Kaleidoskopisch gespiegelte Wirklichkeit
Fang Lijun. Malerei, Holzschnitt, Skulptur ( en )

Alexander Ochs Galleries Berlin|Beijing, 2006

Ob ländliche Idyllen in Gouache, lungernde Kerle mit krummen Rücken in Bleistift oder kraftvoll Schwimmende in Tusche; ob Ertrinkende in Acryl, fratzenhafte Kopffüßler in Bronze gegossen oder Menschenmengen, die den Bildraum sprengen in Holzschnitttechnik: Fang Lijun (geboren 1963) hält sie mit distanziertem Blick fest, als gelte es in einer Zeit größter gesellschaftlicher Umbrüche eine Form der individuellen Geschichtsschreibung zu betreiben. Mit analytischer Präzision definiert er die psychische Verfasstheit des oder der Menschen im Bildzentrum. Dass jedes Bild seit den 1990er Jahren mit einem Datum betitelt ist, verstärkt den Eindruck, es handle sich bei diesen Arbeiten um eine Art visuelles Tagebuch.

Dimensionen des Wassers

Betrachtet man die Bilder Fang Lijuns, die sich der Darstellung des Wassers in den Techniken Tusche, Öl, Acryl und Holzschnitt widmen, fällt der Facettenreichtum der Flächengestaltung auf. Von sanften Übergängen der Tusche in Grautönen, Wellenformationen in Königsblau und Violett bis zu den ins Material geritzten Linien des Holzschnitts, erreicht der Künstler in jeder Arbeit eine atmosphärische Neudefinition des Bildraums. In ähnlich thematischer Breite verhalten sich die Menschen in der Sphäre des Wassers. Neben Bildern, die bedrohliche Situationen zeigen, spricht der Künstler schwimmenden Menschen zu, was ansonsten scheinbar unmöglich ist: fließende Bewegungen und entspannte Gesichter. Die Aufmerksamkeit gilt keinem Außen, sondern ist nach innen gerichtet. Hier schwinden die harten Konturen, die ansonsten durchgängig Menschen gegeneinander und diese gegen ihre Umgebung abgegrenzt haben. Sie weichen einem symbiotischen Ineinanderfließen. Diese auflösende und von irdischer Schwere befreiende Wirkung des Wassers ist grundsätzlich verschieden von der Art mit der Fang Lijun die Sphäre des Himmels darstellt. Vor königsblauem Hintergrund bewegen sich die Wolkenformationen. Bunte Blumen geben den Szenen eine fremdartig fantastische Optik.

Die Wiederbelebung des Holzschnitts

Eine direkte und unverstellte Entsprechung zwischen emotionaler Dynamik und künstlerischem Ausdruck ermöglicht der ins Material einkerbende Holzschnitt. Die dramatische Bildwirkung dieser Kunstform hatte auch Käthe Kollwitz zu ihren Anti-Kriegs-Schnitten inspiriert. Bereits im Shanghai der 30er Jahre stießen die (an-)klagenden Drucke der Kollwitz auf großes Interesse der durch Bürgerkrieg und Okkupation gegeißelten Metropolen-Bewohner. Die Holzschnittbewegung um den Schriftsteller Lu Xun ließ sich durch die Sprache der deutschen Künstlerin inspirieren, um damit das Elend der eigenen Lebensbedingungen zu artikulieren. Die traditionell chinesische Technik des Holzschnitts erfuhr ihre zweite Blütezeit. Fang Lijun aktualisiert dieses Medium erneut, nachdem die Kulturrevolution der künstlerischen Produktivität Chinas eine Zwangspause verordnete. Auf Papierrollen, wie sie in China bis Heute allerorts zu finden sind, druckt Fang energiegeladene Szenarien. Anstelle pittoresker Landschaftsmalerei oder Kaligraphie – wie sie üblicherweise auf diesen Rollenformaten zu finden sind – füllen Menschengruppen oder gar -massen den Bildraum. Rolle an Rolle gelegt entstehen metergroße Holzschnitte in zum Teil greller Farbigkeit.

Zynischer Realismus?

Fang Lijun gilt als renommiertester Vertreter des „Zynischen Realismus“. Als „zynisch“ charakterisierte der chinesische Kunstkritiker Li Xianting die Haltung vieler chinesischer Künstler nach dem Trauma der Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Zum Verständnis des Gesamtwerks von Fang Lijun ist das Label wenig hilfreich. Übersetzt man den chinesischen terminus technicus allerdings wortgetreu als „mit der Welt spielen“, so kann er durchaus für Fangs Werk produktiv gemacht werden. Es ist der kaleidoskopische Blick des Künstlers auf die ihn umgebende Lebenswirklichkeit. Formale Distanzierungsmechanismen wie Abstraktion, Kontrastierung, Überzeichnung und unnatürlich grelle Farbigkeit geben den Bildern einen fast surrealen Charakter. Spiel und Ernst sind nicht länger als gegensätzlich zu denken. Jeglichem Anspruch auf letztgültige Aussagen über die Verfaßtheit der Wirklichkeit – wie ihn z. B. der sozialistische Realismus für sich veranschlagte – wird eine klare Absage erteilt.


Erstveröffentlichung durch: Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing