Die Farben der Haut
Ma Yanhongs Bilder erzählen von einem neuen Gefühl der Weiblichkeit in China ( en )

Young Chinese Artists, The Next Generation, Prestel Verlag, 2008-9

Für die klassische chinesische Kunst war die detaillierte Darstellung des menschlichen Körpers schlicht uninteressant. In einer ‚Ästhetik der Schwebe’ (François Jullien) verlor die momentverhaftete physische Erscheinung eines Einzelnen an Bedeutung. Ma Yanhongs Bilder reihen sich ein in eine Tradition chinesischer Künstlerinnen, die im Blick über die Grenzen der eigenen Kultur hinaus nach einem für ihre Generation authentischen Modus suchen, Weiblichkeit und Körperlichkeit im Medium der Malerei zu diskutieren.

Spärlich bekleidet fotografiert Ma Yanhong drei ihrer Kommilitoninnen – in der Mittagspause und in den Atelierräumen der Pekinger Central Academy of Fine Arts (CAFA). Nebeneinander lehnen sie an einer weißen Wand. Die nach den Fotos gemalten Bilder zeigen die jungen Frauen entschlossen, aber keineswegs entspannt; verschämt verschränkt eine von ihnen die Arme über den Brüsten, eine andere kippelt auf den Außenkanten ihrer schweren Stiefel. Trotzig direkt schaut die Frau mit Zopf frontal in die Kamera, also dem potentiellen Betrachter ins Gesicht.

Die Szene ist von demonstrativem Charakter. Nichts Selbstverständliches haftet der Inszenierung an. Hier wird etwas proklamiert und eingefordert. Zwischen Fotografin/Malerin und den Modellen herrscht ein spürbarer Pakt. Unter dem Titel Where there is no one (2002) präsentiert Ma Yanhong die Bilder, die gleichzeitig ihre Studienabschlussarbeit darstellen, in den Ausstellungsräumen des Instituts. „Alle waren nervös, die dargestellten Frauen und die Studenten, die sie sofort erkannten. Worin liegt aber der Unterschied zwischen diesen Bildern und den Akten, die wir ständig im Unterricht malen?“

Dass es Ma Yanhong nicht um eine bloße Provokation geht, veranschaulicht ein Blick auf die Themenpalette ihrer in den letzten Jahren entstandenen Arbeiten. So zeigt die Serie Idol (2004) berühmte Frauen aus verschiedenen Ländern und Berufssparten wie z. B. die Malerinnen Frida Kahlo, Georgia O’Keeffe, Camille Claudel und Cindy Sherman, die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir, Margerite Duras und Virginia Woolf, einige Schauspielerinnen und Sängerinnen. Rechts neben dem Porträt platziert sie ein repräsentatives Werk oder einen anderen Hinweis auf die Leistungen der Person. Nicht der weibliche Körper steht hier im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die je eigene Ideenwelt dieser Frauen.

In der Rauminstallation Talkative Women (2007) inszeniert Ma Yanhong eine virtuelle, weiblich besetze Diskussionsrunde. An den Wänden des Zimmers hängen stellvertretend die Fotos und Redebeiträge der Teilnehmerinnen. In der Mitte steht ein Tisch mit einem Aschenbecher voller ausgedrückter Zigaretten. „Jede von ihnen erzählt davon, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Wichtig ist mir dabei eine weibliche Solidarität.“

Oftmals wird Ma Yanhongs realistischer Malstil mit demjenigen ihrer renommierten Lehrer an der Pekinger CAFA Liu Xiaodong und Yu Hong kurzgeschlossen. Und wirklich zeigen einige ihrer frühen Bilder einen ähnlich expressiv-breiten Pinselstrich, eine eher grobe und dadurch verfremdende und distanziert beobachtende Farbdramaturgie. „Natürlich haben mich meine Lehrer geprägt, aber ich entwickle mich immer mehr von dieser Maltechnik weg. Mir geht es um die Schönheit der Menschen, die ich male, ihre erotische Ausstrahlung. Es sind auch nicht irgendwelche Modells, ich habe eine persönliche Beziehung zu den Frauen. Wir gestalten die Szenen zusammen.“

Und genau hierin liegt die Intensität ihrer Bilder begründet. Betreiben Liu Xiaodongs Werke eher Milieustudien oder fixieren Momente des gesellschaftlichen Umbruchs, so spiegelt Ma Yanhong ihre eigene Suche – und die ihres direkten Umfeldes – nach einem ihren Idealen gemäßen Leben. In krassem Kontrast zum Konzept der Kulturrevolution, das die Differenz zwischen Frauen und Männern weitestgehend einzuebnen versuchte, erobern sich die jungen Frauen in Chinas Städten das von ihren Eltern noch als moralisch verwerflich eingestufte Recht auf Weiblichkeit.

Die 2007 entstandenen Bilder zeigen die Künstlerin selbst als wiederkehrende Akteurin. In der Blonde-Serie posiert sie mit blonder oder weißer Lockenperücke, nackt auf einem Stuhl kniend, mit verführerischen Dessous, rosa Hasenohren oder lasziv mit Federboa auf einem weißen Flokati. Nach der Öffnung des Landes, Ende der 1970er Jahre, stießen die klassischen Schönheiten der Westkunst sehr schnell auf das Interesse beim chinesischen Publikum. Niemand hatte ein Problem damit, diese teilweise oder gänzlich entblösten Frauen in einem Museum zu präsentieren. Im Gegensatz dazu galten Posen der Erregung und der Lust in Werken chinesischer Künstler noch bis vor wenigen Jahren als unzulässige Provokation und moralische Gefahr.

Verständlich wird diese Einschätzung vor dem Hintergrund des von Mao Zedong geprägten Frauenbildes: die pragmatisch-proletarische Einheitskluft verbarg jeglichen weiblichen Reiz, auch Frauen hatten bis zur körperlichen Erschöpfung zu arbeiten, der Schonraum ‚Familie’ galt als ‚bourgeois’. „Meine Mutter machte sich Sorgen um mich, weil ich schon als Kind gerne vor dem Spiegel stand. Mein Wunsch, schön zu sein, machte meinen Eltern Angst. Natürlich freuen sie sich nun darüber, dass ich vom Verkauf meiner Bilder leben kann. Reden jedoch kann ich mit ihnen über meine Kunst nicht.“

Wie fühlt sich ein kühler Holzboden an, wenn man sich an einem heißen Sommertag nackt auf ihm herumrekelt? Und wenn alles möglich ist, wie entscheiden, was das richtige ist? Die dreiteilige Serie Lonely Summer (2007) spiegelt den sinnlichen Genuss ungestörter Privatsphäre, aber auch die Melancholie, die eine solch intensive Form der Selbstbezüglichkeit mit sich bringt. Pure Lebensfreude in Erwartung eines nahenden Treffens mit dem Liebsten prägt hingegen Before Rendezvous (2007). Gerade arbeitet Ma Yanhong an zwei männlichen Akten. Was allen ihren Bildern eine tastende Nähe zum gemalten Gegenüber verleiht, ist ihr von Bild zu Bild neu abwägender Pinselduktus, der die Haut eines jeden von ihnen zur Liebeserklärung an die Schönheit des menschlichen Körpers werden lässt.


Das Interview mit der Künstlerin fand im April 2008 in Peking statt. Ich danke Zhao Chong für seine Übersetzung und Beratung.

In: Young Chinese Artists. The Next Generation, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch und Cordelia Steiner.
September 2008
Sprache: englisch
296 Seiten
310 farbige Abbildungen

Besprechung des Buches auf der Website des Goethe-Institutes

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