Miao Xiaochun. No choice, but...

Ulrike Münter und Yang Jin, artnet, 2006

Der Luxus eines Künstlers ist der ästhetische Freiraum. Den chinesischen Künstler Miao Xiaochun (geb. 1964) schert es nicht, dass Michelangelos Fresko aus Roms Sixtinischer Kapelle sich auf der anderen Seite des Globus befindet. Abbildungen in Kunstbänden genügen, um sich virtuell ins Figurengemenge des „Jüngsten Gerichts“ zu begeben.

In seiner aktuellen Foto-Serie „Last Judgement in Cyberspace“ zeigt Miao, wie sich durch einen Perspektivenwechsel die grundsätzliche Sinnkonstruktion des Werks verändert. Nahezu hybrid mutet die Neubesetzung der annähernd 400 Figuren Michelangelos durch das Alter Ego des Künstlers an. Im Interview blickt Miao Xiaochun auf frühere Arbeiten zurück und erläutert die Beweggründe zu „Last Judgement“.

Der fast fünfjährige Studienaufenthalt von 1995 bis 1999 in Deutschland ließ Miao Xiaochun gleich in zweifacher Hinsicht zum Fremden werden: einmal in einem anderen Kulturkreis und – zurück in Peking – im eigenen Land. Sein aus Fiberglas gefertigtes Alter Ego in Gestalt eines klassischen Gelehrten konfuzianischer Prägung wird zum wiederkehrenden Protagonisten seiner Fotos. „Im China der Han-, Tang- oder Song-Dynastie (206 v. Chr.-1279 n. Chr.) kam den Intellektuellen und Künstlern ein großes Mitspracherecht bei gesellschaftlich relevanten Fragen zu“, so Miao. „In der Tang-Dynastie beispielsweise gab es einen regen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen. Das sind für einen Künstler naturgemäß wünschenswerte Verhältnisse.“ Das kulturelle Gedächtnis, wie Miao Xiaochun es versteht, kennt kaum temporäre noch geografische Grenzen. So knüpfen seine Fotoarbeiten Fäden zwischen dem China der Kaiserzeit und dem Großstadtgewirr chinesischer Metropolen. Kulturelle Errungenschaften der Vergangenheit werden zum integrativen Bestandteil der Gegenwartskunst.

Die Fiberglas-Figur des Gelehrten trägt unverkennbar die Gesichtszüge Miao Xiaochuns. Die Idee zu diesem „Double“ kam dem Künstler während seiner Studienzeit in Kassel. So zeigt ihn die Schwarz-Weiß-Fotografie As a Guest of a German Family (1999) im Kreise einer Tischgesellschaft. Sprachlosigkeit meint hier nicht die generelle Unfähigkeit zur Kommunikation – Miao Xiaochun spricht hervorragend Englisch und Deutsch. Es geht dem Künstler um den „Kontextverlust der eigenen Sprache“: „Wenn ich in China den Namen eines Dichters wie Tao Yuanming (geb. 365 n. Chr.) und eine bestimmte Zeile aus einem seiner Gedichte nenne, ist klar, worum es mir geht. Im Ausland begännen lange Erklärungen. In Chinas Metropolen versetzt, ist das Spannungsverhältnis zwischen der Figur und dem Umfeld wiederum ein völlig anderes. Hier ist der Gelehrte Repräsentant einer chinesischen Kultur, die längst der Vergangenheit angehört, ist quasi kritischer Beobachter der rasanten Veränderungen. In Propaganda and Advertise (2001) zum Beispiel erscheint er als isolierter Fremdkörper in einer von Werbung dominierten chinesischen Einkaufsstraße.“

Ab 2002 arbeitet Miao Xiaochun mit farbiger Digitaltechnik. Seine großformatigen, multiperspektivischen Fotos sind nicht selten Montagen aus mehreren Dutzend Einzelaufnahmen. Indem er formal die Perspektive traditioneller Landschaftsmalerei aufgreift, können Passagen des Bildhintergrunds deutlich konturiert, Details im Bildvordergrund hingegen soweit verkleinert werden, dass sie relevante Details im Mittelgrund nicht verdecken. Eine zentralperspektivische Sicherheit, die dem Betrachter einen eindeutigen Standort zuteilt, wird verweigert. Die Fotografie avanciert zu einem der Malerei äquivalenten Medium, die dargestellte Wirklichkeit zu einem subjektiv gebrochenen Statement.

Miao Xiaochun: „Man könnte von der Fotoarbeit Celebration (2004) glauben, sie sei mit einer Fischaugen-Linse gemacht, aber eben eine einzige Aufnahme. Den meisten Betrachtern fällt ziemlich schnell auf, dass da was nicht stimmt. Alle Details, auch die an den Außenkanten, sind gestochen scharf. Die Ecken der Hochhäuser sind nicht etwa leicht abgerundet, wie es bei einer solchen Technik der Fall wäre. Die Arbeit ist aus unzähligen Einzelaufnahmen zusammengesetzt und zwar in durchaus größeren Zeitabständen. Da ist z. B. die Gruppe der Arbeiter mit den gelben Helmen, die an mehreren Stellen im Bild auftaucht. Es ist aber immer dieselbe Gruppe. In der chinesischen Landschaftsmalerei sieht man ebenfalls ein und dieselbe Figur an verschiedenen Stellen durch die Natur schreiten. Fotografie kann somit nicht nur den Moment festhalten, sondern eine Zeitspanne.

Durch die Möglichkeiten der Digitalfotografie versuche ich den technischen Raffinessen des menschlichen Sehens nahe zu kommen. Für uns ist es kein Problem den Blick immer wieder auf unterschiedlich entfernte Objekte zu richten und sie zu ,fokussieren’. Die herkömmliche Fotografie bestimmt hingegen, dass die Dinge vom Zentrum ausgehend unschärfer werden. Indem ich bis zu 70 Digitalfotos zusammensetze, rekonstruiere ich die Funktionsweise des Auges, zerstöre aber gleichzeitig auch die Illusion einer authentischen Abbildung von Wirklichkeit.“

Ulrike Münter: Ich würde gerne noch einmal einen Schritt zurückgehen. 2004 verabschieden Sie die Figur des Gelehrten. In Großstadtlandschaften wie Celebration oder Orbit (2005) gibt es keinen bestimmten Protagonisten mehr.

Miao Xiaochun: Ja, mit Mirage (2004) endet die Serie. Da es bei diesen Arbeiten ganz klar um Themen geht, die sich auf einzelne Etappen in meinem Leben beziehen, lasse ich den Gelehrten in meiner Heimatstadt Wuxi zum letzten Mal auftauchen. Diese Stadt hat sich seit meiner Kindheit extrem verändert. Im Längsformat von Mirage lässt sich diese Entwicklung von rechts nach links nachvollziehen: Man sieht noch die kleinen traditionellen Hofhäuser am Waldrand, dann Reihenhäuser, dann Hochhäuser, dann die Autobahn… Ich verabschiede zwar die Figur des Gelehrten, das Thema der folgenden Arbeiten– nennen wir es mal Großstadtlandschaft – ist aber schon präsent.

Ulrike Münter: Ihre neuen Arbeiten, die Sie ja gerade in der Walsh Gallery in Chicago gezeigt haben und die nun in Berlin zu sehen sind, wirken wie eine radikale Zäsur. Nicht mehr die chinesische Vergangenheit, sondern ein italienisches Meisterwerk der Renaissance wird zur Folie einer am Computer erzeugten Szenerie. Wie kommt man als Künstler mit Wohnsitz in Peking dazu, das „Jüngste Gericht“ von Michelangelo in den Cyberspace zu verbannen?

Miao Xiaochun: Michelangelos Fresko habe ich nie im Original gesehen. Aber seit dem Ende der 1970er Jahre kursieren in China Bildbände mit den wichtigsten Werken der internationalen Kunst. Dazu gehören Michelangelos Skulpturen und seine Malerei. Auch in der Schule und an der Kunstakademie stand neben der chinesischen Kunst die Westkunst auf dem Plan. Mein Bildgedächtnis unterscheidet nicht zwischen chinesischer und westlicher Kunst. Mich faszinierte und fasziniert neben der künstlerischen Meisterschaft das Verhältnis von Christus’ richtender Allmacht und der Ohnmacht der Menschen, die entweder in die Hölle oder in den Himmel geschickt werden. Aus buddhistischer Perspektive ist das eine unvorstellbare Hierarchie zwischen der göttlichen und irdischen Sphäre. Im Buddhismus sind alle Wesen gleich, sogar Tiere und Pflanzen.

Yang Jin: Wie ist es zu verstehen, dass Sie mit einer Figur, die unverkennbar ein Abbild von Ihnen ist, alle Positionen der Szene besetzen?

Miao Xiaochun: Meine „Last Judgement“-Serie (2006) ist im eigentlichen Sinne ein Selbstgespräch. In dem Moment, in dem es keinen überweltlichen Richter mehr gibt, muss ich sowohl die Rolle des Richtenden als auch die des Gerichteten übernehmen. Ich muss die Frage nach dem Richtig oder Falsch meiner Handlungen selbst beantworten. Keiner nimmt mir die Entscheidung ab, welche Richtung mein Leben einschlagen soll und keiner kann mir sagen, was mich nach dem Tod erwartet. Am deutlichsten wird diese Dimension in dem Video Where Will I Go? am Ende der Ausstellung. Es zeigt die Brutalität der richtenden Instanz, das hoffnungslose Ringen der Gerichteten und die Tragweite einer jeden Entscheidung…

Yang Jin: In der Sixtinischen Kapelle müsste man den Kopf recken, um die Szenen des „Jüngsten Gerichts“ zu betrachten. Bei Ihren am Computer entwickelten Bildern blickt man auf Augenhöhe in das Figurengewirr, mal sieht man die Figuren von hinten, mal von der Seite…

Miao Xiaochun: Michelangelo war ja eigentlich Bildhauer, auch seine gemalten Figuren faszinieren durch ihre auffallende Plastizität. So lag der Gedanke nahe, aus der Zweidimensionalität des Freskos in die computersimulierte Dreidimensionalität zu gehen. Man kann sich im virtuellen Raum zwischen den Figuren bewegen, um sie herum gehen. Der Betrachter steht quasi ebenfalls im Bild. Interessant ist die Verschiebung der inhaltlichen Dimension durch einen solchen Perspektivenschwenk. Plötzlich stehen ganz andere Figuren im Zentrum und das Spiel mit den Perspektiven wird zum Abbild der Begrenztheit des menschlichen Blicks. Egal wie viele Perspektiven wir einnehmen, es bleibt eben immer die eine begrenzte Sicht auf die Dinge.

Ulrike Münter: Und nun die typische Frage zum Schluss: Gibt es schon ein neues Thema, an dem sie arbeiten?

Miao Xiaochun: Gedanklich bin ich noch nicht fertig mit dem Thema von „Last Judgement“. Immerhin war das ein Projekt, was mich ein gutes Jahr beschäftigt hat. Und während der Umsetzung änderten sich nicht nur die Perspektiven der Bilder… Ich denke auch, dass es in China im Moment unter Künstlern eine ungute Tendenz gibt, möglichst schnell viele Werke zu produzieren, weil die Nachfrage so groß ist. Aber welche dieser Arbeiten sind von dauerhafter Aussagekraft? Kunst beispielsweise, die lediglich aus der Spannung einer Grenzüberschreitung entsteht, verliert an Bedeutung, wenn diese Spannung wegfällt.

Noch bis zum 17. Juni 2006 ist „The last Judgement in Cyberspace“ bei Alexander Ochs | Berlin zu sehen.

Noch bis zum 8. August 2006 sind Arbeiten Miao Xiaochuns in der Ausstellung „China Contemporary“ im Museum Boijmanns van Beuningen in Rotterdam zu sehen.

Miao Xiaochun
Miao Xiaochun bei der Eröffnung von „The last Judgement in Cyberspace” bei Alexander Ochs Gallery, Berlin.

Miao Xiaochun, The Last Judgement in Cyberspace - The Front View
Miao Xiaochun
The Last Judgement in Cyberspace - The Front View, 2006
C-Print
279 x 240 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, The Last Judgement in Cyberspace - The Rear View
Miao Xiaochun
The Last Judgement in Cyberspace - The Rear View, 2006
C-Print
288 x 240 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, The Last Judgement in Cyberspace - The Below View
Miao Xiaochun
The Last Judgement in Cyberspace - The Below View, 2006
C-Print
289 x 360 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Orbit
Miao Xiaochun
Orbit, 2005
Digital Print
216 x 480 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Celebration
Miao Xiaochun
Celebration (Detail), 2004
Diapositiv
178 x 230 cm
Courtesy Galerie Urs Meile, Luzern

Miao Xiaochun, Mirage
Miao Xiaochun
Mirage (Detail), 2004
C-Print
Acht-teilig jeweils 180 x 100 cm
180 x 800 cm
Courtesy Galerie Urs Meile, Luzern

Miao Xiaochun, Terror
Miao Xiaochun
Terror, 2003
Digitale Fotografie
87 x 240 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Enjoy
Miao Xiaochun
Enjoy, 2002
C-Print
260 x 75 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Ferry
Miao Xiaochun
Ferry, 2002
Farbprint
260 x 90 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Fly
Miao Xiaochun
Fly, 2002
Farbprint
127 x 332 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Transmission
Miao Xiaochun
Transmission, 2002
C-Print
120 x 500 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Transmission
Miao Xiaochun
Transmission (Detail), 2002
C-Print
120 x 500 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Voyage
Miao Xiaochun
Voyage, 2002
Farbfotografie
340 x 109 cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Restaurant
Miao Xiaochun
Restaurant, 2001
Fotografie
327cm x 127cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Restaurant
Miao Xiaochun
Restaurant (Detail), 2001
Fotografie
327cm x 127cm
Courtesy Alexander Ochs Galleries, Berlin | Beijing

Miao Xiaochun, Propaganda and Advertise
Miao Xiaochun
Propaganda and Advertise (Detail), 2001
Schwarz-Weiß-Fotografie
127 x 412 cm
Courtesy Walsh Gallery, Chicago

Miao Xiaochun, As a Guest of a German Family
Miao Xiaochun
As a Guest of a German Family (Detail), 1999
Schwarz-Weiß-Fotografie
127 x 250 cm
Courtesy Walsh Gallery, Chicago