Why don’t we say global ‚cultures’? | Der Künstler und Kurator Shaheen Merali über seine Vision einer ‚Welt-Kunst’ und das Ausstellungsprojekt Re-Imagining Asia ( en )

The Asia Pacific Times. A monthly newspaper from Germany, 2008-2
Ulrike Münter und Nadine Dinter

Bücherstapel auf dem Schreibtisch und am Boden, ein Bücherregal, dessen Aufnahmekapazitäten längst erschöpft sind. Wir befinden uns im Büro von Shaheen Merali, Leiter des Bereichs für Kunst, Film und Neue Medien am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Könnte es einen passenderen Aktionsort für jemanden geben, der sowohl sein Wirken als Wissenschaftler, Autor und Kurator, als auch sein Schaffen als bildender Künstler in den Dienst eines Mittlers zwischen den Kulturen stellt? Von der ersten Minute des Gesprächs an wird klar: Shaheen Merali hat eine Mission und Berlin, findet er, ist der richtige Ort, um sie zu realisieren.

„Berlin was one of the places which stayed with me”, beginnt Shaheen Merali in glasklarem British-English und sichtlich begeistert vom kreativen Potential der deutschen Hauptstadt. „Berlin is an unfullfiled and unfinished urban city, totally different from especially London. Berlin has this incredible specific possibility of recreation, of growth, of development.“ Mit der deutschen Sprache habe er zugegebenermaßen seine Schwierigkeiten, ergänzt Mirali, er spreche aber noch problemlos Suaheli und Hindi. Ein distanziertes Gefühl zu seiner deutschsprachigen Umgebung verspürt Merali nicht. Notfalls gäbe es ja Übersetzer. Willkommen in der Weltstadt Berlin!

1959 in Tansania als Sohn indischer Eltern geboren, verbrachte Shaheen Merali mehr als 30 Jahre in Großbritannien. Auf die Frage nach den Beweggründen für diese Odyssee der Familie antwortet er äußerst knapp: „The journeys between the countries were mediated by political upheavals due to the British Administration from India to Africa and political upheavals from Tanzania to Britain.”

Kurz nach dem Mauerfall besuchte Merali Berlin zum ersten Mal „as a tourist ‑ but not only for sun-seeking“. Es ging ihm darum, sich ein eigenes Bild zu machen. Die britische Berichterstattung über Deutschland hatte ihn doch eher über die Stereotypen der Briten nachdenken lassen. „It’s a kind of Second-World-War-mode, it’s everywhere, in television, in the jokes, everywhere. There’s this kind of resistance.” Dennoch war Merali sehr überrascht, als er kurz nach dem Mauerfall mit dem Zug von Hamburg nach Berlin fuhr. Seine Vorstellung von Deutschland war eindeutig von den medial vermittelten Bildern des Westens dominiert. Das Ausmaß der Zerstörung, das in der ehemaligen DDR nach über 40 Jahren noch vorherrschte, schockierte ihn. „It was a historical moment for me“, unterstreicht er die Bedeutung dieser ersten Begegnung mit dem deutsch-deutschen Erbe.

Betrachtet man Meralis Installationen, mit denen er bereits an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilnahm, und liest dann seine Katalogbeiträge, Bücher und kuratorischen Konzepte, so wird deutlich, dass es für ihn ein Leitthema gibt, das nie an diskursiver Notwendigkeit eingebüßt hat: der Dialog der Welt-Künste. Wichtig ist ihm dabei, den Exotenstatus aufzubrechen, den asiatische oder afrikanische Künste oftmals zugewiesen bekommen. „When I hear the terms ‚other cultures’ or ‚foreign cultures’, it hurts, it hurts. Why don’t we say ‚global cultures’, without hierarchy, without this big distance?“

Das am 14. März im Haus der Kulturen startende Festival Re-Imagining Asia zeigt exemplarisch, wie sich Meralis Vision dem Besucher vermitteln lässt. Eine Ausstellung, ein Literaturprogramm und eine Filmreihe präsentieren mit den je eigenen medialen Möglichkeiten höchst individuelle Bilder von Asien. Asien soll gar sinnlich erfahrbar werden. Zusammen mit dem chinesischen Kurator Wu Hung lud Merali 23 Künstler aus verschiedenen asiatischen und westlichen Ländern ein. Zwei der spektakulärsten Arbeiten sind sicherlich die des indischen Künstlers Bharti Kher (geb. 1969), der eine lebensgroße Nachbildung eines sterbenden Elefanten zeigt, und die Rauminstallation Waste Not des Pekingers Song Dong (geb. 1966).

Mehrere Tonnen des Messie-Sammelsuriums von Song Dongs Mutter werden für Waste Not (PDF, 32 KB) aus Chinas Hauptstadt nach Berlin transportiert. Shaheen Merali ist sichtlich begeistert von dieser Aktion: „It’s a major work and we are proud to show it in the west for the first time.“ Der Künstler, seine Mutter und seine Schwester werden bereits am 28. Februar damit beginnen in zweiwöchiger Kleinarbeit die Wohnräume der Mutter zu rekonstruieren. Geprägt durch die Erlebnisse der Kulturrevolution hortete sie in den vergangenen 30 Jahren alles nur Erdenkliche. Der Abriss des traditionellen Pekinger Hofhauses im Zuge der allgemeinen chinesischen Metropolen-Modernisierung inspirierte den Künstler zum Waste Not-Projekt.

„We’ve shown the installation at the Gwangju Biennale, Korea, 2006,” ergänzt Merali, “some people were drawn to tears. You can see it, feel it, smell it, what it means to be afraid of the next shortage of goods.” Das Engagement, mit dem Merali vom Projekt Re-Imagining Asia spricht, macht deutlich, dass es ihm hier um ein sehr spezielles Interesse an der Bildenden Kunst geht: „This exhibition puts together good art from asia with good art from the west.” Fünf Werke kommen aus China, drei aus Japan, drei aus Korea, zwei aus Indien, eins aus Pakistan und drei aus Deutschland. Alle Positionen seien „individual responses to history, psychology and aesthetics,“ erläutert Merali die kuratorischen Auswahlkriterien.

Der Kontakt zum familiären Herkunftsland Indien riss für Merali nie ab, gerade sitzt er quasi auf gepackten Koffern gen elterlicher Heimat. Im Gespräch vergleicht er die Infrastruktur der indischen Kunstszene mit der des Westens, erzählt von der Präsenz indischer Romanautoren auf dem internationalen Buchmarkt und des indischen Films. Nein, der Hype der indischen Gegenwartskunst interessiere ihn nicht wirklich. Das habe nichts mit der inhaltlichen Aussagekraft der Werke zu tun.

Zum Ende des Interviews führt Shaheen Merali durch die Ausstellungsräume des Haus der Kulturen, das sich gerade in der Vorbereitung für das am 29. Januar eröffnende Festival für Kunst und digitale Kultur transmediale.08 befindet. Im Anschluss startet Re-Imagining Asia. Für Merali endet damit gleichzeitig seine fünfjährige Tätigkeit am Haus der Kulturen. Und seine Mission? „No, it’s not fullfiled, I’m working on it. And I can tell you now, in April I’ll start a new project in Berlin. And it has a lot to do with Asia. Your’re welcome to ask me about this in April.” Merali lächelt sichtlich amüsiert über unsere unbefriedigte Neugier.


Anmerkung der Autorin: Die Äußerungen Shaheen Meralis wurden in dieser Textversion nicht ins Deutsche übersetzt, da der Artikel einzig in der englischen Übersetzung erschienen ist.

Artikel als PDF (1,3 MB)

Programminformationen zum Festival Re-Imagining Asia

Erstveröffentlichung: Asia Pacific Times