Sprinting Forward
Chi Peng. Digital-bearbeitete Photographie, Skulptur

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing, 2006

Chi Peng (geboren 1981) gehört zu den jüngsten Vertretern der chinesischen Kunstszene, denen der Sprung in die internationale Kunstszene gelang. Die Themen seiner digital-bearbeiteten Photographien könnten aktueller nicht sein: Cyberspace-Realitäten, paranoide Gehetztheit, egomane Selbstbezüglichkeit, Gender Trouble, Homosexualität.

Auf den ersten Blick scheinen Chi Pengs Arbeiten einem linear zu entschlüsselnden Plot zu folgen. So flüchtet die immer gleiche Gestalt eines nackten Mannes ‑ allein oder multipliziert ‑ durch Stadtansichten, die vom Peking-Kenner unschwer lokalisiert werden können. Im friesartigen Apollo in Transit (2005) ist es z. B. die Mauer der Verbotenen Stadt, in der Serie Sprinting Forward (2004) die Airport-Expressway-Unterführung im Chaoyang District oder das Gebäude der Central Academy of Fine Arts.

In seinen neueren Arbeiten erweitert Chi Peng den Fokus seines persiflageartigen Blicks durchs Objektiv. Mirage (2005) läßt den libellenartig mutierten und zur unzähligen Menge vervielfachten Akteur in Richtung der südchinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen fliegen. In der Serie East-West (2005) sind die flüchtenden und fliegenden Humanoiden im Westen angekommen. Das Brandenburger Tor läßt diesbezüglich keinen Zweifel.

Mit derselben Montagetechnik, mit der Chi Peng den zum Klon degradierten Akteur ins Bild manövriert, bedient er sich weiterer fiktiver Elemente. So krümmt sich der Rennende von Apollo in Transit gleichzeitig in überdimensionierten Regentropfen. Rote Flugzeuge begleiten die Läufer von Sprinting Forward. Im vierten Bild dieser Serie wird jegliche ‚Flucht nach vorn’ durch die Glasfassade des Hyatt gestoppt. Nur die Flugzeuge können den Horizont dahinter erreichen. Im Busch vor dem Gebäude verbirgt sich schattenhaft eine Doppelung des Gestrandeten.

Gleich Film-Stills bannt Chi Peng Momente höchster psychischer Anspannung, körperlicher Anstrengung oder Erregung ins Bild. Nie geht es ihm dabei aber um die entlarvende Bloßstellung der dargestellten Figur. Handelt es sich bei der männlichen Gestalt doch auch um den Künstler selbst. Der nackte Körper erfüllt eher die Funktion einer Projektionsfläche. So wählt Chi Peng entweder die anonymisierend Rückenfigur-Perspektive oder zeigt die Agierenden in der Serie I fuck me (2005) aus der nötigen Distanz.

In I kiss me (2005) wechselt Chi Peng das künstlerische Medium. Die kalt glänzende, aseptisch weiße und menschengroße Skulptur hat bereits ein weiteres Stadium der Deformation erreicht. Männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale und das Fehlen der Augen lassen sie zum materialisierten Alptraum jenseits aller natürlichen Gendergrenzen werden.

Chi Pengs Photoarbeiten zeigen Suchbewegungen mit unbekanntem Ziel. Eine Aussage dieser visuellen Diagnose (nicht nur) chinesischer Lebenswirklichkeit wird aber mit aller Eindringlichkeit getroffen: der Mensch ist hier ruheloser Einzelkämpfer, sogar Liebesbeziehungen werden zum öffentlichen Akt der Selbstbespiegelung.