Sprinting Forward – Looking Back
Chi Peng. Digital bearbeitete Fotografie und Installation ( en )

Young Chinese Artists, The Next Generation, Prestel Verlag, 2008-9

Chi Pengs digital bearbeitete Fotoserien zeigen Suchbewegungen mit unbekanntem Ziel. Eine visuelle Aussage wird aber mit aller Eindringlichkeit getroffen: der Mensch ist hier ruheloser Einzelkämpfer, sogar Liebesbeziehungen werden zum öffentlichen Akt der Selbstbespiegelung.

Bis 2005 siedelt der in Peking lebende Künstler seine fantastisch-realen Szenarien in der chinesischen Hauptstadt an, ab 2006 verlagert er sie zunehmend ins nicht-chinesische Ausland und führt mit der 2007 entstandenen Serie Journey to the West gar in die Welt des Mythos. Mit der Raum-Installation Soft (2008) wechselt Chi Peng das Medium und materialisiert mit 700 Bettdecken eine Trutzburg der temporären Geborgenheit.

Rückblickend vergleicht Chi Peng das 2005 abgeschlossene Studium an der renommierten Central Academy of Fine Arts in Peking (CAFA) mit einem Teich quakender Frösche, die sich im Hochsprung üben. Schnell wurde ihm klar, dass sein Weg nicht über die Malerei im Speziellen und auch nicht über die Nachahmung oder Kopie realer Gegenstände oder anderer Kunstwerke führt. Im Zusammenspiel konkreter Orte und fiktiver Einblendungen erzählen seine Bilder höchst persönliche Geschichten, in denen es z. B. um Gender-Trouble und Homosexualität geht.

Die oftmals meterlangen, friesartigen Arbeiten verweigern einen Beginn oder Schlusspunkt der dargestellten Handlung. Gleich Film-Stills bannt Chi Peng Momente höchster psychischer Anspannung, körperlicher Anstrengung oder Erregung ins Bild. Thematisch, aber auch technisch könnten die Fotoserien aktueller kaum sein. So empfindet Chi Peng die Digitalfotografie und die virtuellen Eingriffsmöglichkeiten des Computerprogramms „Photoshop“ als die für seine Belange authentische künstlerische Artikulationsform. Eine gegenstandsnahe, ja sinnliche Komponente gewinnt diese Arbeitsweise, indem der Künstler die zu fotografierenden Szenen zuvor akribisch inszeniert, Freunde und Bekannte als Statisten einsetzt, Landschaften nachstellt oder Kostüme entwirft und schneidern lässt.

Paranoide Gehetztheit kennzeichnet das Alter Ego des Künstlers, das in der Serie Sprinting Forward (2004/05) klonähnlich multipliziert durch die chinesische Hauptstadt flüchtet. Es sind Orte, die vom Peking-Kenner unschwer lokalisiert werden können, wie z. B. das Gebäude der Central Academy of Fine Arts, an der Chi Peng studierte. In Apollo in Transit ist es die Mauer der Verbotenen Stadt. Mit derselben Montagetechnik, mit der Chi Peng den rennenden Akteur ins Bild manövriert, krümmt dieser sich gleichzeitig in überdimensionierten Regentropfen. Gestrandet vor der Glasfassade des Hyatt-Hotels, können nur die leuchtend roten Flugzeuge gen Horizont fliegen.

Die Dream-Serie (2006) verfolgt das Thema auf einer Ost-West-Achse weiter. Das Brandenburger Tor lässt diesbezüglich keinen Zweifel. Es ist schwer zu sagen, welche Vorstellung bedrängender anmutet, die traditionell chinesische, in der der Einzelne als gefügiger, aber auch geborgener Teil einer Gruppe sein Leben fristet oder eine derartige Metropolen-Einsamkeit, wie sie diese Arbeiten von Chi Peng artikulieren.

Ebenso wenig beschwingt stimmt die Fotoserie I fuck me (2005), reduziert sie doch homoerotischen Sex auf einen einsamen und zudem oftmals öffentlichen Akt der Selbstbefriedigung. Leidenschaftliche Zweisamkeit wird zur virtuellen Verschmelzung mit dem gedoppelten Ego. Liebe im Zeitalter egomaner Selbstbezüglichkeit?

Die zwölf Fotoarbeiten umfassende Serie Journey to the West (2007) bewertet Chi Peng als sein bisher wichtigstes Projekt. Neben der autobiografischen und zeitdiagnostischen erweitert er das Repertoire seiner Bilderzählungen hier um eine mythologische, aber auch intermediale Dimension. Durch Kleidung, Kopfschmuck und die maskenhafte Bemalung im Stil der Peking-Oper verwandelt Chi Peng sich in den Affenkönig Sun Wukong. Kein Kind in China, das nicht für das listige Fabelwesen schwärmt. Nicht die historisch überlieferte „Reise nach Westen“ interessiert den Künstler, sondern die hier anknüpfende und von zahlreichen chinesischen und japanischen Comics, Fernseh- und Kino-Filmen adaptierte Legende des fliegenden und zu 72 Verwandlungen fähigen Affenkönigs.

Die Titel der Journey-Fotos spielen auf zentrale Szenen der Geschichte an. So zeigt die hochformatige Arbeit Five Elements Mountain Chi Peng alias Sun Wukong gefangen in einem Knoten von Wolkenkratzern. Konkretere Anspielungen auf weniger glückliche Momente der Kindheit zeigen Bilder wie Red Boy und Three Fights against the White Bone Demon – 1. Im mehr als sechs Meter langen Mountain wiederum schwebt die Fantasiegestalt des Affenkönigs erschöpft auf einer Wolke durch eine in Nebel gehüllte, zerklüftete Berglandschaft. Bei aller Künstlichkeit des Arrangements wird jedem Kenner traditioneller chinesischer Kunst auffallen, wie genau sich Chi Peng hier motivisch und perspektivisch an die formalen Richtlinien des Genres hält. Tatsächlich rekurriert diese Arbeit auf Wang Shens Meisterwerk aus der Song-Dynasty The Light Snow in the Fishing Village. Ein traditionelles Werk wird hier zum persönlichen Reflexionsraum des Künstlers.

Kaleidoskopisch bespiegelt Chi Peng, die für ihn relevanten Aspekte eines selbstbestimmten Lebens, indem er die Perspektive des Affenkönigs einnimmt. „In der Journey-Serie war es mein vorrangiges Ziel aufrichtig und mit aller Hingabe einen Ausdruck für die Bilder meiner Erinnerung zu finden. Eine solche Grundhaltung ist die Voraussetzung meines Kunstschaffens.“ Seine neueste Arbeit, die Rauminstallation Soft, schafft aus 700 Bettdecken eine vom Besucher begehbare Oase der Stille. Kindheitserinnerungen und das gegenwärtige Bedürfnis nach einem privaten Schonraum jenseits alltäglicher Anforderungen kommen in Soft zusammen. Chi Pengs Werke machen einmal mehr deutlich, dass das Leben seiner Generation in China trotz aller materiellen Vorzüge und Freiheiten ein fortwährender Balanceakt zwischen nahezu unbegrenzten Möglichkeiten und dem Ringen um persönliche Integrität ist.


Das Interview mit dem Künstler fand im April 2008 in Peking statt. Ich danke Zhao Chong für seine Übersetzung und Beratung.

In: Young Chinese Artists. The Next Generation, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch und Cordelia Steiner.
September 2008
Sprache: englisch
296 Seiten
310 farbige Abbildungen

Besprechung des Buches auf der Website des Goethe-Institutes

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