Parallelwelten. Cao Fei bei Büro Friedrich, Berlin

artnet 2006-10-23

Coole Kids mit apathischem Blick, gekleidet in Kostüme bekannter japanischer Animé-Figuren, sitzen auf Zebra- oder Leopardenattrappen. Eine der Protagonistinnen ist im Begriff, schwarze Luftballons in den Himmel steigen zu lassen. Den Hintergrund der Szenerie bildet Pekings vom Smog verhangene Skyline.

Mit dem Namen der chinesischen Künstlerin Cao Fei (geb. 1978) verbinden sich skurrile Inszenierungen wie diese, entweder still gestellt auf großformatigen Farbfotos oder als Kurzfilm. Das Berliner Büro Friedrich zeigt derzeit neben bereits bekannten Arbeiten auch Video-Aufzeichnungen der Künstlerin, die einige Stationen ihres noch laufenden Hip-Hop-Projekts dokumentieren.

Die in Peking lebende Künstlerin Cao Fei lässt die Teilnehmer des Projekts Cosplayers (2004) in die Rollen ihrer favorisierten japanischen Animé-Figuren schlüpfen. An die Stelle des virtuellen Raums treten nicht weniger surreal anmutende chinesische Stadtlandschaften mit leer stehenden Häusergerippen oder ein nahezu ausgetrocknetes Flussbett. Andere Szenen zeigen die Helden in ihrem futuristischen Outfit gemeinsam mit den Eltern in den für China typischen beengten und ärmlichen Wohnungen. Da sitzt der Vater im Feinripp-Unterhemd vorm Fernseher, während sich die Tochter im Kampf-Dress die Fingernägel schwarz lackiert. In der U-Bahn sind es die irritiert-humorlosen Blicke der Fahrgäste, die die Kluft zwischen den Generationen evident werden lassen. Cao Fei macht mit Bildern wie diesen sichtbar, was nicht nur in China zum Alltag gehört: das Leben in Parallelwelten.

Genau diese starren Grenzen zwischen dem mediendominierten Leben der jüngeren und dem Alltag der Elterngeneration durchbricht Cao Fei in ihrem Hip-Hop-Projekt, das nach Stationen in China auch in New York und Berlin stattfand. Obwohl es sich bei der Problemkonstellation um ein globales Problem handelt, gestaltet sich in China die Sphärentrennung zwischen älteren und jüngeren Menschen noch radikaler, wenn man bedenkt, dass Kindheit und Jugend der Ersteren durch die Drangsal der Kulturrevolution geprägt war. Wie suspekt ihnen da die fantastische Vorstellungswelt der Nachgeborenen erscheinen muss, ist leicht nachzuvollziehen. Um hier eine Brücke zu schlagen, spielt die Künstlerin zum Beispiel einer Obstverkäuferin oder einem Bauarbeiter bekannte Hip-Hop-Tracks vor und führt sie in die grundlegenden Tanz- und Bewegungsformen ein. Wer die Formationstänze chinesischer Werkgruppen oder anderer Vereine kennt, die bei gutem Wetter auf Bürgersteigen oder in Parks proben, der weiß, dass Cao Fei bei diesem Projekt in China Anknüpfungspunkte findet, die im Westen so nicht existieren.

Die ältesten Vorläufer der japanischen Comic-Kunst sind Zeichnungen und Karikaturen aus dem achten Jahrhundert. Buddhistische Mönche zeichneten damals Bildergeschichten und Tierkarikaturen auf Papierrollen. Als Wegbereiter des modernen Manga gilt der Arzt Osamu Tezuka (1928–1989), der nebenher als Zeichner arbeitete. Beeinflusst vom Stil der frühen Disney-Zeichentrickfilme und von expressionistischen deutschen und französischen Filmen entwickelte er nicht nur die Grundlagen des heutigen Manga-Stils, sondern auch die Basis für die moderne Animé-Industrie.

Das japanische Außenministerium strebe durch einen stärkeren Einsatz der Popkultur wie Manga, Animé und Musik eine Neuausrichtung der auswärtigen Kulturpolitik an, so die Internetseite der Deutschen Botschaft in Tokio. Hintergrund dieses „weichen Ansatzes“ sei die Verschlechterung des Japanbildes in China und Südkorea. Chinas Ressentiments gegenüber Japan haben tiefe Wurzeln. Neben Erinnerungen an Kolonialisierung und Kriegsschrecken wartet man bis heute vergeblich auf eine offizielle Entschuldigung für das Nanjing-Massaker am 13. Dezember 1937, bei dem bis zu 300.000 Chinesen den Tod fanden. Immer wieder kommt es in China zu Unmutsbekundungen und zum Boykott gegen japanische Produkte. Nichtsdestotrotz schwappte die Begeisterung für die japanische Comic-Ästhetik à la Manga auch in den Alltag der chinesischen Hipster.

Auf der Website der Künstlerin beeindruckt die mediale Breite ihrer Arbeiten. Noch an der Kunstakademie in Guangzhou entstand das Theaterstück The Little Spark (1995), in dem sie das immer noch heikle Thema Kulturrevolution anspricht. Bereits in dem Stück Report on Body (2002) arbeitet Cao Fei mit Verfremdungseffekten durch grell-farbige Beleuchtung und inszeniert Bilder, die in ihrer Ästhetik an westliches Modern-Dance-Theater denken lassen. Bitterböse Sozialkritik übt sie in der Fotoserie „Rabid Dogs“ (2002) und nimmt den verlogen-anbiedernden Verhaltenskodex der heutigen Geschäftswelt ins Visier. Dass die bemalten Gesichter der Mensch-Tier-Gestalten dabei an die Masken der Peking-Oper denken lassen, zeigt einmal mehr, aus welch großem Fundus internationaler künstlerischer Formensprache Cao Fei bei ihrer Arbeit schöpft.

Immer wieder wird der geringe Anteil von Künstlerinnen in der chinesischen Kunstszene beklagt. Als einzelne kann Cao Fei daran nur wenig ändern, qualitativ hat sie bereits jetzt einen höchst eigenwilligen Beitrag zum internationalen Dialog der Künste geleistet.

Cao Fei, Büro Friedrich, Berlin. Vom 2. Oktober bis 11. November 2006

„totalstadt. beijing case“ (Gruppenausstellung), Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe. Vom 24. September 2006 bis 7. Januar 2007

Ulrike Münter