Narrative Photographie
Die digital bearbeiteten Photoserien des chinesischen Künstlers Chi Peng ( en )

Eikon Nr. 57, Frühjahr 2007

Durch die Neue Leipziger Schule feierte das Erzählerische im Westen seine Rückkehr in die Kunst. Was hierzulande lange als naiv abgetan wurde, hatte die chinesische Gegenwartskunst nie verabschiedet. Dementsprechend vielfältig sind ihre Spielarten der visuellen Narration. Die digital bearbeiteten Photographien des in Peking lebenden Künstlers Chi Peng (geb. 1981) erweitern das Repertoire dieser Kunstform neben einer autobiografischen um eine literarische, mythologische und virtuelle Dimension.

Die oftmals meterlangen, friesartigen Fotoarbeiten Chi Pengs verweigern einen Beginn oder Schlusspunkt der Bildhandlung. Thematisch könnten sie aktueller kaum sein. So ist die Trennung zwischen Cyberspace und Lebenswirklichkeit bei ihm bereits Relikt der Vergangenheit. Paranoide Gehetztheit und egomane Selbstbezüglichkeit kennzeichnen das Alter Ego des Künstlers, das klonähnlich multipliziert und zum fliegenden Humanoiden mutiert durch Metropolenlandschaften flüchtet. In der Serie Sprinting Forward (2004) sind es Orte, die vom Peking-Kenner unschwer lokalisiert werden können, wie z. B. das Gebäude der Central Academy of Fine Arts, an der Chi Peng selbst studierte, oder die Glassfassade des Hyatt-Hotels. In Apollo in Transit (2005) ist es die Mauer der Verbotenen Stadt. Fliegen in Mirage (2005) die libellenartigen Mischwesen in Richtung der südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen, so sind sie in der Serie East-West (2005) bereits im Westen angekommen. Das Brandenburger Tor lässt diesbezüglich keinen Zweifel.

Mit derselben Montagetechnik, mit der Chi Peng das Personal ins Bild manövriert, bedient er sich weiterer fantastischer Elemente. So krümmt sich der Rennende von Apollo in Transit gleichzeitig in überdimensionierten Regentropfen. Rote Flugzeuge begleiten die Läufer von Sprinting Forward. Gleich Film-Stills bannt Chi Peng Momente höchster psychischer Anspannung, körperlicher Anstrengung oder Erregung ins Bild. Nie geht es ihm dabei um die entlarvende Bloßstellung der dargestellten Figur. Immerhin handelt es sich um den Künstler selbst! Der nackte Körper erfüllt eher die Funktion einer Projektionsfläche. Chi Pengs Photoarbeiten zeigen Suchbewegungen mit unbekanntem Ziel. Eine Aussage dieser visuellen Diagnose ‑ nicht nur ‑ chinesischer Lebenswirklichkeit wird mit aller Eindringlichkeit getroffen: der Mensch ist hier ruheloser Einzelkämpfer, sogar Liebesbeziehungen werden zum öffentlichen Akt der Selbstbespiegelung, wie die Serie I fuck me (2006) unmissverständlich vor Augen führt.

Chi Peng gehört zu den jüngsten Vertretern der chinesischen Kunstszene. Deutlich erkennbar sind die Einflüsse seines Lehrers an der Central Academy, des Künstlers Miao Xiaochun (geb. 1964). Auch in Miao Xiaochuns früheren Digitalphotographien gibt es das wiederkehrende Format der traditionellen chinesischen Bildrolle. Beide Künstler arbeiten mit ihrem Alter Ego als Handlungsträger. Während Miao Xiaochun betont, dass seine Fotos nicht nachträglich bearbeitet, sondern lediglich Montagen aus zigfachen Einzelaufnahmen sind, wird bei Chi Peng der reale Stadtraum zur Hintergrundkulisse eines fiktionalen Plots.

In seiner neuen, noch unvollendeten Fotoserie Journey to the West (2007) siedelt Chi Peng die gesamte Szenerie im virtuellen Raum an. Auf einer Bildlänge von gut 6 Metern erstreckt sich eine Berglandschaft. Die buckligen Gesteinsformationen scheinen in einem Nebelmeer zu schweben. Bei aller Künstlichkeit des Arrangements, wird jedem Kenner chinesischer Landschaftsmalerei auffallen, wie genau sich Chi Peng bei Hua Guo Mountain an die formalen Richtlinien des Genres hält. So gibt es z. B. keine eindeutige Bildperspektive. Die unendliche Größe des ausschnitthaft Gezeigten wird durch den Nebel suggeriert. Tatsächlich rekurriert Chi Pengs Hua Guo Mountain auf Wang Shens (1048-1104) Meisterwerk der Song Dynastie The Light Snow in the Fishing Village.

Doch dies ist nur eine Dimension von Hua Guo Mountain. So lassen die winzigen Affen, die jene Berglandschaft bevölkern an die Szene eines Fantasy-Films denken. Genau diese Assoziation und der Obertitel der Fotoserie Journey to the West aktivieren ein ganzes Aufklapp-Menü an Bedeutungsebenen beim chinesischen Betrachter. Angespielt wird auf die historisch überlieferte Reise des Mönchs Xuan Zang im 7. Jhd. n. Chr., der nach Indien auszog, um die Lehre des Buddhismus zu studieren und dieses Wissen nach China zu bringen. In der Legende wird ein fliegender Affe zum Reisebegleiter des Mönchs und besteht mit ihm unzählige Abenteuer. Diesen Stoff adaptierte ein phantastischer Roman im 16. Jhd., der wiederum von unzähligen Fernseh- und Kino-Filmen aufgenommen wurde. In derart vermittelten Formen gehört Journey to the West Generationen übergreifend zum Allgemeingut Chinas.

Die im Westen oft gestellte Frage nach dem originär Chinesischen der chinesischen Gegenwartskunst findet in Arbeiten wie Hua Guo Mountain eine vielschichtige Antwort. Es ist der immense historische Reflexionsraum, der von Künstlern wie Chi Peng aktualisierend ins Werk überführt wird.


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