Chi Peng. Sprinting Forward

artnet 2005-05-27

In Peking unterwegs, wird das Taxi zur Zeitmaschine. Vom tristen Atelier einer hier bewusst ungenannten Kunsthochschule bis zur high-tech-ausgestatteten Central Academy of Fine Arts braucht es eine knappe Stunde – wenn man nicht im Stau stecken bleibt. Nicht der miserable bauliche Zustand der Ersteren, sondern die dort entstehenden Arbeiten irritieren.

Auf Staffeleien und an Wände gelehnt sieht man Chinesen – repräsentativ im Halbkreis oder am Webstuhl – und Landschaften in Tusche-Manier, wie sie an jeder Ecke der Stadt angeboten werden. Eine Werkschau der zwei besten Studentinnen in der Festhalle steigert das Unbehagen noch. Zeigen doch die beiden Geehrten zu überzeugend, dass sie jede nur gefragte Technik, jedes Sujet auf Anfrage zu bedienen bereit sind. Auch im heutigen Peking scheint noch immer der Würgegriff einer ideologisch und dogmatisch geprägten Auftragskunst-Ästhetik zu wirken. Doch gibt es überhaupt noch die entsprechenden Auftraggeber? Der Begriff des Anachronismus könnte hier neu erfunden werden.

Zurück in die Gegenwart geht es dagegen beim Interviewtermin mit dem 24-jährigen Chi Peng, der an der renommierten Central Academy of Fine Arts studiert. Schon durch die Glastür des erst vier Jahre alten Gebäudes leuchten uns ein Dutzend Monitore entgegen. Souverän wird hier alles auf Englisch ausgewiesen: Wir befinden uns im „Photographie & Digital Medial Studio“. Willkommen im 21. Jahrhundert. Und auch Chi Peng versteht es, seine Arbeiten gelassen-professionell zu präsentieren. In einem Raum mit Berliner Off-Theater-Atmosphäre stehen sie an Wände gelehnt und das friesartige Apollo in transit (800 x 75 cm) wird am Boden von Zitronentee-Flaschen gehalten.

Die scheinbar vordergründige Narrativität von Chi Pengs digital bearbeiteten Fotos könnte momenthaft den Eindruck erwecken, sie folgten einem linear zu entschlüsselnden Plot. So lassen sich beispielsweise die Stadtansichten vom Peking-Kenner lokalisieren. In Apollo in transit ist es die Mauer der Verbotenen Stadt, in der Serie Sprinting forward die Airport-Expressway-Unterführung im Chaoyang District, die das grau-staubig-geschäftige Alltags-Peking vom schicken Hotelviertel trennt. Die Glassfassade des Hyatt, der Turm des Akademiegebäudes und – so der Künstler – ein Gang seines Studentenwohnheims sind weitere Stationen. Doch weder die Orte noch die durch sie flüchtende, zum Teil multiplizierte, nackte Gestalt eines jungen Mannes buhlen um das Interesse des Betrachters. Auch will hier der nackte Körper nicht etwa provozieren oder voyeuristisch beschämen. Wie um Diskretion bemüht, sehen wir nie sein Gesicht.

Auf die Frage, warum sich Chi Peng für die digital bearbeitete Fotografie als künstlerisches Medium entschieden habe, antwortet er, dass nur sie ihm die Möglichkeit gebe, sein Lebensgefühl auszudrücken. Mit derselben Montagetechnik, mit der er die Figuren ins Bild manövriert, werden fiktive Elemente wie Regentropfen, in denen sich in Apollo in transit die nackte Person embryoartig krümmt, oder rote Flugzeuge, die den Lauf der Flüchtenden begleiten, platziert; im Busch vor dem Hyatt-Gebäude findet sich eine schattenhafte Gestalt und so weiter. Ja, hier werden Geschichten erzählt, sehr persönliche und gleichzeitig exemplarische. In Consubstantiality berühren Chi Pengs Arbeiten vermeintliche Gender-Grenzen, in Green Serial den Cyberspace-Charakter der Wirklichkeit. Und genau um diese virtuelle Ebene geht es dem Künstler. Seine Geschichten sind Suchbewegungen, die rennenden Gestalten kennen ihr Ziel nicht. Eine von ihnen strandet vor der Glasfassade des Hyatt und nur die roten Flugzeuge können den Horizont dahinter erreichen.

Nicht nur Galerist Alexander Ochs hat schnell bemerkt, dass mit Chi Peng eine Künstlerpersönlichkeit besonderer Couleur die Bühne der zeitgenössischen Kunst betreten hat. Noch bis vor kurzem war in seiner Berliner Galerie Apollo in transit zu sehen. Als „originär chinesisch und gleichzeitig universell“ charakterisiert er die Qualität der Fotoarbeiten. Nach Ausstellungen in New York, Paris, Wien, Melbourne, Köln, Berlin und München – innerhalb eines Jahres wohlgemerkt – wird Chi Peng im September diesen Jahres auf der dritten Fukuoska Asian Art Triennale zu sehen sein. Ein Faktor dieser schnellen internationalen Präsenz ist sicherlich sein renommierter Lehrer und Förderer Miao Xiachun. Und woran arbeitet Chi Peng gerade? „Olympia 2008“ sei das Thema. Wir sind gespannt.