Galerie Lothar Albrecht, Frankfurt/Beijing

artnet 2005-07-14

Insight Into Women prangt es weiß auf pinkfarbenem Untergrund, analog zum Titel in chinesischen Schriftzeichen. Mit dem etwas befremdlich klingenden Slogan kündigte die L. A. Galerie Frankfurt ihre Eröffnungsausstellung in der Pekinger Dependance am 9. April 2005 an. Die Wegbeschreibung auf dem Plakat lässt ahnen, dass sich die Location in einer der sich gerade neu etablierenden Künstlersiedlungen der chinesischen Hauptstadt befindet.

Bereits seit 1990 gehört die L. A. Galerie Frankfurt zu den bekannten Repräsentanten für zeitgenössische Kunst. Mit dem Schwerpunkt Fotografie ist sie auf den internationalen Kunstmessen wie etwa der Art Basel, Art Cologne und der Armory Show New York vertreten. Nach einem Zwischenstop in Shanghai zog es nun auch den Galeristen Lothar Albrecht (geboren 1950) in die chinesische Hauptstadt. „L. A. Gallery Beijing was founded by gallery owner Lothar Albrecht, Frankfurt / Germany, Mr. Wei Wei, Beijing, and Mr. Pan Xiulong, Beijing, as a cultural joint venture that merges many and varied strands of experience”, heißt es auf der Homepage und auch im Interview ist es Lothar Albrecht wichtig, in der Wir-Form von seinem Team zu sprechen.

Die Ausstellungstitel der Frankfurter Galerie zeigen, dass auch in Deutschland das „Faszinosum China“ greift – China: Dynamics of the Public Space (22.1. bis 26.2.2005) und China: Reflections on the Everyday (5.3. bis 16.4.2005) zeigten Arbeiten chinesischer Künstler zu diesem Thema. Der Fotograf Peter Bialobrzeski führt unter dem Titel Neon Tigers in ein „imaginäres Asien, das sich ihm als hypermoderne Traumwelt darstellt“, so der Text der Einladung. Seine Arbeiten waren bis zum 9. Juli 2005 zu sehen. Dog, Life hieß die bis zum 17. Juni in Peking laufende Ausstellung, die die Newcomer Huang He (geboren 1977) und Xiao Bao (geboren 1980) vorstellte; aktuell werden Tracey Moffatt und Oliver Boberg gezeigt.

„Ja, der Titel Insight Into Women […]“, greift Lothar Albrecht meiner Frage vorweg. „Ich hatte ja ‚girls, girls, girls’ vorgeschlagen, doch dafür gibt’ s im Chinesischen keine Entsprechung. Und die chinesischen Alternativen wie ‚junge Frau’, ‚Mädchen’ oder ‚Kameradin’ haben eben nicht diese in dem Wort ‚girls’ mitschwingende Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Gerade darum ging’s mir aber. Schließlich sind die Frauen auf den Bildern die Freundinnen der Künstler. Für englische Native Speaker stellen sich bei dem Titel wohl nicht so zweideutige Assoziationen ein wie bei der deutschen Übersetzung.“ In diesem Sprach- und Kulturdreieck bewegt sich der Alltag der Galerie, und auch die Vernissagegäste produzieren die entsprechende Sprachenmixtur.

Ulrike Münter: Also, die klassische Eröffnungsfrage: Was war für Sie die Initialzündung, Galerist zu werden?

Lothar Albrecht: Angefangen hat alles in Kassel. Dort geboren und aufgewachsen, habe ich alle Documenta-Ausstellungen gesehen – auch die erste, im Kinderwagen. Der erste Kunstkauf erfolgte mit 17, ein signiertes Janssen-Poster. Das zweite war immerhin ein Druck von Roy Lichtenstein.

Ulrike Münter: Die Geschichte einer Galerie ist ja vor allem die Geschichte der Künstler, die sie vertritt. Welche Namen sind mit der L. A. Galerie verbunden?

Lothar Albrecht: Mit Wolfgang Tillmans ging’s so richtig los. Aber auch Tracey Moffatt, Oliver Boberg, Naoya Hatakeyama, Ken Lum, Peter Bialobrezski, Taiji Matsue oder die Spanier Javier Vallhonrat und Joan Fontcuberta sind, wie fast alle Künstler, der Galerie treu geblieben.

Ulrike Münter: Was verschlug Sie nach Asien und speziell nach Peking?

Lothar Albrecht: Ab Mitte der 1990er machte ich auf dem Weg nach Tokyo oder Australien oft Zwischenstop in Hong-Kong. Klasse Stadt, aber keine Kultur. Anfang 2000 bin ich dann nach Shanghai geraten. Und diese Stadt ist schon überwältigend. Also habe ich mir gesagt, hier muss ich was machen. Mein jetziger Partner Wei Wei, der viele Jahre in Deutschland gearbeitet hat, Alexander Ochs und ich gründeten „Shanghai Contemporary“. Dann schmiss uns Rolls Royce aus den wunderschönen Räumen des WestinHotel-Towers und SARS verordnete uns eine Zwangspause. Zwischenzeitlich hatte ich durch meinen jetzigen Partner Wei Wei, der in Beijing lebt, die Stadt und auch Pan Xiulong kennengelernt. Letzterer kennt durch sein Kunststudium viele Künstler in China. Mir wurde schnell klar, dass sich die chinesische Kunstszene in Beijing befindet. In Shanghai könnte man vielleicht eher leben, aber die alte kommunistische, dunkle Stadt Beijing ist das Herz der chinesischen Kultur.

Ulrike Münter: Wie würden Sie das Profil der L. A. Galerie beschreiben?

Lothar Albrecht: Die L.A. Galerie war immer schon eine Boy-Scout-Galerie, das heißt eine Entdecker-Galerie. Und auf diesem Gebiet passiert seit einigen Jahren in Asien, nicht nur China, eine ganze Menge. Der chinesischen Pop-Malerei gegenüber bin ich allerdings recht skeptisch. Inzwischen meine ich aber, auch in dem Genre gute und seriöse Künstler zu kennen, die sich durch Geld nicht so ohne weiteres korrumpieren lassen. Momentan interessieren mich besonders Video- und Performance-Künstler.

Ulrike Münter: Und nun pendeln Sie zwischen Frankfurt und Peking?

Lothar Albrecht: Ja, ich bin jeden Monat in China und kenne dadurch viele chinesische Künstler gut und intensiv. Mittlerweile habe ich mich im Westen sowie in Asien recht gut als Insider in Sachen chinesischer Kunst etabliert.

Ulrike Münter: Mit einem Fuß in Deutschland, mit dem anderen in China – was ist das für ein Lebensgefühl?

Lothar Albrecht: Wenn man ständig unterwegs ist, wird das Flugzeug zu einer Art Heimat, eine fürchterliche Heimat. Das klingt nicht nur scheußlich, das ist scheußlich. Losgelöst von Deutschland bzw. Frankfurt, habe ich das Gefühl, nie anzukommen. Ich kann auch nicht sagen, dass Beijing meine Heimat ist. Es verstärkt eher mein Bewusstsein von dem, was man Europa nennt, und meine Sehnsucht danach. Aber vielleicht komme ich doch irgendwann in Beijing - oder Tokyo - an.

L. A. Galerie Frankfurt
Domstr. 6
60311 Frankfurt

L. A. Gallery Beijing
No. 319, Cao Chang Di
Cui Ge Zhuang Village
Chaoyang District
Da Shanzi 71 # Mail Box
Beijing
100015 China.

Von der L. A. Galerie Frankfurt vertretene Künstler:
Peter Bialobrzeski
Oliver Boberg
Bernard Faucon
Joan Fontcuberta
Johannes Franzen
Jarg Geismar
Gosbert Gottmann
Robert F. Hammerstiel
Naoya Hatakeyama
John Hilliard
Kary Kwok
Edgar Lissel
Ken Lum
Bas Meerman
Tracey Moffatt
Johnny H.-C. Pack
Mabel Palacin
Irene Peschick
Richard Ross
Hiroshi Sunairi
Taiji Matsue
Susa Templin
Arthur Tress
Hiram To
Javier Vallhonrat

Von der L. A. Gallery Beijing vertretene Künstler:
Cai Guangbin
Chen Liu
Chen Quingqjing
Chen Wenbo
He Sen
Johnny Pack
Jiang Jing
Liu Ding
Liu Fei
Lukas Einsele
Lu Hao
Li Ji
Mogen
Oliver Boberg
Qi Zhilong
Ren Xiaolin
Robert F. Hammerstiel
Shen Liang
Song Kun
Song Yonghong
Susa Templin
Wang Jinsong
Tracey Moffatt
Yang Jing
Yuan Yaomin