Qiu Anxiong (邱黯雄 ): Das kollektive Gedächtnis der Kunst ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2009-11, Ulrike Münter und Su Wei

Mit rasantem Tempo führen Qiu Anxiongs Animationsfilme zurück zu den Anfängen der Zivilisation. Auf Szenen, die unbewohnte Natur zeigen, folgen Ackerbau und Kaiserpaläste. In Tuscheästhetik schlängelt sich die chinesische Mauer durch eine idyllische Landschaft. Wenig später sehen wir Ölpumpen, die sich in Tiere verwandelt haben, blicken in die Zeit der Mao Ära und winden uns schließlich durch die Schwünge des olympischen Vogelnests. Staring to Amnesia nennt Qiu Anxiong eine Installation, die historische Ereignisse aus Chinas Geschichte filmisch in die Fenster eines Zugwagon (Baujahr 1956) projiziert. Dem kollektiven Vergessen setzt der Künstler ein kollektives Erinnern entgegen. Über sein künstlerisches Selbstverständnis und seine eher zivilisationskritische Grundhaltung sprach Qiu Anxiong mit Ulrike Münter und Su Wei (苏伟).

1972 in Chengdu geboren, lebt Qiu Anxiong heute in Schanghai und unterrichtet dort an der Shanghai Normal University. Im deutschsprachigen Raum wurde Qiu besonders durch seine Installation Staring to Amnesia bekannt, die er 2008 auf der Kunstmesse Art Basel zeigte. Eine Partnerschaft der Kunstakademie in Sichuan und der Kasseler Kunsthochschule brachten den Künstler von 1997-2003 nach Deutschland.

„Ich habe mich in Deutschland sehr wohl gefühlt“, resümiert Qiu Anxiong. „Und immer noch spüre ich eine emotionale Bindung zur deutschen Sprache. In der Distanz zu meiner Heimat China stellte sich mir die Frage nach den Beweggründen meines Kunstschaffens neu. Einerseits begeisterte mich die Begegnung mit der westlichen Kunst, da ich nun die Chance hatte, Werke im Original zu sehen, die ich zuvor nur als Reproduktionen kannte. An Duchamp z.B. bewundere ich die intellektuelle Schärfe. Beuys schätze ich für seine Willenskraft und seinen Idealismus. Gleichzeitig begann ich in dieser Zeit klassische chinesische Texte zu lesen und versuchte für mich zu klären, was dieses unfassbare Konstrukt ‚China’ überhaupt bedeutet. Diese Reflexionen führten mich zurück in die chinesische Geschichte.“

Mnemosyne: Gibt es ein globales Bildgedächtnis?

Wegweisend für die westliche Diskussion darüber, inwieweit Kunst als generationsübergreifender Erinnerungsträger wirkt, war die Forschungsarbeit des jüdischen Kunsthistorikers Aby Warburg (1866-1929). Sein zu Lebzeiten unvollendeter Bilderatlas Mnemosyne verfolgte das Ziel, das Weiterleben der Antike in der europäischen Kunst und Kultur zu veranschaulichen. Sei es in antiken Schriften, bei den Klassikern des 18. Jahrhunderts wie Kant, Goethe, Schiller und Winckelmann, oder auch in Warburgs Mnemosyne; immer ist es die den Körper umreißende Konturlinie, die sich als solche dem Betrachter einprägt.

Am Anfang aller Künste steht im westlichen Denken die Linie, im chinesischen Denken hingegen der Fluss der Tusche (1). Wie lässt sich bei einem derart unterschiedlichen Bildbegriff ein ‚globales Bildgedächtnis’ denken. Oder hat die grenzüberschreitende mediale Vernetzung diese kulturelle Differenz bereits eingeebnet? Qiu Anxiong meistert mit seinen Filmen die Syntheseleistung aus Traditionsverbundenheit und Gegenwartsbezug, indem er ästhetisch und teilweise auch bildkompositorisch an die klassische chinesische Landschaftsmalerei anknüpft. Anstelle von Tusche verwendet er allerdings Acrylfarbe und animiert die entstandenen Bilder anschließend mit modernster Computertechnik.

Qiu Anxiong: „Mir bedeutet die traditionelle chinesische Landschaftsmalerei sehr viel und meine Filme zeigen ihren Einfluss auf mein künstlerisches Schaffen. Mir ist wichtig, dass Vergangenes und Gegenwärtiges zusammenwirken, dementsprechend male ich z. B. städtische Motive in traditioneller Tuscheoptik. Die Weisheit und die Inspiration der Tradition werden so zu einer Quelle, um Neues zu schaffen. Die Vergangenheit wird zum Wegbereiter der Gegenwart.“

Flying South (2006): Die Rückseite der Utopie

Eine klassische chinesische Landschaft. Wildgänse ziehen in wärmere Gefilde, eine von ihnen taumelt zu Boden. Nächste Sequenz: gefangen in einem Käfig, stirbt eine weiße Taube. Bücher flattern aus Regalen, Flammen steigen auf […]. Gegen Ende des Film kehren die Bücher an ihren Ursprungsort zurück. Letzte Einstellung: eine idyllische menschenleere chinesische Landschaft. Qiu Anxiong untermalt diese, in Tuscheoptik gehaltenen Szenen des Animationsfilms Flying South (2006) mit reduzierten Klavierklängen und einer bruchstückhaft verständlichen, aber eindeutig zu personalisierenden Propagandarede Adolf Hitlers. Das Volk jubelt. Der Fluss der Bilder zieht in den Bann. Qiu Anxiongs malerisches Können begeistert. Intuitiv ahnt man, dass hier nichts zufällig passiert. Und dann ist da dieses unheimliche Schaudern, denn was in dem Film passiert, ist teils von harscher Grausamkeit geprägt, andere symbolische Anspielungen lassen unschlüssig zurück. Warum erscheint gleich zweimal ein Mensch in Strahlenschutzanzug? Ist dies vielleicht ein Sinnbild für den existentiell bedrohlichen Zeitgeist? Die Tonspur unterstreicht mit Nachdruck, dass hier kein rein chinesisches Phänomen beleuchtet wird.

Qiu Anxiong: „Im Rückblick auf Chinas Geschichte glauben wir vielleicht, uns auf dem ‚Gipfel der Zivilisation’ zu befinden. Ist das wirklich so, frage ich mich. Ich befürchte, dass, wenn wir an diesem Punkt der Zivilisation blind in die Zukunft stürzen, uns das ins Verderben, d. h. auf die ‚Rückseite der Utopie’ führen wird. In Flying South markiere ich diesen Umschlagpunkt u. a. durch die Büchersymbolik. Ich meine hier kein bestimmtes Buch, es geht mir um das Wissen an sich, um die Schattenseiten des Fortschrittsgedankens. Die Bücher verlassen den Schonraum der Bibliothek. Was aber passiert, wenn Wissen in die falschen Hände gerät oder sich verselbständigt? Das Feuer symbolisiert hier die zerstörerische Komponente der Zivilisation.

Weil es mir bei diesem Film nicht um ein speziell chinesisches Problem geht, sondern vielmehr um ein globales Phänomen, haben mein Tondesigner und ich entschieden, die Rede von Adolf Hitler sehr stark verzerrt einzublenden. Diese Art Propagandareden gibt es überall auf der Welt. Ich denke, dass diese Tonlage in jedem Menschen verborgen liegt. Solche Reden werden im Namen einer Utopie gehalten, einer bestimmten Vorstellung von einer zukünftigen Welt. Ich glaube nicht an diese Form einer kollektiven Idee, eines linearen Fortschritts, deshalb habe ich mich klassischen chinesischen Texten, wie z.B. dem Shan Hai Jing (2) zugewandt. Dieses Buch ermöglicht es mir, die Welt aus einer anderen, aus einer mythologischen Perspektive zu sehen. Mir geht es um den Wert des geistigen Lebens in China. Irgendwie ist uns dieser Wert verloren gegangen. Wichtig ist allerdings ein reflektierter Umgang mit der eigenen Tradition.“

Staring to Amnesia (2008): Vom kollektiven Vergessen

Auf der Kunstmesse Art Basel zeigte Qiu Anxiong seine Installation Staring to Amnesia. In einigen Fenstern eines Zugwagons (Baujahr 1956) sind Dokumentarfilme zu sehen, die historische Ereignisse aus Chinas Geschichte von der Xinhai-Revolution (3) bis zum Ende der Kulturrevolution im Gedächtnis des Betrachters aktualisieren. Andere Fenster zeigen Schattenspiel-Trickfilme, die Szenen aus dem täglichen Leben, oder Ausschnitte von Fernsehserien, an die sich Qiu aus Kindertagen erinnert, aufgreifen.

Qiu Anxiong: „In Staring to Amnesia rekapituliere ich die Geschichte des chinesischen Volkes in den letzten hundert Jahren. Unter verschiedenen politischen Vorzeichen war das Ziel eine bessere Welt. Mal stand der technische Fortschritt im Vordergrund, mal eiferte man dem Westen nach, unter dem Zeichen des Kommunismus sollte China stark und unabhängig werden und in den 1980er Jahren träumte man von einem demokratischen China. Immer gab es eine Utopie. Diese Visionen sind meines Erachtens gescheitert. Materiell geht es uns besser, aber viele Menschen sind orientierungslos, auch ich bin auf der Suche. Und für diese Suche ist es wichtig, sich der Vergangenheit zu vergewissern.

Staring to Amnesia ist auch eine ganz persönliche Arbeit. Dieser Typ von Zugwaggon ist eingeschrieben in meine Kindheitserinnerungen. Jeder reiste damals mit einem solchen Zug, er ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Die Leute, die die Installation betreten erzählen mir von ihren Erlebnissen. Weil aber die gezeigten Filme auch in Erinnerung rufen, dass unsere Geschichte sehr stark von Leid geprägt ist, gibt es Leute, die die Installation sofort wieder verlassen. Sie wollen lieber vergessen, nicht erinnern. Ich glaube aber, dass wir uns diesen Erinnerungen stellen sollten, sie haben uns geprägt.

Wenn ich diese Installation im Westen zeige, denke ich, dass die Betrachter dennoch spüren, worum es mir geht. Im Detail ist es die chinesische Geschichte, von der Grunderfahrung her, kann aber jeder seine eigene Geschichte Revue passieren lassen.“

The Temptation of the Land (2009): Bilder, die Geschichte schreiben

Die Ruinen des Alten Sommerpalastes, der letzte Kaiser und seine Familie, der Hafen von Schanghai, Kriegsszenen und Landschaften der Zerstörung. Der junge Mao Zedong, Stahlgegenstände, die in Brennöfen fliegen – wir wissen sofort: „Der große Sprung nach vorn“ ist gemeint. Es folgen Bilder des Tian’anmen-Platzes, der Großen Halle des Volkes, jubelnde Menschenmassen und marschierendes Militär. Der Vorhang fällt, Mao winkt, wieder ist eine Ära beendet. Industrieschlote und wachsende Städte bezeugen Chinas wirtschaftlichen Aufschwung. Durch das ‚Nest-Werk’ des Olympiastadiums kreiseln Mobiltelefone und andere Konsumgüter. Am Schluss des Films erweckt Qiu Anqiong das „Nagelhaus von Chongqing“ (4) zu neuem Leben. Fast unbeteiligt wirkt die Art, wie Qiu die Ereignisse der Geschichte vor den Augen des Betrachters vorbeiziehen lässt. Nie zeigt er leidende Menschen in Nahaufnahme, es überwiegen menschenleere Szenerien.

Qiu Anxiong: „Für meinen aktuellen Film habe ich die Bildvorlagen zum Teil dem Lifestyle Magazin Companion entnommen, das in hoher Auflage seit 1926 in Schanghai erschien. Egal welches Medium ich einsetze und mit welchen Bildvorlagen ich arbeite, immer geht es mir um das Thema ‚Zeit’. In der Malerei halte ich den Moment fest, im Film die vergehende Zeit.

Was wird erinnert, was vergessen? Wie verhält sich die faktische Zeit zur empfundenen Zeit? In meinem Film The New Book of Mountains and Seas (2006) z. B. geht es um das Phänomen der modernen Zivilisation, aber ich nähere mich dem Thema über eine weiterreichende Perspektive, indem ich einen chinesischen Klassiker als Modell einsetze. In The Temptation of the Land spanne ich den Bogen bis in die konkrete, speziell chinesische Gegenwart weiter. Verglichen mit meinen früheren Filmen, nehme ich hier eine Makro-Perspektive ein.

Ich glaube, meine künstlerische Arbeitsweise entspricht einem Bedürfnis der Menschen im heutigen China. Wir sehen langsam ein, dass der Verlust von Geschichtsbewusstsein den Verlust unserer Identität bedeutet.“


1 Vgl dazu: François Cheng, Fülle und Leere. Die Sprache der Malerei, Merve Verlag Berlin 2004

2 Das Shan Hai Jing (übersetzt „Das Buch der Berge und Meere“) ist eine Sammlung chinesischer Mythen, in der Tiere, Fabelwesen und fremdartige Landschaften beschrieben werden. Bisher gibt es keine deutsche Übersetzung dieses chinesischen Klassikers. Qiu Anxions Animationsfilm New Book of Mountains and Seas (2006) transformiert die Abbildungen des Shan Hai Jing zu Wahrzeichen der menschlichen Zivilisation im negativen Sinne. So mutieren Schildkröten zu Panzern, Ölpumpen haben Giraffenhälse. Der idyllische Berg des Klassikers ist nun eine Bohrinsel.

3 Die Xinhai-Revolution (辛亥革命), benannt nach dem chinesischen Jahr Xinhai (1911), markiert das Ende der Qing-Dynastie. Die Revolution begann am 10. Oktober 1911 und endete in der Gründung der Republik China am 12. Februar 1912.

4 Nagelhaus (钉子户) ist ein chinesischer Neologismus für ein Gebäude, dessen Besitzer sich weigern, ihr Haus trotz Abrissdrohung aufgrund geplanter Neubauten zu verlassen. Das Haus wird mit einem Nagel verglichen, der in einem harten Stück Holz steckt und nicht mit einem Hammer eingeschlagen werden kann. 2007 erlangte ein Haus in Chongqing traurige Berühmtheit, dessen Besitzer sich zwei Jahre gegen den Abriss ihres Familienbesitzes zur Wehr gesetzt hatten. Zuletzt ragte das Gebäude einsam aus einer 17 Meter tiefen Baugrube.


Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Qiu Anxiong

Noch bis zum 22. November zeigt das Arken Museum for Moderne Kunst die Ausstellung Utopia. Qiu Anxiong

Barbara Gross Galerie, München