?> Yue Minjun. Hohn und Spott | Ulrike Münter

Yue Minjun. Hohn und Spott

AUFGESTELLT. Skulpturen aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 10-2013

Yue Minjun (*1962) ist bekannt für seine hysterisch grinsenden Klone. In oftmals widernatürlicher Körperhaltung bevölkern sie die Leinwände oder provozieren als raumgreifende Skulpturen. Bonbonfarben und grob gearbeitet, sabotieren die zu Fratzen verzerrten Gesichter jede Form der ernsthaften Kommunikation. Zu Kollektiven versammelt, verströmen sie die Kraft absoluter Sinnverneinung.

Wer oder was wird hier verlacht? Junge Männer und Frauen blecken eine Überzahl strahlend weißer Zähne, die Augen zu schmalsten Schlitzen zusammengepresst, legen sich die Falten ihrer Gesichter maskenhaft um den im Grinsen erstarrten Mund. In den 1990er-Jahren sind es noch unterschiedliche Personen, später besetzt Yue Minjun alle Positionen der Szenerie mit dem Abbild seiner selbst.

Die Welt ist aus den Fugen, das Leben eine Farce. Was bleibt dem Künstler anderes als höhnisches Gelächter, um nicht in lähmende Schwermut zu verfallen? So – oder ähnlich – könnte man die Stimmung der Intellektuellen nach den blutig niedergeschlagenen Protesten im Sommer 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking beschreiben. Anfang der 1990er-Jahre wurde das Künstlerdorf Yuanmingyuan am nordwestlichen Rande der Hauptstadt für viele Künstler zum Ort des kreativen Widerstandes, so auch für Yue Minjun. Gemeinsam und jeder für sich suchten sie hier nach Ausdrucksmöglichkeiten für ein Lebensgefühl, das diskrepanter kaum sein könnte: überbordende Kraft und Aufbruchsstimmung bei gleichzeitiger äußerer Erstarrung.

Als „Verkörperung von Oberflächlichkeit“ beschreibt der Kunstkritiker Li Xianting die Werke von Yue Minjun und spielt damit auf dessen systematische Ignoranz gegenüber technischen Finessen und klassischen Kunstidealen an. Der Künstler bestätigt diese Einschätzung und betont, dass er es grundsätzlich ablehne, lange an formalen Details zu feilen. Der dumm grinsende Klon solle in seiner wiederkehrenden Präsenz als eine Art Anti-Held die Rolle eines Idols übernehmen. Die Multiplikation der Figur potenziere deren Kraft. Denn wirkt eine grinsende Gestalt noch amüsant, so umgibt eine Gruppe von bis zu 25 Doubles bereits eine provokative Aura. Wo lautes Lachen erschallt, erstirbt die Möglichkeit der Vereinnahmung von außen. Lachen wird hier zu einem Schutzwall, zu einer Strategie der Selbstbehauptung, zur Drohgebärde. Was sich in Yue Minjuns Arbeiten artikuliert, ist der entschiedene Widerstand gegen fremdbestimmte Leitsätze. Zunächst könnte man glauben, es ginge dem Künstler um einen Akt der Selbstverhöhnung. Auf den zweiten Blick entpuppt sich sein Szenario aus zumeist frontal den Betrachter verlachenden Gesichtern als klares Nein zur Aufforderung, im Spiel der Gesellschaft die zugewiesene Rolle einzunehmen.

Nein, die düsteren Farben der klassischen Kunst hätten ihm nie gefallen, so Yue Minjun. Im Alltag würden die bunten Farben der Werbung den Ton angeben. Warum also solle die Kunst sich nicht auch dieser appellativen Energie bedienen? Umso irritierender wirken die unbehandelten und durch Witterungseinflüsse mit einer fleckigen Patina überzogenen Bronzeskulpturen des Künstlers, die allerdings erst mit einem zeitlichen Abstand von mehr als zehn Jahren zum traumatisch besetzten 4. Juni 1989 entstehen. Statue C (2003) beispielsweise zeigt eine der typischen männlichen Einzelfiguren. Auf einem Sockel platziert, hebt die lachende Gestalt die Hände zu einer jede Annäherung abwehrenden Gebärde. Die vergangene Zeit hat der Bronze ihren Glanz genommen. Mittlerweile wächst Gras um den stumm Revoltierenden herum. Die Erlebnisse des 4. Juni hingegen bleiben unvergessen.


AUFGESTELLT. Skulpturen aus der Sammlung Wemhöner, Kerber Verlag 10-2013