Galerist Lorenz Helbling, ShanghArt, Shanghai

artnet, 2006-01-25

Shanghai oder Peking? Das ist die erste Entscheidung eines Galeristen, der seine Arbeit in den Dienst der chinesischen Gegenwartskunst stellt. Rein quantitativ lautet die Antwort meist Peking, gab es doch laut offiziellen Meldungen gerade im letzten Jahr rund 70 Galerieeröffnungen in der chinesischen Hauptstadt. Welche Gründe also hat eine Galerie wie ShanghArt, die einige der bekanntesten Größen der chinesischen Kunstszene vertritt, sich diesem Trend zu widersetzen?

Betritt man die im Shanghaier M 50 Art Quartier gelegene Galerie ShanghArt und durchblättert den Katalog, fällt auf, dass nirgends der Name des Galeristen auftaucht. Die Geschichte der Galerie wird kurz skizziert, in alphabetischer Reihenfolge werden die mehr als 30 durch sie vertretenen Künstler vorgestellt. Auch die Vernissage-Einladungen sind von keiner persönlichen Unterschrift gezeichnet. ShanghArt scheint ein Eigenleben zu führen. Auf der Homepage heißt es schlicht: „ShanghArt gallery is one of the oldest independent art spaces in China.” Denn bereits seit 1996 widmet sich die Galerie der zeitgenössischen chinesischen Kunst. In welch umfassendem Sinne man bei ShanghArt dieser Intention folgt, zeigt die archivähnliche Materialfülle, die sich hinter den Links der Homepage auftut. Auch der Blick in die Galerie macht deutlich: Hier geht es allein um die Kunst und nicht um die Eitelkeit eines Galeristen.

Begründer von ShanghArt ist der Schweizer Lorenz Helbling. Ohne doppelten Boden – das heißt ohne zweites Standbein im Westen – nahmen Helbling und sein Team Kurs auf Kunst aus China. „Die Kunst, die mich interessiert, wird in China ‚gemacht’. Als wir ShanghArt 1996 etablierten war unser Ziel, diese Kunst auch in China zu zeigen und zu verkaufen – denn die Zukunft dieser Kunst liegt hier. Reiner Kunstexport hat mich nie interessiert, ich sah China nie als neuen Lieferanten für den hungrigen westlichen Kunstmarkt.“

Ulrike Münter: Wie sind Sie zur chinesischen Kunst gekommen?

Lorenz Helbling: Mitte der 1980er Jahre brachte mich mein Studium (Geschichte, Kunstgeschichte und Chinesisch) zum ersten Mal nach Shanghai. Mein Interesse galt damals vor allem dem Chinesischen Film. Anfang der 1990er zog ich nach Hong Kong. Dort sah ich die Ausstellung Chinas New Art. Post 89 und war begeistert. Nach der Mitarbeit in einer Galerie für chinesische Kunst in Hong Kong zog es mich dann dahin, wo chinesische Kunst entstand, und so kam ich 1995 wieder nach Shanghai.

Ulrike Münter: In den letzten Jahren gibt es einen eindeutigen Trend in Richtung Peking. Was hält Sie in Shanghai?

Lorenz Helbling: Mitte der 1990er Jahre war es zunächst einmal die Aufbruchsstimmung in dieser 16-Millionen-Stadt, die mich begeisterte. Auch die relative Liberalität einer sich entwickelnden Wirtschaftsmetropole hat eine besondere Energie. Und dann ist es die für China doch recht untypische Weltoffenheit Shanghais. Kulturell glich die Stadt auf den ersten Blick einer Wüste. Aber schon in den 1930er Jahren war Shanghai ein wichtiges kulturelles Zentrum, wo bedeutende Künstler und Sammler wohnten und arbeiteten. Heute sind es von der ersten Generation – der so genannten Chinesischen Political Pop Art – zum Beispiel Li Shan oder Yu Youhan, die hier leben. Von der Nachfolgegeneration beispielsweise arbeiten Zhou Tiehai, Ding Yi, Pu Jie, Zhang Enli, Ji Wenyu in Shanghai. Wieder andere Impulse gehen von jüngeren Shanghaier Künstlern wie Yang Fudong, Xu Zhen oder Yang Zhenzhong aus. Shanghai scheint sehr individuelle Positionen zu fördern, es finden sich kaum zwei Künstler, die ähnlich arbeiten oder ähnliche Themenstellungen haben – jeder versucht seinen eigenen Weg zu gehen. Beijing hat da viel mehr ein ‚Gruppengefühl’, da arbeiten oft mehrere Künstler an einer Fragestellung. Wiederholung ist in Shanghai verpönt.

Ulrike Münter: Das Moganshan Art Quarter – oder kurz M 50 – wird oft mit dem Pekinger Dashanzi Areal 798 verglichen. Bei M 50 handelt es sich meines Wissens um eine ehemalige Textilfabrik?

Lorenz Helbling: So unterschiedlich Shanghai und Beijing sind, so unterschiedlich sind auch 798 und die Moganshan Road. 798 ist vielleicht spektakulärer, imposanter, größer – Beijng eben. Beijing hat gerade Straßen, Gebäude aus einem Guß, ist relativ monoton. M 50 ist Shanghai, ist urban. Die Gebäude sind ein gewachsenes Sammelsurium aus den verschiedenen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts.

Ulrike Münter: Seit gut einem Jahr hat sich die Galerie um den H-Space erweitert. Im Gegensatz zur Werkstattatmosphäre des ersten Ortes, bietet der H-Space eine riesige Ausstellungsfläche mit White-Cube-Charakter. Lassen diese Investitionen darauf schließen, dass M 50 längerfristig vor dem Abriss sicher ist?

Lorenz Helbling: Sicher ist nichts in China. Doch ich rechne mit 3 bis 5 Jahren. Die 750 Quadratmeter des H-Space ermöglichen uns auch thematisch größer angelegte Ausstellungen. So zum Beispiel die im letzten Jahr gezeigte In Their 40’s. Works by 8 Shanghai artists. Diese Künstler verbindet, dass sie alle kurz vor dem Beginn der Kulturrevolution geboren wurden, also 1966 oder 1967. Sie sind durch eine stark restriktive, doch technisch sehr gute Ausbildung an der Kunstakademie geprägt worden. Erst nach der Öffnung Chinas konnten sie dann uneingeschränkt ihren individuellen Stil entwickeln. Für die Kunstgeschichtsschreibung Chinas ist das eine sehr wichtige Künstlergeneration.

Ulrike Münter: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der verschiedenen mit zeitgenössischer Kunst verbundenen Institutionen in Shanghai. Gibt es einen Dialog zwischen ausländischen und chinesischen Galerien? Wie verhält sich das Programm der freien Kunstszene zu dem der öffentlichen Museen?

Lorenz Helbling: Nicht, dass wir uns als ausländische Galerie sehen... Mit den Galerien, die einigermaßen ernsthaft arbeiten, ist das Verhältnis gut. Auch wird die Zahl der chinesischen Galerien für Gegenwartskunst größer, der Westen sieht das nur weniger. Die Zeiten, in denen man hier die eigene Gegenwartskunst ignorierte, sind glücklicherweise vorbei. Eine Infrastruktur des Kunstbetriebs im umfassenden Sinne – Kunst zeigen, Kunst fördern, Kunst vermitteln – entwickelt sich gerade. An diesem Prozess will ShanghArt mitwirken. Darum ist uns die Zusammenarbeit mit den hiesigen Museen auch so wichtig. So sind im Moment Ausstellungen in drei Museen hier in Shanghai ganz oder teilweise mit Bildern von uns bestückt. Ende 2005 haben wir die erste Ausstellung für chinesische New Media Art im National Museum of China (NAMoC) in Beijing organisiert. Alles in allem geht es ja nicht einfach darum, das eine oder andere Bild zu verkaufen. Was mich interessiert, hat eine andere Dimension. Es geht um eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft.

Ulrike Münter: Wie wird sich Ihres Erachtens der Markt für chinesische Gegenwartskunst in näherer Zukunft entwickeln?

Lorenz Helbling: Wir befinden uns am Anfang einer noch nicht vorhersehbaren Entwicklung. Die Leute hier oder anderswo werden besser und besser informiert sein und ein zunehmend interessanteres Publikum werden. Eine neue Generation von Künstlern wird Sachen machen, von denen wir noch keine Ahnung haben.

Ulrike Münter: Welche Rolle spielt Ihres Erachtens diese Kunst für das China-Bild des Westens?

Lorenz Helbling: Chinesische Gegenwartskunst ist für alle etwa gleich weit entfernt, seien es Europäer, Amerikaner, Japaner, ja sogar für die Chinesen selber. Es wäre schön, wenn die Kunst eine größere Rolle für unser China-Bild spielen würde, denn die Kunst hier setzt sich sehr intensiv mit der Realität Chinas auseinander. Oft jedoch reagieren die Leute aus dem Westen eher auf ihre Projektionen, wenn sie die Kunst von hier anschauen.