Relikte vergangener Größe
Cui Guotai. Malerei ( en )

Alexander Ochs Galleries Berlin|Beijing, 2006

Auch nach Jahren der Stilllegung und mehr oder weniger deutlich vom Verfall gezeichnet, zeugen die Industrieareale aus Zeiten chinesischer Planwirtschaft von ihrer einstigen Größe. Mit expressiver Pinselführung porträtiert Cui Guotai (geboren 1964) die architektonischen und technischen Giganten, die, nun verwaist, dennoch Monumente menschlicher Schaffenskraft, aber auch Leidensfähigkeit sind.

Cui Guotai ist in Shenyang geboren und aufgewachsen, einer Stadt im Nordosten Chinas, die von den 1930er bis in die 1990er Jahre als Zentrum der Stahlindustrie von sich reden machte. Was es meint, von Menschen als bloßen Produktionskräften zu sprechen, hatte der Regisseur Wang Bing in seinem fünfstündigen Dokumentarfilm über Shenyangs „Tiexi District“ schonungslos vor Augen geführt und damit u. a. auf der Berlinale 2002 für Aufsehen gesorgt. Zwischen 1999 und 2001 verfolgte Wang den Niedergang des einstigen Vorzeigebetriebs. Unter erbärmlichsten Bedingungen schuftend, wurden die Arbeiter zu guter Letzt um ihre Abfindungen geprellt. Ein ganzer Bezirk stand vor dem Aus.

Cui erlebte aus nächster Nähe den Aufstieg und Fall des 1934 von den Japanern gegründeten und von den Sowjets in den 50ern mit Materiallieferungen unterstützten Industrie-Areals des Tiexi-Distrikts. Zwischen 2003 und 2005 entstanden die großformatigen und in Acryl auf Leinwand gemalten „Portraits of Industry“. Die von Wang Bing gezeigten Szenen der Arbeiter an glühenden Brennöfen, der Lokomotiven, die sich vierspurig über das riesige Gelände bewegten, scheinen lange zurückzuliegen. In Cuis Bildern bemächtigt sich bereits die Natur wieder der ihr abgetrotzten Fläche.

Indem Cui Gebäudefassaden, Fertigungshallen, Flugzeuge, Lokomotiven, Brücken, Schornsteine und Strommasten fast ausschließlich aus der Froschperspektive zeigt, erweist er ihnen eine Würdigung, die ihnen faktisch schon lange nicht mehr zukommt. Trotz aller Verfalls-Tristesse schillern in Cuis Graupalette das Blutrot des kulturevolutionären China, die Abendsonne und das Grün des fortschreitenden Wildwuchses. Jetzt, wo an diesem Ort kein Schweiß mehr fließt, gemahnen die Relikte einstigen Fortschrittstaumels an die Tausende von Menschen, die hier ihre Lebenskraft investierten, um die Familie durchzubringen. Alternativen gab es in Tiexi kaum.

Während Cuis Außenansichten von Zweckbauten in ihrer strengen und reduzierten Formensprache noch heute einer Bauhausästhetik vergleichbar modern wirken, offenbaren die Innenansichten trotz ihres Ruinencharakters die barbarischen Bedingungen, unter denen hier gearbeitet wurde. Demgemäß arbeitet Cui in Big Chimneys of the Smelt Factory (2004) und in The Big Roof of Work (2004) mit wesentlich kontrollierterer Pinselführung und ruhigerer Flächigkeit als beim Blick in die Produktionsstätten wie z. B. in Slogan – Like Factory (2005) oder Workshop with a Railway (2003). In graziler Eleganz scheinen die schlanken Schornsteine dem Verfall zu trotzen. Die Arbeitsstätten selber lösen sich hingegen bereits in ihre Bestandteile auf. Cuis satter Farbauftrag läßt demgemäß dicke Schlieren entstehen, die ungehindert die dargestellte Szene durchfließen. Dem natürlichen Zerfallsprozess gleich entscheidet hier der Zufall über die Ästhetik.

Cui geht mit seinen Portraits of Industry aber noch über den Status von Architektur als Erinnerungsträger hinaus. Nachdem die Menschen die Gebäude verließen, kommt den Hinterlassenschaften auch eine autonome Geltung als baukünstlerischen Objekten zu, die losgelöst von ihrer früheren Bestimmung von rein ästhetischem Wert sind. Bar jedem Reglement bilden Pflanzen und verfallende Bauwerke eine harmonische Einheit. In Bulrush on Industry Wasteland (2004) blickt der Betrachter durch die sich im Wind bewegenden Binsengräser auf eine ins Nichts führende Brücke. Ehemalige Bahngleise wirken durch den breiten und schlierigen Pinselstrich nicht mehr wie technische Funktionsträger: ihr gebogener Verlauf stimmt trotz unterschiedlicher Materialität in den Schwung der Gräserhalme ein.


Erstveröffentlichung durch: Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing