Gleichzeitig-Ungleichzeitig | Miao Xiaochun. Photographie ( en )

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

Das kulturelle Gedächtnis; wie Miao Xiaochun (geboren 1964) es versteht, kennt kaum temporäre noch geographische Grenzen. So knüpfen seine Photoarbeiten z. B. Fäden zwischen dem China der Kaiserzeit und dem Großstadtgewirr chinesischer Metropolen. Kulturelle Errungenschaften der Vergangenheit werden zum integrativen Bestandteil der Gegenwartskunst.

Ein fast fünfjähriger Studienaufenthalt in Deutschland (1995-1999) ließ Miao Xiaochun gleich in zweifacher Hinsicht zum Fremden werden: einmal in einem anderen Kulturkreis und – zurück in Peking ‑ im eigenen Land. Das Alter Ego Miaos in Gestalt eines klassischen Gelehrten konfuzianischer Prägung wird zum wiederkehrenden Protagonisten der Photos. „Im China der Han-, Tang- oder Song-Dynastie (206 v. Chr.-1279 n. Chr.) kam den Intellektuellen und Künstlern ein großes Mitspracherecht bei gesellschaftlich relevanten Fragen zu,“ so Miao. „In der Tang-Dynastie gab es einen regen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen. Das sind Verhältnisse, die ich mir für das China der Gegenwart wünsche.“ Während die Schwarzweißphotographie As a Guest of a German Family (1999) den Gelehrten zwar sprachlos, aber im Kreise einer Tischgesellschaft zeigt, erscheint er in Propaganda and Advertise (2001) als isolierter Fremdkörper in einer von Werbung dominierten chinesischen Einkaufsstraße.

Ab 2002 arbeitet Miao Xiaochun mit farbiger Digitaltechnik. Seine großformatigen, multiperspektivischen Fotos sind nicht selten Montagen aus mehreren Dutzend Einzelaufnahmen. Formal die Perspektive traditioneller Landschaftsmalerei aufgreifend, können so z. B. Passagen des Bildhintergrunds deutlich konturiert, Details im Bildvordergrund hingegen soweit verkleinert werden, dass sie relevante Details im Mittelgrund nicht verdecken. Eine Zentralperspektivische Sicherheit, die dem Betrachter einen eindeutigen Standort zuteilt, wird verweigert. Die Photographie avanciert zu einem der Malerei äquivalenten Medium, die dargestellte Wirklichkeit zu einem subjektiv gebrochenen Statement.

Die Arbeit Transmission (2002) nutzt diese Patchwork-Technik, um die Gleichzeitigkeit verschiedenster Lebensanschauungen im heutigen China aufzuzeigen. Sehen wir im Bildvordergrund den besagten Gelehrten gedankenverloren aufs Wasser blicken, steht in der rechten Bildecke ein junges, modisch gekleidetes Mädchen, dessen ganze Aufmerksamkeit dem Display ihres Handys gilt. Der kontemplativen Stimmung des Gelehrten diametral entgegengesetzt jagen sich zwei Kinder in einer Gasse mit wasserspritzenden Maschinengewehren. Während Miaos Alter Ego als Repräsentant einer konfuzianischen Blütezeit auftritt, bezeugt die klar konturierte Kirche im Bildhintergrund die Koexistenz christlicher Werte. Die stehenden und in unterschiedliche Richtungen gehenden Protagonisten geben dem ‚photographischen Gemälde’ eine nahezu musikalische Dramaturgie.

Die kunsttheoretische Dimension von Miaos Arbeiten tritt in den späteren Arbeiten zunehmend deutlicher in den Vordergrund. Nachdem er 2004 sein Alter Ego verabschiedet und sich, wie z. B. in Orbit (2005), der Darstellung von Großstadtlandschaften widmet, bewegen sich die Photoarbeiten der Last Judgement-Serie (2006) gänzlich auf der virtuellen Ebene. Galt Miaos Interesse bereits in den früheren Arbeiten der Perspektive, so wird diese nun zum eigentlichen Bildthema. Mit einer am Computer entwickelten und multiplizierten 3D-Figur, für die der Künstler selbst ‚Modell stand’, rekonstruiert Miao die höchst dramatischen Szenen aus Michelangelos gleichnamigem Fresko. „Bereits Ende der 1970er Jahre kursierten in China Kunstbücher zu europäischen Meisterwerken,“ so Miao. „Michelangelos Fresko faszinierte und fasziniert mich neben der künstlerischen Ebene auch wegen der grundsätzlichen existentiellen Fragen, die diese Vorstellung eines Jüngsten Gerichts in sich birgt. Es geht um die Macht desjenigen der richtet, die Ohnmacht des Gerichteten, es geht um die uns alle beschäftigende Frage, was uns nach dem Tod erwartet. Als Künstler war es aber auch die Verlockung, Michelangelos Werk im Cyberspace weiterzuführen. Aus den zweidimensionalen Figuren werden quasi Skulpturen, d. h. ich zeige die Szenen in meinen Arbeiten z. B. von hinten oder der Seite. Diese formalen Eingriffe verändern zwangsläufig die Werkaussage. Plötzlich stehen andere Figuren im Zentrum des Geschehens usw..“


Erstveröffentlichung: Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing