Die Poesie vergilbter Postkarten ( en )

Weltkunst Contemporary, 2008-09

Zuckerwattenträume und stärkende Pfeile aus der Tang-Dynastie. Die fotografisch festgehaltenen Inszenierungen des Schanghaier Künstlers Ma Liang (geb. 1972), mit Künstlernamen Maleonn, führen in eine Sphäre zwischen den Zeiten.

Ist eine Fotografie noch eine Fotografie, wenn sie mit Tusche übermalt wurde? Und: Welche Geschichte wird in der 7-teiligen Serie Chinese Story erzählt? In einer idyllischen Seelandschaft auf einem Holzsteg steht eine männliche Gestalt in durchsichtige Plastikfolie gehüllt und mit einem Bogen bewaffnet, ein zweiter Bogen ist ins Bild geblendet. Den Rücken der fantastischen Erscheinung haben zahlreiche Pfeile getroffen, doch sie scheint unversehrt. Brüchig und schlierig läuft Tusche über die in schwarz-weiß gehaltene Szenerie. „In China kennt jeder die Geschichte von dem Feldherrn, der in der nahenden Dunkelheit Krieger-Attrappen mit Booten aufs Meer schickt, um die Feinde dazu zu bringen, mit Pfeilen auf sie zu schießen“, erläutert der Künstler. „Diese Pfeile werden anschließend wiederum gegen die Angreifer eingesetzt.“ Das wäre aber nur einer der Erzählstränge um die stolze Traumgestalt, die in anderen Sequenzen mit traditionellen chinesischen Handpuppen oder in einem Bambuswald wieder auftaucht. Die Faszination dieser mehrfach am Computer und mit der Hand nachbearbeiteten Bilder wirkt lange vor jeder Erläuterung.

Chinesische Theater-Ästhetik und die Filme von Theo Angelopoulos

Kaum kursierten nach der Öffnung des Landes Ende der 1970er Jahre die ersten Fotoapparate und Kameras in der inoffiziellen chinesischen Kunstszene, nutzten Künstler diese Medien, um ihre Performances zu dokumentieren. Mit oftmals drastischen Mitteln der Selbstinszenierung setzten sie ihren Drang nach Freiheit und individuellem Gestaltungsspielraum in Szene. Für Andeutungen, Mehrdeutigkeiten oder gar eine poetische Atmosphäre war da kein Spielraum. Stattdessen zeigen die Filme und Bilder Künstler, die bis zum Erbrechen Seife essen, von Fliegen übersäht in einer öffentlichen Toilette ausharren oder sich auf Eisblöcke legen, um den eigenen Erfrierungstod zu provozieren.

Für Maleonn gehören die Kulturrevolution und die starken Repressionen, denen seine älteren Künstlerkollegen ausgesetzt waren, der Vergangenheit an. 2004 quittierte er seine Arbeit als kommerzieller Filmemacher und wendete sich der freien Kunst zu. Vor diesem Hintergrund erklärt sich sein Gespür für die szenische Inszenierung. Unübersehbar ist der Einfluss der chinesischen Tradition. Doch auch westliche Vorbilder hätten ihn geprägt, so der Künstler. Nicht aber etwa aktuelle Stars aus Film- und Kunstwelt, eher schon das Verfallsambiente in den Arbeiten des tschechischen Aktfotografen Jan Saudek, die einsamen Helden des griechischen Film-Regisseurs Theo Angelopoulos und das beklemmende Panoptikum der Zwergwüchsigen, Hermaphroditen und Deformierten des New Yorker Fotografen Joel Peter Witkin.

Bis ins kleinste Detail durchgestaltet sind die Kulissen, in denen Maleonns Akteure in einer bestimmten Pose ins Bild gebannt werden. Die opulenten Kostüme, die symbolträchtigen Gesten und die bedeutungsschwer geschminkten Gesichter in seinen Arbeiten sind dabei eindeutig vom chinesischen Theater und von der Peking-Oper inspiriert. „Mein Vater war Direktor an einem Theater in Schanghai“, erzählt er, „meine Mutter Schauspielerin. Ich wuchs in dieser Kunstwelt auf.“

In seiner ersten Bildergeschichte My Circus (2004) versetzt Maleonn grell geschminkte und verkleidete Gestalten in triste Hinterhöfe. Durch farbliche Nachbearbeitung erlangen die Fotos den vergilbten, verwaschenen Ton alter Postkarten. Überdreht und bis zum Kitsch gesteigert, vergnügen sich in Days on the Cotton Candy (2006) Mädchen in barock-rüschigen Kleidern und westlich toupierter Haarpracht. Wolkenähnlich quillt Watte aus einem Staubsauger oder formiert sich zum männlichen Gespielen der vor Übermut strotzenden Femmes fatales. „Im China meiner Kindheit“, erinnert sich der Künstler, „gehörte Zuckerwatte zu den Sehnsüchten, die manchmal sogar erfüllt wurden. Zum Glück reichte ein Löffel Zucker. Der Überfluss von heute kann die Intensität dieser Freude kaum überbieten.“ Melancholie und Wohlstandshysterie finden in Days on the Cotton Candy gleichzeitig statt.

Auch die 2008 entstanden Bilderzählungen sind geprägt von einer fantastischen und gleichzeitig nostalgischen Grundstimmung. Anrührend naiv bewahren sich die titelgebenden Helden von Little Flagman und Postman selbst in wenig tröstlichen Situationen und vom Verfall gezeichneten Umfeld ihren Idealismus. So winkt der clownesk-geschminkte Kommandant noch hinter den Gittern eines ihn der Freiheit beraubenden Käfigs mit der grünen und nicht mit der rote Fahne. Ein sentimentaler Postbote kämpft sich durch das Abrissszenario einer ungenannten Stadt.

Ironisch gebrochene Beschwörungsformeln

Auf seiner Website stellt Maleonn jeder Bildserie einige Zeilen voran. Mal sind es Gedichte chinesischer Klassiker, mal eigene Kommentare. „Meinem Lieblingsdichter Bei Dao (1) gewidmet“ untertitelt er den 8-zeiligen melancholischen Blick zurück auf die Schwüre der Kindheit und dem Ringen darum, ihnen auch in der Gegenwart treu zu bleiben. Die zugeordneten 12 Fotoarbeiten von Unforgivable Children (2005) zeigen junge Männer mit weißen Masken, in einem Sturm unbeschriebener weißer Blätter, in Szenen des kindlichen Spiels, umgeben von Gebäuderuinen oder inmitten eines mit weißer Farbe auf Beton gemalten Herzens. Maleonns Verehrung des international renommierten Dichters Bei Dao schlägt sich auch im Text zur Chinese Story nieder. Entzieht sich die metaphorisch aufgeladene Sprache Bei Daos oftmals einer eindeutigen Interpretation, so wird auch dem Leser von Maleonns Kommentaren einiges abverlangt. Kryptisch anmutend heißt es dort:

„Unser plastik-laminierter chinesischer Personalausweis,
Und all unsere geliehene, nutzlos gewordene Kraft.” (2)

Mit nicht weniger ironischem Unterton schwenkt Maleonn anschließend zu den Olympischen Spielen in Athen 2004. Der im Westen spätestens seit Hero bekannte Filmemacher Zhang Yimou hatte damals das Abschlussprogramm mitgestaltet. In Anbetracht der in den letzten Jahren entstandenen, prunkvoll ausgestatteten, aber recht plakativen Historienfilme von Zhang Yimou lässt sich die Verbindung zum tragischen Helden der Chinese Story spinnen. So waren es in Maleonns Fotoserie die Pfeile der Feinde, die sich der Feldherr und seine Truppen aneigneten, um den Gegner damit in die Flucht zu schlagen. Doch während diese Taktik letztendlich dem Selbstschutz diente, outet Maleonn die internalisierte Fremdperspektive auf die eigene Kultur, wie er sie bei einigen seiner Künstlerkollegen beobachtet, als Degradierung der chinesischen Tradition zur bloßen Unterhaltung und damit ersten Schritt zum Identitätsverlust. Ein weiterer kritischer Seitenhieb trifft jene, die, in Anbiederung an ein westliches Publikum, die Schattenseiten der chinesischen Kultur präsentieren. An die Stelle einer aktualisierenden Perspektive auf die eigenen Tradition und der Aufarbeitung von traumatisch besetzten Kapiteln der chinesischen Geschichte tritt somit eine effekthascherische Selbstexotisierung.

Mit beschwörendem Pathos richtet Maleonn sein Bittgesuch in den Schlusszeilen des Chinese Story-Kommentars an die Geister der Ahnen, um mit ihrer Unterstützung den zeitgenössischen Verführungen zu widerstehen:

„Ich bitte Dich, mein einst großes und idealistisches Vaterland,
gib mir die unversiegbare Kraft zu Widerspruch und Überschreitung.“

Für den westlichen Leser mag dieser ironisch gebrochene Patriotismus befremdlich klingen. Ist es in China doch keine Seltenheit, dass ein Intellektueller oder Künstler sich etwa auf die Blütezeit der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.) beruft oder einige Zeilen damaliger Dichtung zitiert, um die Zustände der Gegenwart zu kritisieren. War es in der Chinese Story die Plastik-Hülle des Akteurs, die einen Zustand der Selbstentfremdung und die Unfähigkeit zu einem symbiotischen Naturerleben visualisierte, so signalisiert Maleonn in Second-hand Tang Poem (2007) schon im Titel den Authentizitätsverlust im gegenwärtigen China.

Geschichte, für Chinesen als Kontinuum von drei- bis fünftausend Jahren wahrgenommen, bietet dem Einzelnen bis heute Anknüpfungspunkte. Für Chinas Intellektuelle und Künstler stellt die Tang-Zeit eine besonders wichtige Bezugsgröße dar, da sich das Reich der Mitte in dieser Periode durch eine große Wertschätzung von Kunst und Dichtung auszeichnete und einen regen Austausch mit Kultur, Religion und Wissenschaft anderer Kontinente pflegte. Maleonn unterstreicht den Bruch des heutigen China mit den Stärken des nationalen Selbstverständnis, indem er seinem Land einen ‚Second-Hand-Charakter’ zuschreibt und die Gegenwart als „Plastik-Zeitalter“ betitelt.

In Chinas Kunstszene weiß Maleonn sich in guter Gesellschaft. Denn spätestens seit dem internationalen Erfolg der chinesischen Gegenwartskunst teilen sich die Künstler des Landes in zwei Gruppen. Während die einen die blinde Kaufwut des Westens – zunehmend auch die des Ostens – zum Maßstab ihres künstlerischen Schaffens machen, nutzen die anderen den Freiraum der Kunst, um in ihrer Heimat eine Lebensform zu kultivieren, die kritisch Stellung bezieht zum rasanten Wandel der Gesellschaft. Im Blick zurück nach vorn pochen sie auf das Potential ihrer Kultur, das im Fortschrittstaumel in Vergessenheit zu geraten droht, fordern aber mit gleicher Vehemenz den internationalen Dialog. Die Liste von Maleonns Einzel- und Gruppenausstellungen in China und im Ausland liest sich als Erfolgsgeschichte – als Erfolg jenseits des Mainstreams.


1 Bei Dao (bürgerlicher Name Zhao Zhenkai), geboren 1949 in Peking, Lyriker und Erzähler. Nach der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 kehrte Bei Dao – aus Angst vor Repressionen – von einer Europareise nicht nach Peking zurück. Er lebt bis heute im amerikanischen Exil.

2 Im Kommentar zur Chinese Story heißt es:

Our plastic laminated Chinese identity card, And all our borrowed impotent power.

--I swear by my plastic laminated Chinese identity card, which is given by this plastic age: all my works are as original as the 8 minutes on the Olympics Night directed by Zhang Yimou, as innocent as the 12 female band, and as profound and great as all those artists who are famous for expressing the misery and numbness of the Chinese nation.

But I'm begging you, my once great and romantic motherland

To give me the endless power of dissent and transgression.


Website des Künstlers Maleonn

Erstveröffentlichung: Weltkunst