Was vom Tage bleibt
Die Bilder-Chronik von Xia Xing ( en | cn )

Galerie Urs Meile Beijing - Lucerne, 2006-12

Den Tag mit dem Blick in die Zeitung zu beginnen, heißt: den Schonraum des Privaten zu verlassen. Selten halten die Blätter aus Altpapier Gutes für den Leser bereit. Denn nicht nur in Kunst und Literatur richtet sich der Fokus der Aufmerksamkeit zumeist auf die Schattenseiten des Daseins, auch den Journalisten zieht es pflichtgemäß zu Orten des Unglücks oder Skandals, der Trauer oder der Machtbekundung. Jeder Tag bringt neue Zeitungen, neue Nachrichten usw. Gezeiten ähnlich überspülen Text- und Bilderflut die zuvor gespeicherten Informationen des Lesers.

2004 begann der in Peking lebende chinesische Künstler Xia Xing (geboren 1974 in Shihezi, Provinz Xinjiang) seine Bilder-Chronik. So wählt er aus den Ausgaben der seit November 2003 täglich erscheinenden „Neuen Pekinger Zeitung“ (Xin Jingbao) Titelseiten-Abbildungen von Ereignissen aus und überträgt die Szene des Presse-Photos ‑ mehr oder weniger detailgetreu ‑ in Öl und mit oftmals breitem Pinselstrich auf Leinwände des immer selben Formats: 70 cm Höhe auf 100 cm Breite. Handelt es sich bei der Zeitungsabbildung um ein Hochformat, so zwingt die selbstauferlegte Beschränkung auf einen querformatigen Bildträger Xia Xing zum stärker modifizierenden Zugriff.

Jede Jahres-Serie umfasst 60 Bilder, die jeweils mit dem Erscheinungsdatum der Zeitung betitelt sind. Die diesbezügliche Zeitungsseite, auf der sich das Vorlagenfoto und der dazugehörige Artikel befinden, sind grundsätzlich Teil der Arbeit, werden aber nicht unbedingt mit ausgestellt.

Bilder ohne Schlagzeilen

Wie funktioniert das Bildgedächtnis des Zeitungslesers? Inwiefern sind Presse-Bilder noch Informationsträger, wenn man ihnen die Schlagzeile entzieht? Und: Gibt es ein globales Bildgedächtnis? Vor Xia Xings Bildern erfährt der Betrachter die Möglichkeiten und Grenzen des Mediums am eigenen Leibe. Sicherlich werden dem chinesischen Betrachter noch wesentlich mehr Bildinhalte vertraut sein als dem nicht-chinesischen. Zumal wiederholt Schriftzeichen auf Stoffbannern oder Schildern Teil der dargestellten Szene sind. Im Falle von 05.05.21 und 05.10.17 steht die Schrift gar im Zentrum des Bildes. Könnte der kniende und apathisch starrende Mann mit Schild um den Hals zunächst durchaus an eine öffentliche Demütigung denken lassen, so erfahren wir durch die Schildaufschrift, dass es sich hierbei um eine Vermisstenanzeige handelt, mehr noch: der den Verlust seiner Ehefrau Beklagende droht im selben Atemzug mit einem Racheakt. „Ich suche meine Frau Ma Yanchun. Wenn Sie innerhalb der nächsten drei Tage nicht zurückkehrt, werde ich jemanden umbringen“, heißt es dort wörtlich.

Mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Ereignis, auf das das Presse-Foto Bezug nimmt, entzieht sich auch dem informierten Zeitgenossen der Bildkontext. Zudem entscheidet sich der Künstler dagegen, die Schlagzeile als Bildtitel anzuführen. Xia Xings ‚Bild nach dem Bild’ aktiviert somit eine gedankliche Suchbewegung beim Betrachter, ein Recherchieren im eigenen Wissenshorizont, einen virtuellen Gang ins individuelle Bild- und Informationsarchiv. Eine weitere Quelle des neuen Zugangs zum Bild ist der dazugehörige Zeitungsartikel. Gerade im Gegenüber mit Bildern der 2004er- aber auch der 2005er-Serie fällt dabei auf, wie schnell ein eventuell sogar höchst emotional aufgeladenes Geschehen nicht mehr erinnert werden kann. Was hat die Person von 05.02.17 so zugerichtet? Ist es eines der unzähligen Grubenunglücksopfer, das die Frau von 05.05.20 beklagt? Manchmal sind noch vage Zuschreibungen möglich. So liegt es beispielsweise nahe, dass es sich bei der Männergruppe von 05.11.27, um eine offizielle Delegation und einige Journalisten handelt, die die Folgen einer Umweltkatastrophe begutachten. Dass nicht umgehend der konkrete Fall in den Sinn kommt, ist der Regelmäßigkeit solcher Nachrichten geschuldet.

Xia Xings Arbeiten lassen die Zeit imaginär rückwärts laufen, verkehren das Prinzip der Presse-Photographie in ihr Gegenteil. War es doch die Leitmaxime dieses Bilder mit zeitlich möglichst geringem Abstand zum abgelichteten Geschehen den Leser zu erreichen. Xia Xing reaktiviert den „Schnee von gestern“ und gibt ihm eine neue Funktion. Losgelöst von der konkreten Schlagzeile lassen seine Bilder-Serien gewahr werden, wie vergänglich Interesse, Empörung oder Betroffenheit sind. Wiederkehrende Motive wie z. B. das Zusammentreffen von Politikern, Menschenansammlungen, das Einschreiten der Polizei, Minenunglücke und Umweltkatastrophen machen eine Kontinuität des kurzzeitig Aktuellen sichtbar, die der Schlagzeile im Rückblick die Schlagkraft nimmt.

Medialer Sprung: Vom Foto zum gemalten Bild

Vergleicht man die Photographien mit Xia Xings Malerei, fallen ‑ trotz offensichtlicher Präferenz für den Bildinhalt gegenüber formalem Originalitätsstreben ‑ Variationen bei der Maltechnik auf. Während der Künstler Szenen politischer Machtpräsentation wie z. B. bei 05.04.30 und 05.05.13 mit plakativ flachem und nahezu monochromem Farbauftrag darstellt, werden Gesichter, aber oftmals auch Hintergrundkulissen von Szenen, die menschliches Leid oder auch Glück thematisieren, mit flackernder Lichtdramaturgie durchgestaltet. In 05.01.06 ist es die Titelseitenschlagzeile und Zurschaustellung des soeben geborenen 1,3 milliardensten Chinesen; in 05.01.19 die Entführung chinesischer Gastarbeiter im Irak. Ob neuer Erdenbürger mit frisch rosiger Haut umgeben von reinlich gekleideten OP-Schwestern und blütenweißer Bettwäsche oder vom Tode bedrohte Opfer irakischer Gewaltherrschaft in lebensfeindlichem Grau, Blau und staubig-beiger Tonalität: es ist die nachgerade grob-expressive Pinselführung und die farbliche Intensität der Bilder, die malerisch einen Zustand der Aufgeregtheit ins Bild spiegeln. Die ins Werk übernommene Frosch- oder Vogelperspektive vieler Photos steigert die Unruhe zusätzlich.

Unmissverständliches künstlerisches Statement von Xia Xings Jahres-Serien ist das Angleichen der Formate. Ohne Rücksicht auf das Thema der Bildvorlage werden alle Szenen in ein Querformat gebracht. Die dichte Hängung auf gleicher Höhe verleiht den Bildern noch zusätzlich den Status kollektiver Zusammengehörigkeit. „Ich möchte die gängige Bewertung von Ereignissen als wichtig oder unwichtig aufheben“, so Xia Xing. Ob politischer Würdenträger oder Grubenarbeiter, menschliche Höhen und Tiefen, Korruptionsskandal oder Börsenkursentwicklung: Xia Xing reiht sie in den Bilderstrom ein, lässt sie Teil einer sukzessive voranschreitenden Geschichte werden, die wir Tag für Tag miterleben oder von deren Begebenheiten wir z. B. durch die Zeitung Notiz nehmen. Der Künstler entreißt exemplarisch einige Vorkommnisse dem Vergessen, lässt sie im Malprozess erneut aufleben, gibt ihnen durch die Wahl der Maltechnik eine persönliche Prägung und überlässt die Bildersammlung dem Betrachter. Indem Xia Xing sich für die Malerei in ihrer unhintergehbaren Nähe zum Bildgegenstand entscheidet, übernimmt er als Malender den Dienst des Archivaren. Nicht nur die Information an sich wird hier konserviert, sondern auch die empathische Verbindung von Ereignis (samt den involvierten Personen) und Betrachter.

Der Künstler als Chronist

Jede Kunstgeschichte, sei es die des Westens oder Ostens, definiert die Funktion und Position des Künstlers innerhalb der Gesellschaft periodisch neu. Der Anfang des 20. Jahrhunderts blühenden und im internationalen Austausch agierenden Kunstszene Chinas verordnete die frühe Volksrepublik und erst recht die Kulturrevolution eine radikale Zwangspause. Jäh vom Rest der Welt abgeschnitten, wurde so die Weiterentwicklung einer eigenständigen chinesischen Moderne zunächst unmöglich gemacht. Kunst gab es unter Mao Zedong nur noch als verlängerten Arm der Partei. Die Bildsprache wurde auf die des sozialistischen Realismus reduziert. Nach der Öffnung des Landes Ende der 1970er Jahre suchten die Künstler Chinas in den verschiedensten Gattungen nach neuen Ausdrucksformen, die der eigenen Befindlichkeit und Intention entsprachen. Neben einer Neubelebung der Landschaftsmalerei und Kalligraphie, dem schrill-bunten Mao-Pop, dem provokativen Gestus des Zynischen Realismus gibt es die Gruppe von Künstlern, zu der Xia Xing zu rechnen ist. Nicht die Kunst um der Kunst willen interessiert, Kunstschaffen ist Lebenshaltung, dient zur Standortbestimmung innerhalb der sich rasant wandelnden Lebenswirklichkeit. Nicht das Scheinwerferlicht des Kunstbetriebs, die eitle Zurschaustellung der eigenen Originalität zählt. Der Kontext des alltäglich Erlebten wird zum Thema der Arbeit.

Dementsprechend konsequent wirkt Xia Xings Entscheidung, als in Peking lebender Künstler eine Tageszeitung ins Visier zu nehmen, die mit täglich mehr als 450.000 verkauften Exemplaren (Angabe der Zeitung) nicht unwesentlich das Meinungsbild der Hauptstadt-Öffentlichkeit prägt, aber auch repräsentiert. Zumal sich gerade diese Zeitung – auch wenn sie der Partei untersteht – zum Ziel gesetzt hat, verstärkt die Stimme der sich neu konstituierenden Mittelschicht zu sein. Neben offiziösen Meldungen aus Politik und Wirtschaft gibt es ebenso kritische Berichte über das Fehlverhalten von Behörden. So informierte man über die fragwürdige Behandlung von SARS-Patienten oder unterlassene Warnungen der Bevölkerung vor einem Unwetter. In einer redaktionellen Notiz heißt es: „Wir übernehmen für unsere Nachrichten jegliche Verantwortung. Einiges werden wir nicht berichten können. Wir werden aber auch keine falschen Nachrichten melden.“ Auch wenn von Pressefreiheit im westlichen Sinne in China keine Rede sein kann, markiert die „Neue Pekinger Zeitung“ einen Umbruch in der Presselandschaft und spiegelt gleichzeitig die sich verändernde Lebenswirklichkeit der chinesischen Metropolenbewohner. Xia Xings Bilder-Chronik dokumentiert diese Entwicklungen. Seine eigene Perspektive schreibt sich durch die Wahl des Photos und der Maltechnik untrennbar in die dargestellten Szenen ein.

Ohnmacht und Wut
Ulrike Münter und Su Xiaoqin im Gespräch mit Xia Xing

Ulrike Münter: Wie kam es zu der Entscheidung, die Titelseiten-Photos der „Neuen Pekinger Zeitung“ (Xin Jingbao) zum Thema Deiner künstlerischen Arbeit zu machen?

Xia Xing: Studiert habe ich eigentlich Druck-Graphik und meine ersten künstlerischen Arbeiten waren abstrakt. Dann habe ich angefangen zu photographieren: menschenleere Straßen, Architektur usw. Irgendwann kam der Moment, an dem das nicht mehr meinem Lebensgefühl entsprach. Ich lebe hier in Peking, bin Teil dieser Gesellschaft, das sollte sich auch in meiner Arbeit als Künstler widerspiegeln. Und gerade in diesen Zeitraum fiel die Gründung der „Xin Jingbao“. Es gibt einige wirklich engagierte und kritische Journalisten bei dieser Zeitung. Ich lese sie seitdem jeden Tag, wie auch viele andere Pekinger.

Ulrike Münter: Indem Du alle Bilder der Serien „2004“, „2005“ und „2006“ vom Format her angleichst, nimmst du den höchst unterschiedlichen Themen, die dort angesprochen werden, die je eigene Dimension. Warum?

Xia Xing: Das ist alles in gleicher Weise Realität. Und auch wenn politische Ereignisse von größerer Relevanz zu sein scheinen als z. B. Einzelschicksale: die Ebenen sind untrennbar miteinander verknüpft. Ich möchte in der Mitte stehen, will durch meine Arbeit eine andere Perspektive auf die Dinge bekommen. Manchmal macht mich eine Nachricht sehr wütend, ich weiß aber natürlich, dass ich keinen Einfluss auf die Dinge habe. Es ist dieses Gefühl der Ohnmacht, aber auch Wut. Wenn ich male, ist das der Versuch, zumindest während des Malens diesem Gefühl zu entrinnen.

Ulrike Münter: Sind die Presse-Photos alle Eins zu Eins ins Bild übernommen, oder wählst Du manchmal auch Ausschnitte, bestimmst also ein dramatisches Zentrum und lässt Teile der Photos weg? Was ist z. B. mit 05.06.14, (Kratzspuren auf rissigem Untergrund)? Das Bild ist mir sofort aufgefallen. Man kann sich das Photo dazu gar nicht vorstellen.

Xia Xing: Einerseits wähle ich Photos von Ereignisse, die in der Öffentlichkeit eine große Resonanz gefunden haben. Die übernehme ich weitestgehend so wie sie sind. Andererseits – und das ist bei diesem Photo in besonderem Maße der Fall – sind es Bilder, die mich in irgend einer Weise berühren. Das Bild mit den Kratzspuren bezieht sich auf ein Unglück in der Provinz Liaoning. Ein Fluss ist dort über die Ufer getreten und hat eine Schule überschwemmt. Viele Kinder sind dabei ums Leben gekommen. Die Lokal-Regierung hätte das verhindern können, es gab Wettervorhersagen, die befürchten ließen, dass so etwas passiert. Man hätte die Lehrer und Schüler warnen können.

Su Xiaoqin: Und von wem sind die Kratzspuren?

Xia Xing: Ob die Kratzspuren auf dem Bild von Menschen sind, die versucht haben sich zu retten oder von Menschen, die versucht haben andere zu retten, weiß man nicht, ist aber auch egal. Es ist die Ohnmacht, die hier quasi sichtbar wird. Solche vermeidbaren Unglücksfälle machen mich besonders wütend. Mich erinnerte diese Nachricht aber auch sofort an ein Unglück in meiner Heimat. Ende 1994 ist dort ein Ölfeld in Brand geraten, gerade zu dem Zeitpunkt fand ganz in der Nähe ein Fest statt, bei dem die besten Schüler und Schülerinnen der Provinz Xinjiang geehrt wurden. Weil man zuerst die Kader mit Bussen evakuierte, verbrannten 200 Kinder. Dieser Tag ist bis heute ein Trauertag in meiner Heimat.

Su Xiaoqin: Das Bild lässt aber so gar nicht mehr an ein Foto denken. Es hat eine ganz andere Ästhetik. Es sieht aus, als hättest Du Deine eigene Wut ins Bild gekratzt.

Xia Xing: Ja, könnte man so sehen. Die Hände waren auf dem Photo sehr viel kleiner, hier habe ich einen Ausschnitt vom Photo gewählt und die Hände vergrößert.

Su Xiaoqin: Hier hast du also mehr verändert, als bei den meisten anderen Bildern?

Xia Xing: Ja. Grundsätzlich entscheide ich die Technik, mit der ich ein Bild male, jedes Mal neu. Das hängt vom Bildgegenstand ab. Nehmen wir zum Beispiel das letzte Bild aus der 2005er Serie, 05.12.16. Es geht um den Unfall eines Radrennfahrers. Oder die Bilder, die irgendwelche politischen Repräsentanten zeigen wie 05.04.30 oder 05.05.13. Diese Themen bearbeite ich mit einer viel größeren Distanz.