The Buddha’s Ray | Der Künstler John Young begibt sich auf die Spuren John Rabes ( en )

The Asia Pacific Times. A monthly newspaper from Germany, 2008-03

Ein nahezu kreisrunder Regenbogen erschien durch die Bullaugen des Flugzeugs und begleitete die Passagiere auf ihrem Weg nach Berlin. Im Chinesischen nennt sich dieses Phänomen einer optischen Täuschung „buddha’s ray“. Bei der Entscheidungsfindung für sein neues Projekt kam dem Künstler John Young diese Koinzidenz höchst gelegen. Verliehen die Überlebenden des Nanjing-Massakers im Winter 1937 ihrem deutschen Schutzengel John Rabe doch den Ehrentitel „Living Buddha“.

1956 in Hongkong geboren, wanderte John Youngs Familie 1967 nach Australien aus. Heute lebt der Philosoph und Künstler mit Frau und Kindern in Melbourne. „Ich habe keine nationale Identität“, so Young, „meine künstlerischen Arbeiten sind ein intellektueller Umweg zu einer fiktionalen Identität.“ Bekannt ist Young insbesondere für seine double ground paintings, in denen er digitale Drucktechnik und Ölmalerei zusammenbringt.

Der fehlende historische Rückraum Australiens ließ seine Suche nach den eigenen kulturellen Wurzeln nur noch dringlicher werden. Seine transcultural works machen das Ringen um die eigene Standortbestimmung jenseits kultureller Dualitäten. sichtbar, indem in den Bildern z. B. Szenen aus der chinesischen Vergangenheit oder der traditionellen Landschaftsmalerei auftauchen. Teilweise milchig überblendet werden sie mit Motiven gänzlich anderer, oftmals westlicher Sujets, zusammengebracht. „Käme ich vom chinesischen Festland,“ konturiert Young dieses Gefühl der Heimatlosigkeit, „und dann vielleicht noch aus Beijing oder Shanghai, so könnte ich zumindest an die reiche Geschichte dieser Orte anknüpfen. Ich komme aber aus Hongkong.“

Die Präsenz von Vergangenheit ist es auch, die John Young immer wieder an Berlin fasziniert. Seit 1988 besucht er die Stadt. Im letzten Dezember war es nun die Einladung des Berliner Galeristen Alexander Ochs, an dem Projekt Berlin Reflections teilzunehmen. Bisher vier Künstler befragen die deutsche Hauptstadt in den kommenden Monaten aus chinesischer Perspektive. „Auf meiner Berlin-Reise”, erklärt Young die Entscheidung sich mit der Person John Rabes zu beschäftigen, “kam es immer wieder zu Ereignissen, die meine Aufmerksamkeit auf John Rabe und die von ihm während des Nanjing-Massakers 1937 bewiesene menschliche Größe lenkten.” John Rabe, der sich zu diesem Zeitpunkt als Siemens-Manager in Nanjing befand, hatte – unter Mithilfe einiger anderer Europäer und Amerikaner ‑ durch seinen selbstlosen Einsatz und die Einrichtung einer Sicherheitszone, bis zu 250.000 Chinesen vor den Übergriffen japanischer Soldaten geschützt. In China verehrt, weiß in Deutschland kaum jemand um Rabes humanitäre Verdienste.

Im Zentrum seiner Work-in-Progress-Arbeit, die Young in Anlehnung an sein Erlebnis im Flugzeug Buddha’s Ray nennen möchte, soll „das ‚Wie’ des Erinnerns“ (John Young) stehen. Bei den Recherchen zum Nanjing-Massaker stieß John Young auf das Buch The Rape of Nanking (erschienen 1997) der amerikanisch-chinesischen Autorin Iris Chang. Angeregt durch Erzählungen ihrer Großeltern, die selber das Massaker miterlebt und überlebt haben, begab sich die noch nicht dreißigjährige Chang auf monatelange Recherchereisen zu den Opfern und Tätern von Nanjing und sprach mit zahlreichen Frauen, die nicht selten zum ersten Mal von den unsäglichen Leiden jener Zeit erzählten. Es gelang Chang sogar, ehemalige japanische Soldaten dazu zu bringen, über ihre begangenen Vergewaltigungen von Kindern und Frauen zu reden. Eine dritte Perspektive auf das Unfassbare werfen die Gespräche mit den europäischen und amerikanischen Vertretern der damaligen Nanjinger Sicherheitszone, deren wichtigster Verfechter John Rabe war. Iris Chang ist es auch zu verdanken, dass die Tagebücher Rabes nicht vergessen wurden. Sie nahm den Kontakt zu Rabes Sohn im Badischen Örtchen Ottenau auf, der bereits daran gedacht hatte, die verstaubten Bücher zu entsorgen. Im gleichen Jahr widmete sich der ehemalige deutsche Botschafter in China, Erwin Wickert, dem Nachlass und veröffentlichte die Tagebücher zusammen mit weiteren Zeitdokumenten unter dem Titel John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking (erschienen 1997).

Während Young mit größtem Respekt von den Leistungen Iris Changs und ihrem Verdienst gegen das Vergessen erzählt, mischt sich gleichzeitig Trauer in seine Stimme. Am 9. November 2004 fand man Chang mit einer Schusswunde im Kopf in ihrem Auto. Die Todesursache wurde mit Selbsttötung angegeben.

Young geht es in seinem Projekt um eine Gratwanderung in der Art und Weise, wie man ‑ vor allem aus chinesischer Perspektive ‑ auf „einen der dunkelsten Tage der Geschichte, den 13. Dezember 1937, schaut“ (John Young). Indem er den menschlich und nicht politisch agierenden John Rabe zum ‚Helden der Szene’ macht, seine Geschichte auch in den Kriegs- und Nachkriegstagen in Berlin weiterverfolgt und, z. B. durch das Gespräch mit Rabes Familie, erfahren möchte, wie sie sich an ihn erinnern, soll der Trauer und Verbitterung etwas entgegensetzt werden, soll „an die Stelle der Erstarrung eine dynamische Erinnerungsarbeit treten“ (John Young). Wie letztendlich seine Arbeit aussehen wird, wie sich diese „detective-story“ visualisieren lässt, ist noch völlig ungewiss. „Das Projekt hat auch für mich neue Dimensionen. Immerhin bewege ich mich zwischen meinem Geburtsort Hongkong, meiner jetzigen Heimat Melbourne, Nanjing und Berlin. Im Dezember besuchte ich John Rabes Enkel in Heidelberg. Und wer weiß, wohin mich die Recherchen noch bringen. Ich gebe mir ein Jahr Zeit für Buddha’s Ray“ Auf seinen Reisen entstehen Fotos und Niederschriften. Und irgendwann in den nächsten Monaten ‑ da ist sich Young sicher ‑ wird sich die Klarheit darüber einstellen, wie all diese detektivischen Spuren in ein Werk überführt werden können. Muße als Grundhaltung des Kunstschaffens, Memoria als langsamer Fluss der Gedanken, Gegenwartskunst, die sich dem Tempo-Diktat des Kunstmarktes entzieht. John Young verabschiedet sich und bricht zu weiteren Berlin-Erkundungen auf.


Erstveröffentlichung: The Asia Pacific Times. A monthly newspaper from Germany, 2008-03

John Rabe Communication Centre Heidelberg

Artikel als PDF (323 KB)