. Geschichtsvergessenheit wird hier zum Thema künstlerischer Erinnerungsarbeit.


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing