Knall und Rauch

2006-08-28

Der Wolf, das nicht domestizierbare Tier. Bereits einige internationale Künstler hat der unzähmbare Charakter des nomadischen Rudelgängers beflügelt. In China wurde 2004 das unter dem Pseudonym „Jiang Rong“ erschienene Buch „Wolf Totem“ gar zum Kassenschlager.

„Nein!“, mit der Idee dieses äußerst skurrilen Machwerks, das dem modernen Chinesen seine verloren gegangenen Eigenschaften der Wolfsnatur anempfiehlt, hat das Multi-Media-Projekt Head On nichts zu tun, erklärt der in New York lebende chinesische Künstler Cai Guo-Qiang (geb. 1957). Die am vergangenen Freitag eröffnete, noch bis zum 15. Oktober im Deutsche Guggenheim Berlin zu sehende Ausstellung hat vielmehr die „Allgegenwärtigkeit deutscher Geschichte in Berlin“ im Blick. Der am Sonntag zum Vortrag ins Guggenheim geladene Pekinger Kunstwissenschaftler Zhu Qingsheng sieht in den Schießpulverarbeiten zudem einen Rückbezug des Künstlers auf die ursprüngliche Kunst-Definition Chinas.

Wie viele „international renommierteste chinesische Vertreter zeitgenössischer Kunst“ (Pressetext) gibt es, fragt man sich immer häufiger, wenn man die Präsentation von Künstlern aus dem Reich der Mitte im Ausland verfolgt. Und ist ein Künstler, der seit 1986 erst in Japan und anschließend in New York gelebt hat, immer noch Vertreter einer Kunstszene, die ihre Mechanismen kontinuierlich neu definiert? Es sei bezweifelt, ob man chinesischen Künstlern mit dieser Form des inhaltsleeren Anpreisens wirklich einen Gefallen tut. Auf die Frage, ob es ihn nicht dränge, seinen Wohnsitz wieder nach Peking zu verlegen - um unmittelbar an den dortigen Entwicklungen teilzuhaben - antwortet Cai Guo-Qiang kurz und knapp: „Nein“. Marktstrategisch gibt es dafür auch keinen Grund, wie die nicht enden wollende Liste seiner Performances und Ausstellungen zeigt. Im Rahmen der Olympia-Vorbereitungen kann China den Künstler gar als Mittler zwischen West und Ost einsetzen. In Zusammenarbeit mit dem Filmregisseur Zhang Yimou wird Cai die Eröffnungs- und Schlusszeremonie der 2008 in Peking stattfindenden Spiele gestalten. Soviel zum Kunstmarkt.

Ein Rudel von 99 Wölfen hetzt durch den schlauchartigen Ausstellungsraum des Guggenheim-Museums auf eine Glaswand zu. Den Tieren droht sämtlich das gleiche Schicksal, nämlich, sich beim Aufprall das Genick zu brechen. Head on – kopfüber ‑ dem Anführer folgend, rennen sie ins eigene Verderben.

Die gezeigte 9 x 4 Meter große Schießpulver-Zeichnung entstand einige Tage vor der Vernissage unter den Blicken ausgewählter Besucher im Innenhof des Guggenheim Museums. Auch hier erkennt man ein Wolfsrudel, dass in einem einer Arena gleichenden Oval Jagd auf Unbekannt macht. Eine chinesische Ausstellungsbesucherin ist fasziniert von der ästhetischen Parallele traditioneller chinesischer Tuschemalerei zu den Schmauch- und Brandspuren, die Cai Guo-Qiangs Explosionen auf dem Japanpapier hinterlassen haben. Und wirklich, es ist die Spannung zwischen der fein strukturierten und in erdigem braun-ocker gehaltenen „Zeichnungs-Technik“ und der höchst aggressiven Szene der Wolfsjagd, die diese Arbeit auszeichnet.

Die Werkkonstellation aus Installation und „Zeichnung“ überzeugt. Wäre da nicht der ohrenbetäubende Lärm explodierender Feuerwerkskörper! Die Tonspur ist eigentlich Teil einer Flachbildschirm-Übertragung im Eingangsbereich, welche retrospektiv Cai Guo-Qiangs Feuerwerk-Performances zeigt. Was man hier sieht, ist Silvester-Spektakel; den eigentlichen Kontext der Aktionen kann eine solche Präsentation nicht vermitteln. Eine Großleinwand lässt uns zudem vermittelt teilhaben an der funkensprühenden Aktion des 11. Juli, bei der die Kulisse eines Einfamilienhauses vor dem Panorama der Anhalter Bahnhof-Ruine mit Knall, Rauch und viel farbigem Lichterglanz in die Luft gejagt wurde. Eine kleine Gruppe geladener Gäste durfte hier direkt partizipieren, der Ausstellungsbesucher erhält das mediale Surrogat.

Hier geht etwas nicht zusammen, auch wenn es thematisch zusammen gehört. Sicherlich sind die Schießpulver-Zeichnungen Produkt von Knall und Rauch, doch lebt das entstandene Werk genau vom verhallten Lärm, von der scheinbar kontemplativen Oberflächenwirkung, von dem Nachhall der eigentlichen Aktion. Die Arbeit akustisch nun wieder mit ihrer Vorform zu kontextualisieren bekommt ihr nicht gut.

Der Pekinger Kunstwissenschaftler und Herausgeber des „Chinese Contemporary Art Yearbook“, Zhu Qingsheng, blickt bis in die ruhmreichen Zeiten der Han-Dynastie (221 v. Chr. – 220 n. Chr.) zurück, wenn er über die „Chinese Origins of Cai Guo-Qiangs Art“ spricht. Hier tun sich für den westlichen Zuhörer Welten auf, denn plötzlich geht es nicht mehr um Ruhm und Medienpräsenz, sondern um einen Künstler, der sich auf das bezieht was in der chinesischen Tradition ursprünglich „yishu“ – nur unzulänglich mit Kunst zu übersetzen – war. Einzig dem Kaiser als „Sohn des Himmels“ stand es zu mit der Sphäre des Himmels in Verbindung zu treten. In einem aufwendigen Zeremoniell huldigte er dieser Ehre, indem er einen heiligen Berg bestieg, um dort mit Schießpulver und Holz Rauchwolken in den Äther zu senden. Kunst war in diesem Sinne „eine magische Handlung“. Diese Bedeutungsebene ging auch in China bereits im fünften Jahrhundert n. Chr. verloren. Cai Guo-Qiang knüpfe mit seinen Schießpulver-Arbeiten an diese alte Tradition an - was allerdings in China bis vor einigen Jahren nicht erkannt und auch nicht anerkannt wurde – erläutert Zhu.

Die Ironie dieses offiziellen Unverständnisses ist nicht überhörbar. Bis ins Jahr 2000 durfte Cai Guo-Qiang nicht in der Heimat ausstellen. Erst die Anerkennung des Westens brachten Cai das Wohlwollen im eigenen Land zurück. „Cai und ich haben die Kulturrevolution und auch die folgenden Reformen in China miterlebt. Mit Explosionen verbindet sich für unsere Generation auch ein Gefühl der Befreiung, der kraftvollen Veränderung. Wenn Cai im chinesischen Taiwan-Museum einen Banjan-Baum – das Wahrzeichen für die Einheit Chinas ‑ symbolisch explodieren lässt und daraus eine Baumzeichnung entsteht, dann ist das ein höchst provokativer Akt. Denn diese spezielle Baumart wächst sowohl in Festland-China, als auch in Taiwan. Da geht es nicht mehr um den starren Begriff von Wiedervereinigung, sondern um eine frei gewählte Einheit im Geiste, um gemeinsame Wurzeln.“

Wie chinesisch ist die Kunst eines chinesischen Künstlers, der es vorzieht in New York zu leben - und wie unproduktiv ist diese Frage zugleich? Es ist an der Zeit sich entweder wirklich für traditionelle Bezugssysteme chinesischer Kunst zu interessieren oder die „Chineseness“ chinesischer Kunst ganz auszublenden. Denn auch die Werke chinesischer Künstler haben eine autonome Aussagekraft, betont der New Yorker Kunstwissenschaftler Nicholas Mirzoeff in seinem Vortrag „Striking: The Right to Strike/Striking the Right“. Zwar sei er nie in China gewesen, Cai Guo-Qiangs Arbeiten hätten ihn aber sofort fasziniert und er halte sie auch vor dem westlichen Hintergrund für äußerst aussagekräftig.

Cai Guo-Qiang: „Head On“, Sammlung Deutsche Bank, Guggenheim Museum Berlin. 26. August bis 15. Oktober 2006