Spiegelungen
Li Wei. Performance, Fotografie ( en )

culturebase 2006-04

Mal schwebt der in Peking lebende Performance-Künstler Li Wei als grünes Logo auf einer roten Fahne, mal steckt er kopfüber im Straßenpflaster oder trifft sich mit Frau und Baby in schwindelerregender Höhe auf einem Stahlträger.

Bei seinen Spiegel-Performances setzt sich Li Wei einerseits der öffentlichen Schaulust aus, andererseits hält er dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes den Spiegel vor. „Was ich bei meinen Performances erlebe,“ so Li Wei, „gibt mir den Antrieb für meine folgenden Projekte.“ Als ständigen Balanceakt zwischen dem eigenen Freiheitsstreben und der Sorge um den Schutz der wenigen noch existenten emotionalen Schonräume ‑ wie ihn z. B. die Familie bietet ‑ beschreibt Li Wei seine künstlerische Arbeit.

Das Studium an einer privaten Kunsthochschule in Peking brach der seit 2000 international agierende Künstler Li Wei nach einem Jahr ab. Man hätte dort nichts lernen können über Gegenwartskunst, begründet er die Entscheidung. Nachdem er bis 1999 in Öl malte, wurde ihm klar, „dass nur die Performance-Kunst die Möglichkeit bietet, am eigenen Körper das zu erfahren, was gleichzeitig die Message der Aktion ist.“

Zu einer seiner frühesten Arbeiten, die ihn – am ganzen Körper grün bemalt – vor dem Hintergrund einer roten Fahne zeigt, sagt Li: „Green Guy Flag entstand 1999. Wichtig ist der Kraftaufwand, der nötig ist um die Fahne zu erreichen. Es ist die Kraft die wir brauchen, um unsere persönlichen Freiräume zu verteidigen. Die Arbeit ist eine Hommage an die menschliche Leidenschaft. In diesem Sinne ist auch die Farbe Rot zu verstehen. Das hat nichts mit der chinesischen Nationalfarbe zu tun.“

Mit der Performance-Serie Mirroring begann Li Wei 2000. In einen ca. einen Quadratmeter großen Spiegel schnitt er ein Loch, durch das sein Kopf passt. Den Spiegel mit den Händen abstützend, zeigen Dokumentationsfotos den Künstler an privaten, aber auch verschiedenen öffentlichen Orten in China und im Ausland. Aus der Entfernung aufgenommen, spiegeln sich sowohl die Beobachter als auch die Umgebung der Performance in der Fläche, die den Kopf des Künstlers umfasst. Die Sehirritation wird noch verstärkt, wenn Nahaufnahmen die Ränder des Spiegels und den Körper des Künstlers ausblenden. Lis Kopf scheint zu schweben, sei es inmitten einer Menschenmenge, in einer Häuserschlucht, am Himmel oder auf einer glitzernden Wasserfläche. „Der Spiegel läßt die konkrete Wirklichkeit zu einem immateriellen Abbild werden. Die gespiegelten Bilder werden jenseits der Spiegelfläche neu kontextualisiert. Letztendlich wird das sichtbar, was wir ständig in unserer Vorstellungskraft vollziehen. Wir setzen einzelne Eindrücke zu einer imaginären Wirklichkeit zusammen. Indem mein Kopf in der Mitte dieser Spiegelungen steckt, wird die wichtige Funktion der Gegenwartskunst evident: sie irritiert – wie diese Performance – und durchbricht blinde Alltäglichkeit. Wir sehen aber auch die uns umgebende Wirklichkeit neu.“

Eine seiner erfolgreichsten Performances ist die Falls-Serie. Begonnen 2002, sieht man auf den Fotos der Aktionen den Künstler, wie er mit Kopf und Oberkörper im Asphalt einer Straße, dem Dach einer Hausruine oder einer Eisfläche steckt. Die Beine ragen gestreckt gen Himmel. „Nein“, es handle sich hier nicht um Bilder die am Computer erzeugt wurden, versichert der Künstler. Manchmal habe er mit stützenden Hilfskonstruktionen gearbeitet, aber grundsätzlich war Li auch hier der physische Kraftakt wichtig, zumindest für Momente die Spannung dieser Körperhaltung zu leisten und die Absurdität dieser Situation am eigenen Leibe zu spüren. „Wenn man sich vorstellt, jemand von einem anderen Planeten würde heute auf der Erde ankommen. Das wäre doch nun wahrlich keine sanfte Landung im Sinne eines freudigen Anblicks. Ob man da nun nach China schaut oder auf einem anderen Teil der Welt: es ist doch verrückt was wir uns selber antun. Und dieses Gefühl mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen zu sein und jegliche Bodenhaftung eingebüßt zu haben, das kennt sicher jeder. Da muß man noch nicht einmal von einem anderen Planeten kommen.“

Was verschlägt eine Kleinfamilie auf einen Stahlträger in schwindelerregender Höhe über den Dächern einer tristen chinesischen Wohnblock-Siedlung? Die Fotos unter dem Titel A Pause for Humanity (2005) zeigen den Künstler mit Frau und Säugling in einer Situation, die momenthaft an den Plan zum gemeinsamen Sprung in den Tod denken ließe. Die entspannten Gesichter beruhigen diesbezüglich. Und besonders das erste Foto der Performance-Serie, auf dem Li mit dem Kopf an einen der besagten Träger gebunden über der Familie schwebt, macht deutlich: die gezeigte Situation ist – wie schon der Titel ankündigt – metaphorisch aufgeladen und mit Pathos besetzt. Auch wenn Details der Szene surreal anmuten, so gelingt es Li mit diesen künstlerischen Interventionen höchst präzise Aussagen darüber zu machen, was es in heutigen Zeiten – und nicht nur im sich rasant wandelnden China – heißt den ‚Schonraum Familie’ als solchen zu erhalten. „Da ist das Gefühl der Haltlosigkeit, die Unsicherheit, was Morgen sein wird, eben das Gefühl in der Luft zu hängen, keinen Boden unter den Füssen zu haben. Und auch wenn mir die Familie das Wichtigste ist und sie deshalb auch zum integrativen Teil meiner Performances wurde, frage ich mich: Wo sind die Grenzen dessen, was wir aushalten können?“


Erstveröffentlichung: Culturebase

Website des Künstlers: Li Wei art