Zhang Dali. Graffiti als Signatur des Aufbegehrens

FOCUS ASIA. Einblicke in die Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 2011-10

Als Zhang Dali (*1964) 1995 aus dem italienischen Exil zurückkehrt, befindet sich die chinesische Hauptstadt bereits in einem beschleunigten Modernisierungsprozess. Abrissszenarien löschen in rasendem Tempo das alte Peking mit seinen Gassen und Hofhäusern aus. Gleich einer Signatur des Aufbegehrens gegen diesen Authentizitätsverlust und auch als Stimme derjenigen, die gewaltsam aus dem vertrauten Netzwerk der Nachbarschaft gerissen wurden, beginnt der Künstler seinen Graffiti-Feldzug. Bis 1998 entstanden bereits mehr als 2000 seiner Glatzkopf-Konturen, die er beispielsweise auf Restmauern von Abrisshäusern sprayt.

Inspiriert durch die westliche Streetart-Szene gilt Zhang Dali seit seiner Rückkehr aus Italien als Pionier des chinesischen Graffiti. Bleibende künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum waren bis dato kaum denkbar in China. Unter den Pseudonymen „AK-47“ und „18K“ hinterlässt er seinen überdimensionierten ‚Glatzkopf im Seitenprofil’ auf nutzlos gewordenen Gemäuern. Die figurativen Signaturen bilden somit ein Äquivalent zu den altbekannten bildreichen Belehrungstafeln, mit denen die Bürger bis heute zu besserem Benehmen im Alltag aufgefordert werden. Während „AK 47“ die Abkürzung für ein berühmt-berüchtigtes sowjetisches Gewehr ist und Zhang Dali damit auf die zunehmende Gewalt in der Gesellschaft anspielt, steht „18K“ für 18 Karat, also den neuen Wohlstand in China.

Den Fotos seiner stummen Redner gibt Zhang Dali den Titel Dialogue. So rücken in den gewählten Bildausschnitten die Relikte des schon bald Verschwundenen in kommunikative Nähe zu Gebäuden postmoderner chinesischer Metropolen. Aus der Froschperspektive schauen wir zum Beispiel auf den Jin Mao Tower in Shanghai. In einem anderen Foto trohnt dort, wo einst Kinder spielten, der Pekinger Konsumtempel Time Plaza. Eine Sonderrolle in dieser Serie nimmt das gesprayte Kopf-Kollektiv von Dialogue – China National Art Gallery (1999) ein. Hier treffen etablierte und freie Kunstszene symbolisch zusammen. Zeitgenössisch gewendet und nach Asien importiert, übernimmt Zhang Dalis gespraytes Alter Ego die Rolle des ‚Zeigers‘, wie wir ihn aus europäischen Historienbildern kennen.

Erst 1998 kommt die chinesische Polizei Zhang Dali auf die Spur und erkundigt sich bei ihm nach der Motivation seiner Aktionen. Sanktionen bleiben aus. Dass die gesprayten Symbolträger nicht wirklich als Störung der öffentlichen Ordnung wahrgenommen werden, bezeugt die zweite und zeitaufwendigere Variante von Dialogue, die der Künstler – weniger versöhnlich – Demolition nennt. Bei diesen Arbeiten schlägt er den Innenraum der Graffiti-Kontur heraus, sodass der Blick freigegeben wird auf das, was dahinter liegt. Beispielsweise erscheint in Demolition, Forbidden City, Beijing (1998) die Dachformation der Verbotenen Stadt. Während also die Wohnquartiere des ‚alten Beijing‘ dem Fortschritt weichen müssen, erstrahlt der ehemalige Kaiserpalast in ewigem Glanz.

In Empathie mit einer weiteren Gruppe von Menschen, die nicht angemessen am Fortschritt ihres Heimatlandes partizipieren, kooperiert Zhang Dali in seiner Rauminstallation Chinese Offspring (2003–2005) mit chinesischen Wanderarbeitern. Der Künstler lädt hundert von ihnen ein, sich von ihm abformen zu lassen. Chinese Offspring zeigt die in Harz und Fiberglas gegossenen Stellvertreter dieser Frauen und Männer an Seilen befestigt und kopfüber im Ausstellungsraum hängend. Ein schonungsloser Fingerzeig auf das Lebensgefühl derjenigen, die mit ihrer Hände Arbeit das schnelle Wachstum der Städte erst ermöglichen.

Die Frage nach den Verlierern der historischen Umbruchphasen in China bildet den roten Faden in Zhang Dalis Kunstschaffen. Im Blick zurück auf die Zeit der Kulturrevolution bringt seine 2005 begonnene und bis heute fortgesetzte Foto-Serie A Second History retuschierte Pressefotos mit den entsprechenden Originalaufnahmen zusammen. Da verschwinden unliebsam gewordene Parteigenossen des ‚Großen Führers Mao Zedong’, Hintergrundlandschaften werden ausgetauscht und Größenverhältnisse neu definiert. „Ein Foto, das eigentlich eine tatsächliche Begebenheit zeigte“, so der Künstler, „wird zu einem Gemälde“. A Second History bringt die global gültige Tatsache auf den Punkt, dass Geschichte von Menschen gemacht und geschrieben wird. Zhang Dali gibt den Opfern dieser Strukturen eine Stimme.


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