Inszenierte Vergänglichkeit
RongRong & inri. Photographie ( en )

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

Eine nahezu spirituelle Bedachtsamkeit geht von den Schwarzweiß-Photoserien des Künstlerduos RongRong (geboren 1968) & inri (geboren 1973) aus. Photographie wird von ihnen nicht zu dokumentarischen oder gar gesellschaftskritischen Zwecken eingesetzt. Einerseits sind es akribisch inszenierte Momentaufnahmen in verfremdend kolorierter Natur, andererseits gelangen hier Orte vors Objektiv, denen die Spuren des Verfalls die Aura einer Inszenierung verliehen.

RongRong & inri arbeiten nicht mit moderner Digitaltechnik. Handabzüge auf leicht welligem Barytpapier werden anschließend oftmals mit dissonanten Farben koloriert. Der einzelnen Photographie kommt der Status eines Unikates zu. Die Grenze zwischen Photographie und Malerei wird durchlässig.

In the Great Wall (2000) ist eine Hommage an die Schönheit der Natur, aber auch an den menschlichen Körper. Während die chinesische Landschaftsmalerei dem Menschen äußerst wenig Beachtung schenkt und die Darstellung erotischer Szenen in früheren Zeiten tabu war, setzen RongRong & inri hier eine klare Zäsur. Die Landschaft fungiert als inspirierende Umgebung für Liebesspiele, die eigene Leidenschaft und die sie beflügelnde Wirkung unberührterr Natur werden zum Thema der Kunst. In Bad Goisern (2001) geht noch einen Schritt weiter. Als integrativer Teil der Natur fügen sich die wellenförmigen Konturen der Rücken Hügelformationen gleich in das Szenario aus Schneelandschaft und Wolken.

Im Begriff des Erhabenen vereinigen sich Bewunderung und Schrecken angesichts der überwältigenden Schönheit der Natur. Die 16-teilige Photoserie In Fujisan, Japan (2001) zeigt RongRong & inri bei klirrender Kälte und dichter Schneedecke zu Füßen des Fuji-Berges in Japan. Als intensivste Form der Naturbegegnung schreiten die Künstler nackt über einen zugefrorenen See. Der Berg wird zur nahezu unsichtbar im Nebel versinkenden Hintergrundkulisse. Die Intervalle des Selbstauslösers bestimmen die Momentaufnahmen der Schmerzgrenzen überschreitenden Performance. Am Abend lichten sich die Nebel und der Berg in seinen sanften Konturen bestimmt die Proportionen der Bilder neu. RongRong & inri erscheinen nun als winzige Staffagefiguren einer erhaben-schönen Landschaft.

Die Photoserie We are here (2002) entstand in der mittlerweile als Kunstquartier etablierten „798 factory“ in Peking. An die Stelle weitläufiger Landschaft treten vom Verfall gezeichnete Szenarien. Spuren der Zerstörung, Relikte ehemals funktionstüchtiger Gerätschaften werden unfreiwillig zur ästhetisch reizvollen Kulisse für künstlerische Interventionen. Nicht die Vorgeschichte des Ortes, nicht seine Zukunft interessieren. Die bloße Gegenwärtigkeit, der Genuss körperlicher Präsenz an einem Ort, der jeglicher Zweckhaftigkeit entbunden ist, wird hier inszeniert.


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing