Ein Spiel ist vorbei, ein neues beginnt
Die Malerei der Pekinger Künstlerin Chen Ke macht Kindheit zu einem Zukunftsprojekt ( en )

Young Chinese Artists, The Next Generation, Prestel Verlag, 2008-9

„Game over“, diese resolute Erklärung stickte Chen Ke (geboren 1978) im Frühling 2008 mit roten Perlen auf den unteren Rand der gleichnamigen Arbeit: Zwei weißbestrumpfte Mädchenbeine mit roten Schuhen ragen von oben in das Bild hinein und stehen auf einer blauleuchtenden vulkanähnlichen Erhebung. In Glaskugeln, die in der Lavamasse schwimmen, tun sich düster-romantische Landschaften auf. Hier ist jemand schlicht ‚ausgestiegen’.

Seit 2004 malt Chen Ke ihre melancholischen Kindsfrauen, setzt sie in ihren ersten Arbeiten der Verlassenheit des ungestalteten Bildraums aus, um sie ab 2006 in höchst unwirtlichen Gefilden auf die Sinnsuche zu schicken. Demonstrative Essensverweigerung, nutzlose Waffen, herabhängende Schultern, schwere Augenlider; Chen Ke lotet die psychische Dynamik ihrer Heldinnen aus und inszeniert sie in einer Art Traumästhetik.

Die Einordnung von Chen Kes Arbeiten in das derzeit international boomende Genre ‚Manga-Comic’ überblendet die künstlerische Mehrdimensionalität ihrer Werke. Da schweben z. B. mit Modelliermasse auf die Leinwand aufgetragene ‚Flecken’ haltlos im Bildraum und werden so zum wenig sicheren Träger der auf ihnen angesiedelten Szenen. Farbschichten über Farbschichten, craqueléartig aufbrechend oder in Tuschemanier zerfließend, lassen selbst wenige Zentimeter große Bildflächen ein Eigenleben gewinnen.

In den Skulpturen-Ensembles With you, I Will Never Feel Lonely (2007) und Quartet (2007) werden gar Möbelstücke zum Bildträger. So ergießt sich hier die Modellierpaste z. B. über der Rückenlehne eines gepolsterten Stuhles oder über Korpus und Tasten eines Spielzeugklaviers. Selbst die kleinsten Flächen bevölkert Chen Ke mit ihren Mädchengestalten. Auf einem anderen winzigen Fleck steht ein verlassener Stuhl inmitten einer apokalyptisch anmutenden Landschaft. Sogar in dieser minimalistischen Geste scheint konzentriert die Grundstimmung vieler Werke von Chen Ke auf: das Gefühl der Einsamkeit, Ausgesetztheit und Hilflosigkeit.

Als Gegenstück zu diesem Lebensgefühl formuliert Chen Ke die Erinnerung an ihre Kindheit: „Ich habe auch als Kind viel gemalt. Damals fühlte ich mich frei, aber auch geborgen. Ich konnte ganz in meiner eigenen Welt leben.“ Ihre Arbeiten lassen diese Erinnerungen im imaginativen Schonraum der Kunst wieder aufleben. So handelt es sich bei einigen der gestalteten Möbel um Stücke aus dem Familienbesitz. „Manche habe ich aber auch mit meiner Mutter auf dem Flohmarkt gekauft, weil sie Gegenständen ähnlich sind, die wir früher besaßen. Die Dinge erzählen Geschichten aus meiner Vergangenheit, die Malerei fügt Bildgeschichten hinzu.“

In den 2008 entstandenen Werken experimentiert Chen Ke mit weiteren Medien des künstlerischen Ausdrucks. So beginnt sie ganze Teile der Leinwand freizulassen und mit klarer Lasur zu überziehen. Mit feinen Perlen stickt sie Wellenformationen und Schriftzüge auf die Bilder. Füllten früher wiederholt puppenartige Mädchenköpfe die gesamte Fläche, so entstehen nun komplexe und nur angedeutete Figurenkonstellationen. „Diese neuen Arbeiten sind für mich wie ein Tagebuch. Es sind nicht mehr einfach zu lesende Bilderzählungen und es geht auch nicht mehr nur um den Blick nach innen. Die Kunst ist für mich wie eine Expedition und ich weiß nicht, wohin sie mich führen wird.“

Beim Besuch in ihrem Atelier liegen vor dem noch unfertigen Bild Is It Time to Do Something? (2008) drei aufgeschlagene Bildbände, einer mit klassischen chinesischen Landschaften, ein zweiter mit amerikanischen Landschaftsfotografien und eine C. D. Friedrich-Monografie. Es ist verblüffend, wie ähnlich sich die in allen Büchern gezeigten, abgestorbenen Bäume sind. Und genau ein solches Endzeit-Sinnbild findet sich in Is It Time to Do Something?, nur wenige Zentimeter groß und unterhalb einer Bergformation mit buckligen Steinmassiven, wie man sie von chinesischen Bildrollen kennt. Vor diesem Hintergrund gewinnen auch die ‚Leer-Stellen’ in Chen Kes neuen Arbeiten eine konkrete Bedeutungsdimension, verkörpert in der klassischen Landschaftsmalerei doch der ungestaltete Bildraum den Reflexionsraum für den Betrachter. „Bei den Bildern von C. D. Friedrich ist mir die Nähe zu den chinesischen Landschaftsmalern gleich aufgefallen. Auch atmosphärisch inspirieren mich diese Bilder sehr.“

Was Chen Ke allerdings auf dem übrigen Teil der Leinwand von Is It Time to Do Something? zeigt, hat nun gar nichts mehr gemein mit einem westlichen oder östlichen Vorbild. Zartes Rosé ergießt sich im Anschluss an das erdige Grün der Berge, eine Schlange nähert sich einem kleinen Mädchen. Und dann sind da noch die lamellenartigen Schwünge aus Perlen, die die gesamte Bildfläche überziehen. Chen Ke erzählt von den verschiedenen symbolischen Anspielungen die sie in dieses Bild einbringt: die Eröffnung z. B. einer Ausstellung oder einer Theatersituation. Sie weiß noch nicht, wie sich das Bild entwickeln wird. Eine Veränderung hat sie hingegen bewusst vollzogen, nämlich die Betitelung des Bildes im Bild und zwar auf Englisch und Chinesisch. Ihr sei der interkulturelle Dialog wichtig. Sprachliche Barrieren wären da nur hinderlich. Und außerdem sei die chinesische Gegenwartskunst schließlich keine rein chinesische Angelegenheit mehr.

Parallel zu Is It Time to Do Something? arbeitet Chen Ke an dem Bild Game over. Der ebenfalls ins Bild aufgenommene Titel und die dargestellte Szene erschrecken zunächst in ihrer kalten schwarz-blauen Tonalität. Die Stimme der Künstlerin bekommt einen aggressiven Unterton, als sie von der Intention des Bildes erzählt: „Dieses Bild markiert einen Wendepunkt. Ich möchte mich dem äußeren Trubel des Kunstbetriebs und anderen Formen der Fremdbestimmung möglichst weit entziehen. Dieses Spiel tut mir nicht gut.“ Kunst wird in diesem Sinne zum Reflexionsmodus über die äußeren Bedingungen des Kunstschaffens. Für die chinesische Kunstszene mit ihrer doch noch sehr jungen Erfolgsgeschichte, artikuliert Chen Ke in Game over einen Wunsch, der gerade unter den Künstlern ihrer Generation immer wieder geäußert wird: der Rückzug in eine Sphäre der Selbstbestimmung. Thematisch und technisch zeigen Chen Kes Arbeiten, die in den letzten Monaten entstanden sind, bereits, dass für sie ein neues Spiel begonnen hat.


Das Interview mit der Künstlerin fand im April 2008 in Peking statt. Ich danke Zhao Chong für seine Übersetzung und Beratung.

In: Young Chinese Artists. The Next Generation, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch und Cordelia Steiner.
September 2008
Sprache: englisch
296 Seiten
310 farbige Abbildungen

Besprechung des Buches auf der Website des Goethe-Institutes

The Ministry of Art

Vom 19. Juni - 18. Juli 2009 zeigt der Kunstverein Viernheim die Ausstellung: Another me in the world. Arbeiten der jungen chinesischen Künstlerin Chen Ke