Kalkulierter Kulturschock
Der Schweizer Galerist Urs Meile und der chinesische Künstler, Architekt und Kurator Ai Weiwei über Pekings Kunstszene

Kunstzeitung 2006-10

„Peking ist einfach sehr anstrengend“ – dieser Satz fällt gleich mehrfach im Gespräch mit dem Schweizer Galeristen Urs Meile, der Anfang des Jahres eine Dependance in Chinas Hauptstadt eröffnete. Der Kraftaufwand, den diese laute, staubige, labyrinthische und nicht selten aggressive Metropole fordert, wird allerdings für den Kunstinteressierten mit Gold aufgewogen: „Es ist einfach unvorstellbar, wie hier im Osten der Stadt die Galerien und Kultur-Institutionen aus dem Boden schießen, mit welcher Energie die Künstler hier arbeiten und täglich den Versuch ad absurdum führen, eine Aussage darüber zu machen, was chinesische Gegenwartskunst ist. Und wir“, schwärmt Meile, „sind mittendrin.“ Ein atmosphärisches Pendant zu diesem Ort der Beschleunigung ist seine 1992 im idyllischen Luzern gegründete Galerie.

Mitte der 1990er Jahre reiste Urs Meile zum ersten Mal nach China. Internationale Künstler wie Anatolij Shuravlev, Peter Zimmermann und Rémy Markowitsch steckten zu diesem Zeitpunkt das Profil der Luzerner Galerie ab. Initiator der Exkursion ins Reich der Mitte war Meiles langjähriger Schweizer Freund Uli Sigg, dessen Sammlung chinesischer Gegenwartskunst derzeit in der Hamburger Kunsthalle gezeigt wird. Über Sigg lernte Meile auch seinen jetzigen Partner, den Künstler, Architekten und Kuratoren Ai Weiwei kennen. „Ai Weiwei ist einer der Gründungsväter der chinesischen Gegenwartskunst. Er ist Jahrgang 1957 und gehört somit zu der Generation von Künstlern, die die Kulturrevolution miterlebten. Ohne starken chinesischen Partner hat man hier keine Chance. Man würde an der Oberfläche abprallen, keinen Zugang zur chinesischen Kultur und eben auch zu den Künstlern kriegen.“ 2003 schloss die Galerie Urs Meile deshalb einen Partnerschaftsvertrag mit der Pekinger Institution CAAW (China Art Archives & Warehouse), dessen künstlerischer Leiter Ai Weiwei ist.

„1993 lernte ich den Belgier Hans van Dijk kennen“, blickt Ai Weiwei zurück auf die Anfänge von CAAW. Die Pekinger Kunstszene stand damals noch stark unter dem Schock des Tiananmen-Massakers. Schnell war klar, dass wir ein gemeinsames Ziel hatten: wir wollten die chinesische Gegenwartskunst aus ihrem Untergrunddasein hervorholen. Das war die Gründungsidee von CAAW.“ Während Hans van Dijk und Ai Weiwei sich gänzlich auf die Förderung der Künstler innerhalb Chinas konzentrierten – CAAW ist bis heute und auch nach dem Tode van Dijks 2002 ein Non-Profit-Unternehmen – brachte Ai Weiweis Freundschaft zu Urs Meile den Kontakt zur internationalen Kunstszene. „Urs Meile war einer der ersten ausländischen Galeristen, die sich wirklich für die junge chinesische Kunst interessierten. Geld war damit zu der Zeit noch gar nicht zu machen.“

Das Profil der Galerie Urs Meile und CAAW ist klar definiert. So zeigt Meile in den Pekinger Räumen die von ihm vertretenen Künstler in Einzel-Shows, wobei es sich zumeist um bereits etablierte Positionen handelt. „CAAW ist dagegen eine Experimentierfläche, ein ‚Off-Space’“, erläutert Ai. „Hier wird z. B. unter thematischen Gesichtspunkten kuratiert oder noch unbekannten Künstlern eine Bühne gegeben.“

Die Zeit des gebetsmühlenartig wiederholten Slogans „China boomt“ und der großangelegten Überblicksausstellungen von chinesischer Gegenwartskunst ist vorbei, in diesem Punkt sind sich Urs Meile und Ai Weiwei einig. „Unser Ziel ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Kunst und Kultur diese Landes – jenseits eines Exotenstatus. Die besten Künstler Chinas müssen mit den besten internationalen Künstlern gezeigt und kontextualisiert werden, oder man hat eine bestimmte Fragestellung, unter der man chinesische Kunst zeigt.“ Meiles Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Ausstellungspraxis ist unüberhörbar. ­­­­Um auch den tatsächlichen Dialog zwischen ausländischen und chinesischen Künstlern zu fördern, startet das Schweizer Team in diesem Monat ein Artist in Residence-Programm. Im kubisch angeordneten Komplex der Pekinger Galeriegebäude – entworfen von Ai Weiwei und in unmittelbarer Nähe von CAAW ‑ wurde dafür eine Atelierwohnung eingerichtet. Westliche Künstler können hier bis zu sechs Monaten leben und arbeiten. Pionier dieses Luxus-Pakets ist das Künstlerduo Bachmann/Banz. „Mir ist klar, was es für einen ausländischer Künstler heißt, zum ersten Mal in China, und dann auch noch in Peking zu sein. Diese Stadt ist unglaublich anstrengend. Der Kulturschock ist vorprogrammiert und die ersten Wochen kann da eigentlich keiner ans Arbeiten denken.“

Nicht zuletzt das unlängst von dem Künstlerpaar Via Lewandowski und Christine de la Garenne erschienene Buch Neobiota. Fragmente des Missverstehens. Peking macht deutlich, wie begründet die Bedenken von Meile und Ai sind. Zeugen doch die 120 Bilder ihres dreimonatigen Aufenthalts in der chinesischen Hauptstadt von einer angestrengt-aufrechterhaltenen Distanz zur dortigen Lebenswirklichkeit. „Das Problem“, sagt Ai, „sind nicht die chinesischen Künstler. Hier gibt es ein großes Interesse an der westlichen Kunst. Auch ich erhoffe mir einen kontinuierlichen Dialog der Künstler über gemeinsame bzw. unterschiedliche Standpunkte.“ Meile ergänzt: „Wünschenswert wäre natürlich, dass der Funke von der chinesischen Kunstszene zu den westlichen Künstlern überspringt. Dann hätten wir unser Ziel erreicht.“


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung