Die Flüchtigkeit gesplitterter Spiegel
Der Pekinger Performance-Künstler Li Wei

Eikon Heft Nr. 65, Frühjahr 2009

Mit einem Schuss auf ihre eigene Installation provozierte das Künstlerduo Tang Song (*1960) und Xiao Lu (*1962) die vorläufige Schließung der ersten offiziell genehmigten Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst in China (1). In seiner Performance The Great Game (2) (1994) riskierte Qi Lei (*1971-1994) den eigenen Erfrierungstod. Am ganzen Körper grün bemalt erklimmt der Pekinger Künstler Li Wei (*1970) in der fotografisch festgehaltenen Aktion Green Guy Flag (1999) einen Fahnenmast mit rotem Stoffbanner: „Wichtig ist mir dabei der Kraftaufwand, der nötig ist um die Fahne zu erreichen“, erzählt der Künstler. „Es ist die Kraft die wir brauchen, um unsere persönlichen Freiräume zu verteidigen. ‚Green Guy Flag’ ist eine Hommage an die menschliche Leidenschaft. In diesem Sinne ist auch die Farbe Rot zu verstehen. Das hat nichts mit der chinesischen Nationalfarbe zu tun.“

Ein Blick auf die kurze Geschichte der Performance-Kunst in China macht die angestaute Wut und Ohnmacht, aber auch den Willen deutlich, mit dem die Künstler bereits kurz nach der Öffnung des Landes Ende der 1970er begannen, die Gegenwartskunst zum Sprachrohr eines neuen Lebensgefühls zu machen. Die Avantgarde agierte zunächst mit dem Ziel der Selbstverständigung unter Kunstschaffenden im eigenen Land. Bis Mitte der 1980er Jahre fanden Ausstellungen und andere künstlerische Aktionen fast ausschließlich ohne offizielle Genehmigung statt und wurden nicht selten bereits Stunden nach der Eröffnung durch Polizeieinsatz beendet. Der Blick gen Westen existierte noch nicht. Masochistisch anmutende Selbstversuche, wie z. B. das Essen von Seife bis zum eigenen Erbrechen, visualisieren die nahezu unerträgliche Lebenssituation, in der Kunstschaffen nur als verlängerter Arm der Partei möglich war. Nach einer Phase der zunehmend größer werdenden Spielräume versetzten die niedergeschlagenen Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking Chinas freie Kulturschaffende erneut in einen Schockzustand. Es dauerte wiederum Jahre bis die Kunstszene sich von diesem Trauma erholte.

Mittlerweile hat die chinesische Gegenwartskunst ihren Platz im internationalen – zunehmend auch im chinesischen – Ausstellungsbetrieb und auf dem Kunstmarkt gefunden. Li Weis Performances spiegeln diese grundlegenden Veränderungen wider, ja, der Spiegel selbst wird zum konkreten Requisit seiner Aktionen.

Mit der Performance-Serie Mirror begann Li Wei im Jahr 2000. Den Spiegel mit den Händen abstützend, zeigen Dokumentationsfotos den Künstler an privaten, aber auch verschiedenen öffentlichen Orten in China und im Ausland. Aus der Entfernung aufgenommen, spiegeln sich sowohl die Beobachter als auch die Umgebung der Performance in der Fläche, die den Kopf des Künstlers umrahmt. Die Sehirritation wird noch verstärkt, wenn Nahaufnahmen die Ränder des Spiegels und den Körper des Künstlers ausblenden. Lis Kopf scheint zu schweben, sei es inmitten einer Menschenmenge, in einer Häuserschlucht, am Himmel oder auf einer glitzernden Wasserfläche. An Stelle von Provokation und Pathos tritt die künstlerische Intervention als Angebot an den Betrachter.

In der Performance Floating Substance (2008), die Li Wei u. a. auf der Hongkong Art Fair zeigte, kehrt der existentielle Grundzug seiner früheren Aktionen zurück, allerdings ist nun der Ort und damit auch der Kontext ein gänzlich anderer geworden. Sein Körper und sogar sein Gesicht werden in Floating Substance zum Untergrund für unzählige Spiegelsplitter. So vor die Messebesucher tretend, wird der Künstler selbst zum kaleidoskopisch die Umgebung spiegelnden Objekt. Die Spiegelfunktion im konkreten Sinne, d. h. den Widerschein einzelner Menschen oder des Ortes, verwehrt die craqueléartige und unebene Fläche zwangsläufig. Wunden dabei durchaus einkalkulierend, löst Li Wei hernach Stück für Stück die Splitterschicht von seiner Haut. Es ist ein offensichtlich befreiender, aber auch schmerzhafter Akt.

Nach dem Spiegelstadium avanciert der nahezu nackte Künstler zu einem Symbol der Erschöpfung bzw. Neuschöpfung. Seine Entpuppung zur reinen Körperlichkeit mag wahlweise seine Verbrauchtheit für eine avantgardeverwöhnte Kunstgesellschaft oder die wiedergewonnene Unschuld des Egos demonstrieren. Was bleibt, ist der Körper als Tabula rasa, als Übergangsphänomen, als Ort für neue, zukünftige Einschreibungen.

Der Luxus der Bildenden Kunst ist es, dass sie die Gesetze der sukzessive voranschreitenden Zeit ignorieren kann und darf. So zeigen Li Weis aktuelle, digital bearbeiteten Fotoserien, wie z. B. Love meets 22m (2008), dass der Künstler bereits einen neuen Aktionsradius für seine Performances gefunden hat.


1 Die Ausstellung „China/Avant-Garde“ fand vom 5.-19. Februar 1989 in der Pekinger Nationalgalerie statt.

2 Im Ausland wurde die Performance „The Great Game“ durch die in China verbotene Verfilmung „Frozen“ (1994, Regie, Wang Xiaoshuai) bekannt.

Noch bis zum 7. Juni zeigt die Michael Schultz Gallery Beijing die Ausstellung Li Wei – The amazing Mirror Maze of the Self

Li Wei

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