Taubengurren in Schanghai. Die Retro-Ästhetik in den Fotoserien des chinesischen Künstlers Maleonn

Kunstzeitung, 2008-12

„Kein Zutritt ohne Registrierung“, prangt es in großen Schriftzeichen an der schweren Stahltür, die zu Maleonns Atelier führt. Taubengurren durchdringt die Stille im von Werkstätten genutzten Hinterhof.

Uns umgeben eine dschungelartige Bühnenkulisse, zahllose Requisiten und einige kleinformatige Abzüge seiner Fotoarbeiten. Das Halbdunkel in den hohen und mit einem unübersichtlichen Sammelsurium von Masken, Trommeln, Dekorationsmaterialien, Pflanzen, kleinen Buddhas und anderen Figuren angefüllten Räumen vermittelt das Gefühl, bereits ein Teil der inszenierten Fotoserien zu sein, die hier und an anderen Orten seit 2004 entstehen.

Maleonn (geb. 1972) ist sichtlich zufrieden mit der Entscheidung, die Sondierung der realen Kunstwelt weitestgehend seinen beiden Agentinnen zu überlassen: „Zu viel Trubel“, so der Künstler – sein Blick ist fast schon irritierend konzentriert –, und überhaupt gehe er fast nie zu Ausstellungen, besuche lieber Künstlerfreunde im Atelier oder recherchiere im Internet. Nach seinem ungewöhnlichen Namen gefragt, antwortet Maleonn sichtlich amüsiert: „Eigentlich heiße ich Ma Liang, mein Künstlername ist eine lautmalerische Umschrift der chinesischen Schriftzeichen. Und das Doppel-N gefällt mir einfach.“ Während des Gesprächs entsteht der Eindruck, Maleonn ist selbst nicht weniger verwundert über die skurrilen Dinge, die sich in seinen durch Texte oder Gedichte kommentierten Fotoerzählungen ereignen. In den mit Tusche übermalten Schwarz/Weiss-Fotos der Chinese Stories (2005) sieht man eine in Plastikfolie gehüllte und teilweise von Pfeilen getroffene Traumgestalt in romantischem Bambuswaldambiente, für Nostalgia (2006) fuhr Maleonn mit Freunden in die mongolische Wüste und Unforgivable Children (2005) zitiert den im Exil lebenden Dichter Bei Dao. Second Hand Tang Poem (2007) outet die Nähe der Chinesen zu ihrer 5000 Jahre alten Geschichte als unreflektiertes Wunschdenken.

Die an handkolorierte Postkarten aus der Anfangszeit der Fotografie erinnernde Bildästhetik – und tatsächlich arbeitet Maleonn immer wieder mit dieser Technik – ist durchaus von westlichen Vorbildern inspiriert. Die frühen Akte des Tschechen Jan Saudek, der New Yorker Fotograf Joel Peter Witkin und der Regisseur Theo Angelopoulos waren bereits Maleonns Favoriten, als er selbst noch als künstlerischer Leiter beim kommerziellen Film arbeitete. 2004 entschied er sich dann für die freie Fotografie.

Mit welch kleinteiliger Akribie und handwerklichen Finesse die Settings von Maleonns Fotos inszeniert werden, macht schlagartig die Präsentation des Miniatur-Bühnenbildes zur noch in Arbeit befindlichen Reise nach Westen klar. Als er mit einem Griff ein Meer von gelbstichigen Glühbirnen an der Decke des vielleicht 1,50m großen Holzkastens aufleuchten lässt, setzt Schwindel ein: Torsi ausgestopfter Tiere in einer Berglandschaft, zahllose, aus traditionellen chinesischen Bildrollen ausgeschnittene Stempeldrucke, ein Skelett das zur Betrachtung des Spuks einlädt und aha, links ist auch ein Mini-Alter Ego des Künstlers… Er könne das Ganze selbst nicht genau erklären, erzählt Maleonn, aus genau dem Grund, weil es eben nicht aufgehe in einer Erklärung. Für ihn sei es der Rückblick auf seine Europareise, eben seine Reise in den Westen und nicht – was der Titel nahe legt – eine Anspielung auf den gleichnamigen chinesischen Romanklassiker aus dem 16. Jahrhundert und seine Märchen- und Fantasieadaptionen.

Maleonns Atelier und auch seine Arbeiten lassen Lévi-Strauss’ Begriff der Bricolage in den Sinn kommen. Bausteine aus dem Archiv der Geschichte werden patchworkartig zusammengefügt, um zu visualisieren, dass sich aus gegenwärtiger Perspektive nicht sinnvoll eine Einheit synthetisieren lässt. In China, wo die Vergangenheit und auch die Erinnerung des einzelnen (Beispiel Kulturrevolution) immer noch politisch instrumentalisiert wird, ist das durchaus keine Selbstverständlichkeit. Galant beschreiten Maleonns Arbeiten statt frontaler Kritik den chinesischen Weg des Indirekten und nutzen mit spielerischem Gestus die neugewonnene Freiheit zur individuellen Erinnerung.


Kunstzeitung

Maleonn

Gabriele Heidecker